Für Frieder Kegel und Kevin Röttelbach ist Industrie 4.0 kein Schlagwort. Sie sind Teil des Prozesses der zunehmenden Vernetzung und wirken daran mit. Beide sind 23 Jahre alt, im dritten Lehrjahr der Ausbildung zum Mechatroniker und besuchen die Berufsschule der Singener Hohentwiel-Gewerbeschule. Vernetztes Denken, das Sehen von Zusammenhängen, das Überblicken komplexer Abläufe gehören bei ihnen zum Berufsbild. Der Mechatroniker vereint die Bereiche Maschinenbau, Elektrotechnik und Informationstechnik. Es ist ein Beruf, der aus den Anforderungen der Industrie entstanden ist. Industrieanlagen, die viele Arbeitsschritte ohne menschliches Zutun erledigen, müssen konstruiert, programmiert und gewartet werden. Ihr Berufschullehrer, Oliver Scharnefski, erklärt: Die Ausbildung zum Mechatroniker sei eine der anspruchvollsten, ohne andere Lehrberufe abwerten zu wollen. Der Mechatroniker müsse, mehr als andere, querdenken und sich schnell in ein Thema einarbeiten können. "Dafür braucht es gute Leute", sagt er. Kegel macht seine Ausbildung bei Max Petek Reinraumtechnik in Radolfzell, Kevin Röttelbach bei der Atlantic Zeiser GmbH in Emmingen, die Kartensysteme, Verpackungen, Banknoten- und Sicherheitsdruck anbietet.

Für den Facharbeiter der Zukunft werde die Vernetzung ein großes Thema sein. Doch Scharnefski hat keine Bedenken, dass die Auszubildenden da nicht mitkommen. "Die Jugendlichen haben ja ständig ihr Smartphone in der Hand, der Umgang damit ist selbstverständlich", so seine Beobachtung. Die Schüler vernetzten sich auch, wenn sie Hausaufgaben oder Projektarbeiten erledigen. Genauso würden sie sich in Zukunft mit Anlagen vernetzen, die sie von überall auf der Welt steuern könnten. Die Auszubildenden wissen auch, wo sie sich ihre Informationen holen können, zum Beispiel über ein Tutorial beim Videokanal Youtube. "Wenn ich eine Schaltung aufbauen muss, hole ich mir das Grundgerüst aus dem Internet und passe es an", erklärt Frieder Kegel. Ein Grundwissen im IT-Bereich brauche es, Informatiker müsse man nicht sein. Man müsse die Teile, die eine Anlage baut, nicht selbst bauen können, müsse aber wissen, was da passiert, um im Störfall eingreifen zu können. Die Auszubildenden schätzen die Vielseitigkeit des Berufs und auch die Möglichkeiten sich weiterzubilden.

Braucht es da noch den Menschen als Wissensvermittler? Oliver Scharnefski sieht den Lehrer heute und in der Zukunft eher als Moderator und Methodentrainer, der aber auch, wenn nötig, frontal Wissen weitergibt. "Den Lehrer braucht es, weil Lernen nicht nur über Wissen funktioniert, sondern auch über eine emotionale Komponente", so Scharnefski. "Ein guter Lehrer macht Unterricht und führt Diskussionen auf Augenhöhe und steht nicht über den Schülern, nur weil er Lehrer ist", sagt Azubi Frieder Kegel. Es gehe darum, gemeinsam weiterzukommen und sich Wissen zu erarbeiten. "Der Lehrer kann den Spaß an der Sache vermitteln, er kann eine Beziehung zu den Schülern aufbauen und kann durch Fachautorität punkten", erklärt Kevin Röttelbach. Das könne keine Maschine. Scharnefski sieht seine Aufgabe auch darin, alle Schüler mit ihren unterschiedlichen Niveaus einzubinden. Er hat offensichtlich auch keine Angst, von seinen Schülern abgehängt zu werden. Es ist die Neugier, die Offenheit und die Fähigkeit, Dinge einzuordnen oder in einen Zusammenhang zu setzen, die nicht vom Alter, sondern von der Einstellung abhängt. Dazu gehöre aber auch, sich als Lehrer fortzubilden. Als ein Konzept des modernen Lernens nennt er das des Learners-as-Designers. Dabei werde Wissen in digitaler oder technisch-modellhafter Form weitergegeben: Beim Erstellen der Medien müsse sich der Wissensvermittler auf das Wesentliche konzentrieren und es so vermitteln, dass der Zuschauer es versteht. Seine Aufgabe sei es, die Schüler aktiv werden zu lassen, so zum Beispiel durch das Erstellen einer App, die Prozessdaten abfragt und einstellt. Industrie 4.0 steckt nach Auffassung des Berufschullehrers noch in den Kinderschuhen: "Wir stehen am Anfang und es gibt auch kein festes Ziel, sondern eine Entwicklung."

Ohne die entsprechende Hardware würde das nicht funktionieren. Gerade die Berufsschulen müssen die modernen Technologien bereitstellen, um mit der Industrie Schritt halten zu können. Die Hohentwiel-Gewerbeschule kann da mit der Industrie 4.0-Anlage aufwarten. Elektrotechniklehrer Josef Läufle hat sich für die Schule am Wettbewerb Lernfabrik 4.0 beteiligt. Die Schule bekam vom Land den Zuschlag über 500 000 Euro, der Landkreis als Schulträger gab weitere 400 000 Euro und Sponsoren 100 000 Euro dazu. Die hochmoderne Anlage kann flexibel produzieren: Ein Auftrag, zum Beispiel die Fertigstellung einer Wasserwaage, wird angelegt, die Arbeitsschritte an die verschiedenen Stationen verteilt. Ein Roboter legt die Libelle ein und verschraubt sie, dann wird das Endprodukt verpackt. Das Arbeiten an der Anlage ist bei den Schülern heiß begehrt. "Ein Motivationsproblem haben wir hier nicht", sagt Läufle. Es sei eher so, dass die Schüler mehr Zeit an der Anlage verbringen müssten. An der Hohentwiel-Gewerbeschule werden 100 Mechatroniker in vier Klassen unterrichtet und auch andere Azubis müssen wissen, wie so eine Anlage funktioniert.

Die Berufsbilder verändern sich

Die Studie: In einer repräsentativen Studie hat das Kontaktnetzwerk Linkedin deutsche Vorstände und Personalverantwortliche befragt, welche Fähigkeiten heute und in zehn Jahren am gefragtesten sein werden. 87 Prozent der Umfrageteilnehmer geben an, dass die Fähigkeit zur Datenanalyse aktuell „sehr wichtig“ oder „eher wichtig“ sei. Dass diese Kompetenz in zehn Jahren entscheidend ist, glauben sogar 91 Prozent von ihnen. Das Wissensmanagement liegt derzeit mit 82 Prozent auf dem zweiten Platz; in zehn Jahren sehen die Befragten diese Kompetenz mit 93 Prozent auf dem Spitzenplatz. Die größten Sprünge machen Unternehmensführung (von 50 auf 73 Prozent), allgemeine Digitalkompetenz (von 53 auf 69 Prozent) sowie Programmierkenntnisse (von 32 auf 48 Prozent). Entscheidungsfähigkeit, öffentliches Sprechen und Kreativität verlieren an Bedeutung, vermuten die Umfrageteilnehmer.

Die Ausbildung bei der Handwerkskammer: Laut Sabine Schimmel, Bildungsexpertin bei der Konstanzer Handwerkskammer, gibt es 130 Handwerksberufe in Deutschland. Im Zuständigkeitsbereich der Konstanzer Kammer (Landkreise Konstanz, Rottweil, Tuttlingen, Waldshut und Schwarzwald-Baar) unterschrieben Lehrlinge in 83 dieser Berufe in diesem Jahr einen Ausbildungsvertrag. In den vergangenen Jahren habe sich die Zahl der Ausbildungsberufe kaum verändert, und das werde auch in Zukunft eher nicht passieren, sagt Sabine Schimmel. Vielmehr verändern sich bestehende Berufsbilder. Zwei Beispiele: Der Land- und Baumaschinenmechaniker heißt jetzt Land- und Baumaschinenmechatroniker. Und für den Kraftfahrzeug-Mechatroniker gibt es den neuen Schwerpunkt System- und Hochvolttechnik für die Wartung von Autos mit Elektro- oder Hybridantrieb. Im Kreis Konstanz wählten nur zwei Azubis aus Singen diesen neuen Schwerpunkt.

Die Ausbildung bei der IHK: Im Landkreis Konstanz bildet die Industrie- und Handelskammer Hochrhein-Bodensee in 106 Berufen aus. In unserer Region sind die Ausbildungsberufe im Handel und im Transportgewerbe stark vertreten. Auch der relativ neue Beruf Kaufmann für Büromanagement wird laut IHK sehr gut angenommen. Ausbildungen, bei denen die Lehrlinge in Internaten wohnen oder zur Schule sehr weit fahren müssen, werden unbeliebter. Die Zahl der Neueintragungen im Landkreis Konstanz ist sehr stabil: Pro Jahr beginnen zwischen 1200 und 1300 junge Menschen eine Ausbildung in einem IHK-Beruf.

Kirsten Schlüter