Der Umgang mit Tieren tut Kindern gut. Diese Erfahrung hat Diplom-Psychologin Annette Gomolla in vielen Jahren Therapiearbeit gemacht. Sie möchte mit einer Jugendfarm und einem Therapiehof in Singen auch Stadtkindern diesen Kontakt ermöglichen. Dort soll es Pferde, Ziegen, Schafe, Esel und Kaninchen geben. Jetzt fehlt nur noch ein stadtnahes Grundstück von mindestens 2500 Quadratmetern, auf dem sich das Projekt verwirklichen lässt. Angesprochen sind private Grundstückseigentümer, die sich für die Idee begeistern können. Gomolla hat das Konzept mit Finanzierung in allen Details ausgearbeitet und im Sozialausschuss vorgestellt. Der Zuspruch war groß und auch die sozialen Einrichtungen begrüßen diesen Plan und möchten das Angebot gern nutzen. „Ich finde es toll, wenn man Kindern, die sonst keinen Bezug zu Tieren haben, stadtnah die Möglichkeit gibt, mit Tieren umzugehen“, sagt Bürgermeisterin Ute Seifried.

Über Tiere kommt man in Kontakt

Die tier- und pferdegestützte Pädagogik basiert darauf, dass sich der Mensch gern dem Tier zuwendet und über das Tier mit anderen Menschen in Kontakt kommt. „Integration und Inklusion werden durch den gemeinsamen Umgang mit dem Tier, das vorurteilsfrei auf alle Menschen reagiert, gefördert“, schreibt die Psychologin in ihrem Konzept. Bei der Versorgung des Tieres übernehmen Kinder Verantwortung, die Bewegung im Freien fördert die Gesundheit, außerdem könnten Kinder ein Gefühl für die eigenen Stärken und Schwächen entwickeln, weil das Tier das Verhalten des Menschen spiegle.

Pferdetherapie hilft Kindern

Auch kranken Kindern hilft der Umgang mit Tieren. Annette Gomolla leitet ein gemeinnütziges Unternehmen, das Kinder und Jugendliche im Landkreis Konstanz mit pferdegestützten Therapien versorgt. Die Therapien werden bei traumatisierten Kindern, bei Trauer, Verhaltensstörungen, Autismus, Essstörungen und ADHS eingesetzt. Die Reittherapie steigere zum Beispiel das Selbstvertrauen, baue Vertrauen auf, schule die Körperwahrnehmung und wecke Lebensfreude und Motivation.

Der Therapiehof soll Reittherapien in Einzelstunden anbieten. Die Jugendfarm stünde Kindern und Jugendlichen zwischen drei und 14 Jahren offen. Kindergärten und Schulklassen könnten sie besuchen, nachmittags wäre sie für alle Kinder und Jugendliche oder für Projektgruppen geöffnet. „Wir könnten pro Woche Angebote für 60 bis 80 Kinder machen“, erklärt Gomolla. Wenn ein Grundstück gefunden ist, könnte das Projekt im Herbst starten.

Stadtrat ist von Projekt begeistert

Stadtrat Hubertus Both unterstützt das Projekt. Er habe während der Studienzeit eine Jugendfarm kennengelernt und festgestellt: „Viele Kinder haben dort ein Zuhause, denn Tiere werten nicht.“ Die Idee einer Jugendfarm habe ihn schon immer fasziniert und als Gründungsmitglied des Lernorts Bauernhof konnte er sie auch teilweise umsetzen. Dabei habe er erlebt, wie eine behinderte Frau, die ein Lamm füttern durfte, anfing zu weinen. Die Betreuer hätten berichtet, dass das ihre erste emotionale Regung gewesen sei. Auf Boths Anregung hin kam die Kombination Therapiehof und Jugendfarm zustande. Er wünscht sich eine breite Unterstützung für das Projekt. „Wer in Singen, auch im sozialen Bereich, investieren will, dem sollte man dringend helfen“, appelliert der Stadtrat an alle Verantwortlichen.

Ein Grundstück im Münchried in Singen (im Hintergrund das Tierheim) wäre aufgrund der stadtnahen Lage für die Jugendfarm geeignet. Die Initiatorin freut sich über Unterstützung bei der Grundstückssuche. Bild: Jacqueline Weiß
Ein Grundstück im Münchried in Singen (im Hintergrund das Tierheim) wäre aufgrund der stadtnahen Lage für die Jugendfarm geeignet. Die Initiatorin freut sich über Unterstützung bei der Grundstückssuche. | Bild: Weiß, Jacqueline

Die Suche nach einem Grundstück

Ein Grundstück, das grundsätzlich infrage kommt, liegt im Münchried, zwischen der ehemaligen Pestalozzischule und dem Tierheim. Das 3700 Quadratmeter große Gelände gehört der Stadt. Für die Grundausstattung mit Stallungen, Reit- und Longierplatz wäre der Platz ausreichend. Die Weideflächen müssten nicht zwangsläufig angrenzen. „Die Erreichbarkeit für Kinder mit dem Rad oder zu Fuß wäre ideal, es gibt aber keinen Wasseranschluss“, erklärt Gomolla. Doch auch hier sieht die Initiatorin keine Probleme, sondern sucht nach Lösungen. „Wir könnten die Farm autark betreiben, Solarstrom und Regenwasser nutzen und Trockenkomposttoiletten einrichten. Dadurch lernen die Kinder den Umgang mit Ressourcen“, so Gomolla.

Zusammenarbeit mit Hochschule

Für die Planungen arbeitet sie mit einer Professorin der Hochschule Konstanz zusammen und könnte sich auch vorstellen, Studenten in das Projekt einzubeziehen. Das Grundstück im Münchried liegt allerdings in Wasserschutzzone zwei. Das schließt bestimmte Nutzungen aus und erschwere eine Genehmigung, so die Erfahrung von Bürgermeisterin Seifried. Deshalb auch ihr dringender Aufruf an Eigentümer stadtnaher Grundstücke, sich zu melden.

So soll das soziale Angebot für Singen erweitert werden

  • Zur Person: Annette Gomolla arbeitet seit 15 Jahren im Landkreis Konstanz als Diplom-Psychologin und leitet das gemeinnützige Unternehmen Great gUG, das Kinder und Jugendliche mit pferdegestützten therapeutischen Angeboten versorgt und die Angebote wissenschaftlich begleitet. Sie ist Ausbilderin für Reittherapeuten, Autorin vieler Fachpublikationen und wohnt mit ihren drei Kindern und ihrem Partner in Singen.
  • Zum Projekt: Der Therapiehof soll das soziale Angebot in Singen und im Hegau erweitern. Die Kinder- und Jugendfarm soll Kindern in der Stadt die Möglichkeit bieten, Tieren zu begegnen. Therapeutische und pädagogische Angebote werden teilweise von Krankenkassen oder dem Jugendamt erstattet oder teilfinanziert. Für die Angebote der Kinderfarm müssen die Eltern einen Beitrag zahlen, der sich nach dem Einkommen richtet. Außerdem sollen Spendengelder für Projekte eingeworben werden. Auf dem Hof sollen etwa zehn Arbeitsplätze entstehen.
  • Zum Unternehmen: Das German Research Center of Equine Assisted Therapy (GREAT) gUG ist eine 2011 gegründete, gemeinnützige Unternehmergesellschaft. Das von Annette Gomolla geleitete Zentrum soll pferdegestützte Therapien wissenschaftlich begleiten und untermauern und versteht sich als Bindeglied zwischen Theorie und Praxis. Kontakt: Telefon (07531) 36 20 493.
  • Zum Ort: Gesucht wird ein stadtnahes Grundstück, das eine Hoffläche von 1000 bis 1500 Quadratmeter für eine Bewegungshalle, einen Longierzirkel, zwei Laufställe für die Pferde, einen kleineren Stall für Ziegen und Esel, ein Heulager, Parkplätze und ein ebenerdiges Gebäude für Büro- und Seminarräume hat. Weideflächen sollten in erreichbarer Nähe liegen. (jac)