Wo sind sie, die Weggefährten, die Mitspieler, die Zeitzeugen von damals? Im Clubhaus des FC Singen 04 wird die Lebensgeschichte ihres Helden nachgezeichnet. Gerhard Zahners Monolog über den jung verstorbenen Fußballstar aus der Region, Dieter Koulmann, hatte bei seiner Uraufführung in Konstanz noch heftige Kritik ausgelöst. Ein Zuschauer störte die Vorstellung durch Zwischenrufe, weil er das Andenken an sein Idol in den Schmutz gezogen sah.

„Wir haben alle von ihm profitiert“

Und nun Singen. Für einen Abend verwandelt sich das FC-Clubhaus in einen Theatersaal. Die Zahl der Vereinsmitglieder unter den Zuschauern hält sich jedoch in Grenzen. Der einstige Star ist den meisten kein Begriff mehr. Vergangen und vergessen. Nur die Älteren erinnern sich noch an das Ausnahmetalent.

Warum er vom FC Bayern München über Offenbach und Duisburg in den Amateurbereich nach Singen wechselte, hatte sich damals kaum jemand gefragt. „Wir waren froh, dass er bei uns war“, sagt Reinhard Küchler (68), der ein halbes Jahr lang in der FC-Mannschaft den Rasen im Hohentwielstadion mit Dieter Koulmann geteilt hat. „Wir haben alle von ihm profitiert.“

Alkohol, Affären, Absturz

Vom Privatleben des Neuzugangs habe man hingegen nichts erfahren. Das Theaterstück von Gerhard Zahner habe ihm die Augen geöffnet. Das bestätigen auch Markus Sick (68) und Peter Pless (81). Nichts habe man mitbekommen von der Alkoholkrankheit, den Affären, dem Absturz.

Markus Sick, Reinhard Küchler und Peter Pless verehrten Dieter Koulmann als Fußballer. Der Monolog über den Aufstieg und Fall ihres Helden im Singener FC-Clubhaus berührte sie.
Markus Sick, Reinhard Küchler und Peter Pless verehrten Dieter Koulmann als Fußballer. Der Monolog über den Aufstieg und Fall ihres Helden im Singener FC-Clubhaus berührte sie. | Bild: Gudrun Trautmann

„Für mich war er ein kleiner Gott im Spiel“, sagt Peter Pless. Als Spieler begegnete er Dieter Koulmann als Gegner auf dem Feld. Pless trat für die Villinger an, Koulmann für die Blumberger. „Wir spielten in der gleichen Liga“, erinnert sich Pless. „Wir haben 3:1 verloren“. Als er Koulmann 1966 in Singen wieder traf, habe er gemerkt, dass dieser in seiner eigenen Welt lebte.

Beispiel für viele andere Tragödien

Diese Welt hat nun Gerhard Zahner in seinem jüngsten Theaterstück genauer unter die Lupe genommen. Für ihn ist Dieter Koulmann ein Beispiel für zahlreiche andere Tragödien. Koulmann, der Aufsteiger aus kleinsten Verhältnissen, der die Euphorie des Siegens mit Alkohol verbindet. Der gefeierte Star, der sich begehrt und unsterblich fühlt, der neben der Familie ein Doppelleben führt bis der Absturz kommt.

Karrieren wie diese gibt es zuhauf in der Gegenwart. Immer wieder scheitern große Sportler persönlich an ihrem Erfolg. „Es geht mir darum, die Teilnahmslosigkeit der Gesellschaft zu entlarven“, sagt Gerhard Zahner. „Ich glaube nicht, dass niemand die persönliche Veränderung des Fußballers bemerkt hat.“ Dafür habe er bei seiner Recherche zu viele gegenteilige Aussagen von Zeitzeugen bekommen. Mit dem Monolog will Zahner zum Hinschauen ermuntern.

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In der Konstanzer Uraufführung war genau das ein Problem. Das Bild eines Stars bröckelt, wenn Thomas Fritz Jung in die Rolle des Dieter Koulmann schlüpft. Im Cognac verschwimmt die Realität, und die Erinnerung greift Raum. „Gute Freunde kann niemand trennen.“ Der Schlager zündet auch bei einigen Zuschauern, deren Köpfe plötzlich sanft im Rhythmus mitschwingen. Jung gelingt es, die menschliche Tragödie packend darzustellen.

Kummer und Einsamkeit

Nach dem Ende der Blitzkarriere kann sich Koulmann nicht mit der Rolle des einfachen Arbeiters in der Schaffhauser Strickmaschinenfabrik abfinden. Er ertränkt seinen Kummer und seine Einsamkeit im Alkohol. Das ist nach diesem Theaterabend auch dem ehemaligen Arbeitskollegen Markus Sick klar geworden.

Einst Fußballstar des FC Bayern München, ist Koulmann dem Alkohol verfallen, als er in den 1970er Jahre für den FC Singen 04 spielt.
Einst Fußballstar des FC Bayern München, ist Koulmann dem Alkohol verfallen, als er in den 1970er Jahre für den FC Singen 04 spielt. | Bild: Gudrun Trautmann

„Zu Acht sind wir im VW-Bus zur Arbeit gefahren und haben Koulmann am Waldhorn aufgeladen“, erinnert er sich. Eine persönliche Beziehung habe sich nicht daraus entwickelt. Aber man habe über Fußball gesprochen. „Du musst in den ersten zehn Meter schnell sein, dann hast Du gewonnen“, habe Koulmann gesagt. Aber Koulmann habe am Morgen oft gefehlt. Nach diesem Theaterabend kennt Markus Sick den Grund.

„Unglück, Glück zu haben“

Thomas Fritz Jung zieht in der Produktion des Theaters Konstanz alle emotionalen Register: Euphorie und Verzweiflung, Demut und Selbstmitleid, Bewunderung und Hass. Es gelingt ihm, Koulmann in seiner Selbstüberschätzung und als Opfer darzustellen. Er beschreibt, wie dieser im kommerzialisierten Sport wegen einer Liebschaft mit der Tochter des Managers abserviert wird.

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Koulmann klammert sich an seine glanzvolle Vergangenheit. Geblieben sind ihm die Pokale und eine Spielkarte aus einem Fußballerquartett mit ein paar biografischen Daten. Jung zeigt mit seinem Schauspiel, was das Motto bedeutet: „Unglück, Glück zu haben“. Mit nicht einmal 40 Jahren wird Koulmann unter ungeklärten Umständen tot in seiner Dachgeschosswohnung des Elternhauses in Blumberg gefunden.

Beifall für starkes Schauspiel

Zu Protesten gegen Zahners Entmystifizierung des Stars kommt es im Singener Clubhaus nicht. Stattdessen großer Beifall des begeisterten Publikums für die anrührende Schilderung einer gescheiterten Sportlerkarriere und die starke schauspielerische Leistung.