Die Nutzung von Windenergie ist sinnvoll – das steht gesellschaftlich inzwischen außer Frage. Aber gilt das für jede Region? Zum Beispiel für den Hegau?

Bene Müller ist für die Nutzung erneuerbarer Energien in der Region.
Bene Müller ist für die Nutzung erneuerbarer Energien in der Region.

Bene Müller: Im Hegau gibt es nicht viele, aber einige geeignete Standorte. Das sind die Höhenzüge. Dort kann mit modernen Schwachwindanlagen Strom geerntet werden, pro Anlage und Jahr immerhin 5 bis 7 Millionen Kilowattstunden. Regional erzeugter Strom reduziert den Ausbaubedarf an Stromautobahnen aus Norddeutschland, welche ebenfalls hartnäckig bekämpft werden. Auch deshalb ist Windstrom aus dem Hegau sinnvoll. Richtig ist, dass Windstrom zum Energiemix unserer Region auch langfristig nur einen geringen Beitrag leisten kann, vielleicht 5 bis maximal 10 Prozent. Aber auch dieser Anteil ist hochwillkommen.

 

Martin Dölberg lehnt die Nutzung von Windrädern in der Region ab.
Martin Dölberg lehnt die Nutzung von Windrädern in der Region ab.

Martin Dölberg: Hegau und Hochrhein werden nach der „Schweizer Quote“ mit Strom versorgt, unser Strommix entspricht dem der Schweiz. Konkret: Der Anteil erneuerbarer Energien (Wasserkraft vom Rhein) beträgt bei uns schon heute herausragende, bundesweit vorbildliche 57 Prozent. Die Behauptung, der Hegau habe bei erneuerbarer Energie einen Nachholbedarf, ist sachlich falsch. Noch brisanter: Unser Strom stammt nur zu knapp 6 Prozent aus fossilen, klimaschädlichen Quellen. Das CO2-Einsparpotenzial ist bei uns also minimal. Fazit: Windkraft im Hegau ist überflüssig. Die einzigen Nutznießer sind Windfirmen.

In Wiechs ist die Diskussion um Windkraftanlagen entschieden. Droht jetzt eine ähnliche Diskussion wegen Anlagen am Kirnberg?

Bene Müller: Für Windkraft am Kirnberg spricht ein prognostizierter Jahresertrag von rund sechs Millionen Kilowattstunden Strom pro Windkraftanlage. Geplant sind zwei Anlagen, also rechnen wir hier mit zwölf Millionen Kilowattstunden. Die geplanten Standorte sind deutlich mehr als einen Kilometer von den nächstgelegenen Wohngebäuden entfernt. Es gibt daher keine nennenswerten Beeinträchtigungen für die Einwohner der umliegenden Gemeinden. Bürgermeister und Verwaltung der Standortgemeinde Steißlingen stehen hinter dem Projekt. Auch der Gemeinderat hat sich mit sehr großer Mehrheit dafür ausgesprochen.

Martin Dölberg: Dagegen spricht, dass Windräder im Hegau überflüssig sind, dem Landschafts- und Denkmalschutz sowie dem Tourismus schaden, zu Wertverlusten von Immobilen führen, oft mehr Lärm oder störenden Schlagschatten erzeugen als prognostiziert, nicht recycelt werden können, den Waldboden für ewig mit je 800 Tonnen Fundamentbeton belasten und durch Rotoren-Kollisionen viele Vogelarten und Fledermäuse gefährden. Alles bloß Panikmache? Nein. Warum wohl hat das Landratsamt die Kirnberger Anlagen noch immer nicht genehmigt? Für meine sämtlichen Interview-Aussagen gibt es Belege.

Die Bereitschaft zu Windrädern vor der Haustür ist nicht sonderlich ausgeprägt – wie viel St. Floriansprinzip steckt hinter der Diskussion?

Bene Müller: Das St. Floriansprinzip ist generell weit verbreitet: Mobilfunk ja, aber bitte kein Sendemast hier. Billigflug ja, aber keine Warteschleifen nach Zürich. Jahrelang Atomstrom, aber bitte kein Endlager in der Region… Die Vorteile des fossil-atomaren Energiesystems hat jeder genossen, die Schäden und massiven Beeinträchtigungen waren aber für viele weit weg. Stichworte: Braunkohletagebau in der Lausitz, Ölsandabbau in Kanada, Uranminen in Australien. In einer regenerativen Energiewirtschaft rücken die Stätten des Energieverbrauchs und der Energiebereitstellung nun näher zusammen – das ist sowohl demokratisch als auch fair.

Martin Dölberg: Ich verstehe gut, dass vielen Menschen die Verschandlung der Landschaft durch Windräder Sorgen bereitet. Die Windfirmen argumentieren gerne, dass es ohnehin schon viele technische Bauwerke gebe, wie Straßen und Strommasten. Dabei verschweigen sie, dass Windräder technische Giganten einer völlig neuen Dimension darstellen. Die Kirnberger Anlagen (und die 4 Anlagen auf dem Schienerberg auf Schweizer Seite) sollen 200 Meter hoch sein, etwa so hoch wie der Stuttgarter Fernsehturm.

In Baden scheint die Sonne, im Norden weht der Wind. Ist nicht längst ein bundesweiter Flächennutzungsplan für die Gewinnung erneuerbarer Energien erforderlich?

Bene Müller: Diese Forderung wird immer wieder erhoben, ist aber völlig unrealistisch, ja geradezu weltfremd. Ein bundesweiter Flächennutzungsplan für Erneuerbare würde auf eine Planwirtschaft gewaltigen Ausmaßes hinauslaufen. Übrigens würde das Ergebnis einer solchen Planung genauso durch Partikularinteressen vor Ort beeinflusst wie wir das in der aktuellen Situation erleben.

Martin Dölberg: In der Tat gehört die Bodenseeregion zu den sonnenreichsten aber windärmsten Gebieten Deutschlands. Deshalb erteilen die Konstanzer Stadtwerke dem Ausbau der Windkraft eine „deutliche Absage“ (so der SÜDKURIER 2016). Ebenso klar hat der Bodenseekreis den Windkraft-Ausbau in Seenähe abgelehnt. Im Regionalplan wurde der Kirnberg als Windrad-Standort aufgegeben (!). All dem zum Trotz hat der Kirnberger Projektierer über einen anderen Rechtsweg die Anlagen beantragt. Bei uns wäre Photovoltaik für den Eigenbedarf (mit Speichermöglichkeit) sinnvoll.

Wasserkraft, Sonnen- und Windenergie, Biogasanlagen… Besteht durch die Vielfalt die Gefahr einer Kannibalisierung bei der Nutzung erneuerbarer Energien?

Bene Müller: Richtig ist, dass nicht nur erneuerbare Energien im Wettbewerb mit fossilen Energien stehen, sondern auch die erneuerbaren Energien untereinander. Richtig ist aber auch, dass erneuerbare Energien jeweils eigene Stärken und Schwächen haben und daher sinnvoll kombiniert werden sollten. Auf den richtigen Mix kommt es an. Angesichts begrenzter Potenziale bei Wasserkraft und Bioenergie muss der Hauptteil von Wind und Sonne kommen. Bei den erneuerbaren Energien kann nur Kooperation statt Kannibalisierung zum Erfolg führen.

Martin Dölberg: Diese Kannibalisierung gibt es bereits. Physikalischer Hintergrund: Stromerzeugung und Stromverbrauch müssen quasi in jeder Sekunde gleich hoch sein (da es keine adäquaten Stromspeicher gibt). Daher ist die naturbedingte Wechselhaftigkeit der Windkraft ein Riesenproblem („Zappelstrom“). Der Energiedienst räumt selber ein (Kundenzeitschrift 1/2015), dass bei voll ausgelasteten Windrädern zum Ausgleich die Wasserkraftwerke am Rhein ihre Leistung um bis zu 50 Prozent drosseln. Das ist eine paradoxe Kannibalisierung der landschaftsschonenden Wasserkraft durch die politisch priorisierte Windkraft.

Über Energie wird gern monothematisch diskutiert, doch es gibt Sekundärfolgen. Wie bewerten Sie zum Beispiel die Folgen von Windkraftanlagen für den Tourismus?

Bene Müller: Es gibt namhafte Tourismusregionen (z.B. Nord- und Ostseeküste), wo die große Zahl der bestehenden Windkraftanlagen den Besucherzahlen nachweislich nicht geschadet hat. Daher ist es wenig überzeugend, dass es am Bodensee, im Hegau oder im Schwarzwald anders sein soll. Windkraft und Tourismus vertragen sich an vielen Orten gut. An der aufstrebenden Tourismusgemeinde Tengen werden wir in wenigen Jahren sehen können, ob sich an den Übernachtungszahlen durch den Windpark Verenafohren etwas signifikant geändert hat. Wetten werden noch angenommen.

Martin Dölberg: Mit Floskeln verharmlost die Windbranche das Thema oder preist Windräder sogar als Touristenmagneten. Das ist naiv. Die Urlauber kommen wegen der herrlichen Landschaft zu uns, Windräder sehen sie daheim schon genug (bundesweit 27¦000!). Nur ein Beispiel ist die große Umfrage unter Urlaubern im Schwarzwald: 33 Prozent würden beim Bau von Windrädern ihre Ferien woanders buchen. Die Schwarzwald Tourismus GmbH befürchtet auf ihrer Website einen Besucherrückgang um immerhin 22 Prozent. Kein Wunder also, dass der Hotel- und Gaststättenverband vor dem Kirnberger Projekt warnt.

Die Gegner von Windkraftanlagen befürchten den Verlust des Weltkulturerbe-Status‘ zum Beispiel für die Klosterinsel Reichenau. Eine berechtigte Sorge?

Bene Müller: Dies wäre nur denkbar, wenn die Windkraftanlagen in unmittelbarer Nähe zu den Weltkulturerbestätten errichtet würden. In beiden Fällen gibt es hier keine für Windkraft geeigneten Flächen und entsprechend auch keine Planungen.

Martin Dölberg: Dresden hat wegen einer einzigen neuen Brücke den UNESCO-Weltkulturerbe-Titel verloren. Auch Windräder sind ein reales Risiko für den Welterbe-Status. Beispiele sind die Wartburg in Thüringen und aktuell die Steinzeit-Höhlen auf der Schwäbischen Alb. Der Fall Kirnberg und Schienerberg wird von der zuständigen deutschen UNESCO-Sektion geprüft, wie ich kürzlich erfuhr. Wir appellieren an das Landratsamt in Konstanz, zugunsten des Denkmalschutzes zu entscheiden und die Kirnberger Anlagen nicht zu genehmigen.

Geht die Diskussion um Windräder in die falsche Richtung? Sollte nicht eher auf die Reduzierung des Energieverbrauchs hingewirkt werden?

Bene Müller: Appelle zur Energieeinsparung gibt es seit Beginn der Umweltdebatte in den 1970ern, der Erfolg ist mäßig. Von daher ist es wohl nur eingeschränkt realistisch, in einer wohlstandsverwöhnten Gesellschaft wesentliche Einsparerfolge zu erwarten. Warten kommt ohnehin nicht in Frage, denn der fortschreitende Klimawandel erfordert rasches Handeln. Bestenfalls sollten die Strategien parallel verlaufen: Konsequenter Umstieg auf erneuerbare Energien und wirksame Strategien zur Einsparung.

Martin Dölberg: Ja, es muss mehr Stromspar-Anreize geben, da der deutsche Verbrauch seit zehn Jahren konstant ist. Die hohen Stromüberschüsse exportieren wir zu Dumpingpreisen, auch unseren hoch subventionierten „regional“ erzeugten Strom! Ich verdanke dieser Region viel und möchte etwas davon zurückgeben. Der Zauber dieser Landschaft darf nicht durch Riesentürme mit sehr zweifelhaftem Nutzen zerstört werden. Daher unterstütze ich das Forum Hegau-Bodensee, ein Bündnis von sechs Bürgerinitiativen mit über 1600 Mitgliedern. Mehr als 2800 Menschen haben unsere Forderungen bisher unterschrieben.

 

Pro und Contra zum Thema Windkraft

  • Das Thema: Die Diskussion um die Nutzung der Windenergie wurde im Fall Wiechs mit teils harten Bandagen geführt. Am Ende setzten sich die Befürworter klar durch: In der Gemeinde steht die Bevölkerung mit großer Mehrheit hinter dem Projekt. Bei weiteren denkbaren Standorten für Windkraftanlagen im Hegau und am Bodensee – wie etwa beim Standort Kirnberg bei Steißlingen – könnte es eine Wiederauflage der Diskussion geben. Der SÜDKURIER stellte dazu zwei Wortführern der jeweiligen Lager einige grundsätzliche Fragen.
  • Der Gegner: Die Notwendigkeit der Energiewende ist gesellschaftlich weitgehend akzeptiert – allerdings ist damit noch nicht die Frage beantwortet, wie und wo die Nutzung erneuerbarer Energien optimal erfolgen kann. Martin Dölberg hat prinzipiell nichts gegen erneuerbare Energien, Windräder im Hegau und am Bodensee lehnt er jedoch ab. Martin Dölberg ist 54 Jahre alt, hat in Konstanz Biologie studiert und promoviert, forscht derzeit für ein Pharmaunternehmen in Basel und möchte später seinen Lebensabend am Bodensee verbringen. Er engagiert sich im Forum Erneuerbare Energien Hegau-Bodensee (www.forum-hegau-bodensee.de, kontakt@forum-hegau-bodensee.de).
  • Der Befürworter: Bene Müller ist einer der Initiatoren, die sich in Wort und Tat für die Nutzung erneuerbarer Energien in der Region einsetzen. Er gehörte im Jahr 2000 zu den 20 Gründungsmitgliedern der Firma solarcomplex mit Sitz in Singen, die sich zu einem mittelständischen Unternehmen mit rund 1200 Aktionären und einem Grundkapital von etwa 9,2 Millionen Euro entwickelte. Bene Müller wurde 1965 in St. Blasien geboren, studierte Sozialwissenschaften in Konstanz. Bei der solarcomplex GmbH übernahm er die Geschäftsführung, der heutigen AG gehört er als Vorstandsmitglied an.