Im Singener Hotel "Lamm" gab es einen riesigen Andrang von Medien-Vertretern, auch von populären Deutschen Fernsehsendern. Sie wollten über eine Sensation berichten: Johann Neeskens, der 1974 im WM-Endspiel mit Holland gegen Deutschland per Elfmeter-Knaller das frühe Führungstor erzielte, wurde 21 Jahre später als neuer Trainer des FC Singen 04 vorgestellt. Bekanntlich gewann Deutschland 1974 die Weltmeisterschaft, Neeskens wurde vier Jahre später bei der WM in Argentinien wieder Vize-Weltmeister. Und dann der sportliche Ausflug in die Provinz.

"Der FC Singen konnte den ehemaligen Bundesliga-Profi und Spieler des FC Schaffhausen und FC Winterthur, Axel Thoma, gewinnen. Fast wäre auch sein Mitspieler und Freund Jogi Löw als Spielertrainer zu uns gekommen. Thoma hatte über einen Schaffhauser Gastwirt und Gründer des größten schweizerischen Fanclubs von CF Barcelona, wo Neeskens früher kickte, die Adresse des holländischen Nationalspielers erfahren. Thoma gab uns den heißen Tipp, Neeskens als Trainer zu engagieren", blickt Daniel Wäschle zurück, als er Sportchef des FC Singen 04 war. "

Plötzlich kennt auch der holländische Nationaltrainer den FC Singen

Nachdem ich Neeskens nach Singen eingeladen, ihm das Stadion gezeigt und über die große Tradition des Vereins und den Erfolgen berichtet habe, zeigte er sich sehr angetan. Er nahm den Trainerjob an. Das Gehalt hätten wir uns nicht leisten können. Dieses übernahm ein Schweizer Bau-Unternehmer. In gleichen Zuge konnten wir auch gute Kicker, wie Manuel Klöckler aus Konstanz oder Andreas Schuler aus Villingen, gewinnen", so Wäschle. "Johan war ein wunderbarer Mensch und machte viele tolle Aktionen mit der Mannschaft. Die trainerischen Fähigkeiten waren eher begrenzt. Zudem waren alle Teams der Verbandsliga besonders motiviert, gegen den berühmten Neeskens zu gewinnen."

Daniel Wäschle hatte es als damaliger sportlicher Leiter des FC Singen ermöglicht, dass Johan Neeskens als Trainer in den Hegau kam.
Daniel Wäschle hatte es als damaliger sportlicher Leiter des FC Singen ermöglicht, dass Johan Neeskens als Trainer in den Hegau kam. | Bild: Albert Bittlingmaier

"Im zweiten Trainerjahr mussten wir die Hälfte des Trainergehaltes selbst übernehmen, was für uns finanziell nicht einfach war. Der damalige niederländische Nationaltrainer Guus Hiddink rief mich Mitte der Saison an – vermutlich war er über die Medien auf den FC Singen aufmerksam geworden. Hiddink bat um die Freigabe für Neeskens, damit der sein Co-Trainer werden konnte", so Wäschle. Beim Treffen in Zürich habe er versucht, noch eine Ablöse-Summe herauszuschlagen. "Das hätte für den niederländischen Verband sicherlich keine Probleme bereitet. Hiddink sprang aber entrüstet auf. Wir haben dann doch noch lange über Fußball geredet. Auch über Querverbindungen, wie durch Jürgen Klinsmann. Mit ihm bin ich seit unserer Zeit, als wir gemeinsam bei den Stuttgarter Kickers kickten, dick befreundet. Wir treffen uns auch heute noch regelmäßig", so Wäschle.

Für alle Seiten habe der Wechsel von Neeskens Vorteile gebracht. Dem sei ein Karrieresprung gelungen, später auch als Co-Trainer in Barcelona. Erst das medienträchtige Engagement beim FC Singen habe ihn wieder für den Weltfußball ins Spiel gebracht. Zuvor habe er in der schweizerischen Provinz, wie in Stäfa, trainiert. "Und der FC Singen hatte mit Harry Schwehr als Neeskens-Nachfolger einen Glücksgriff gemacht. Es gab unter ihm spektakuläre hohe Siege, den Aufstieg in die Oberliga und die zweimalige Teilnahme am DFB Pokal", schildert Wäschle. Johann Neeskens trat einige Jahre später nochmals im Hegau auf. Er kickte mit feiner Technik bei einem SÜDKURIER-Promispiel auf dem Grenzsportplatz Schlauch in Wiechs am Randen mit. Und er plauderte beim geselligen Nachspiel mit.

Treffen auf der Geburtstagsfeier von Franz Beckenbauer

Die Freundschaft mit Jürgen Klinsmann ist bei Wäschle ganz hoch angesiedelt, deshalb will er öffentlich auch keine Details verraten. Eines lässt er sich aber doch entlocken. Auf der Suche nach einem Co-Trainer vor der Weltmeisterschaft 2006 habe er ihm den damals arbeitslosen Jogi Löw vorgeschlagen. Dies auf Anraten seines zehnjährigen Buben Felix, der heute als Sturmführer beim FC Öhningen-Gaienhofen agiert. "Das WM-Endspiel 1974 habe ich als Zwölfjähriger mit meinem Vater verfolgt. Ich war selbst Libero – wie in der südbadischen Auswahl – und deshalb großer Fan von Franz Beckenbauer. Über Jürgen Klinsmann bekam ich eine Einladung zu einem großen Fest anlässlich des 50. Geburtstages von Beckenbauer, zu dem viele prominente Fußballer zu einem Spiel Weltauswahl gegen deutsche Jahrhundertelf kamen. Darunter Johan Neeskens", so Wäschle. So klein ist die große Fußballwelt.

Ein Treffen der Fußballer: (von links) Sören Lerby (Bayern München), Daniel Wäschle und Johan Neeskens bei der Party zum 50. Geburtstag von Franz Beckenbauer in München.
Ein Treffen der Fußballer: (von links) Sören Lerby (Bayern München), Daniel Wäschle und Johan Neeskens bei der Party zum 50. Geburtstag von Franz Beckenbauer in München. | Bild: Daniel Wäschle