Mit dem Theaterstück „Aus dem Nichts“ zieht Miraz Bezar in einer fiktiven Geschichte Parallelen zu den Terroranschlägen des rechtsradikalen „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU). Dabei geht es vorrangig um die Schicksale der Opfer und ihrer Angehörigen, Familie und Freunde.

Die Geschichte von Katja (Anna Schäfer), die bei einem Bombenanschlag ihren Mann und ihren Sohn verliert, bringt durch die eindringlichen schauspielerischen Leistungen des Ensembles am Beispiel eines Einzelschicksals den Schmerz und die Ohnmacht in die Herzen der Zuschauer.

Obwohl von den Ermittlern immer wieder betont wird, „in alle Richtungen“ zu ermitteln, werden auf Grund der kurdischen Herkunft von Katjas Mann die Ursachen im „Milieu“ gesucht. Zu allem Unglück befindet sich auch noch eine geringe Menge an Drogen in Katjas Haus, was Kriminalhauptkommissar Reetz (Martin Molitor) zum Anlass nimmt, seine Vermutung bestätigt zu sehen. Trotz Katjas Aussage, eine blonde Frau habe vor dem Geschäft ihres Mannes (dem Ort des Anschlags) ein Fahrrad mit einem Plastikkoffer abgestellt, beharren die Ermittler auf ein Geschehen im von Ausländern dominierten Drogenmilieu.

Anna Schäfer als Hauptfigur Katja.
Anna Schäfer als Hauptfigur Katja. | Bild: Landgraf GmbH/Bernd Böhner

Anna Schäfer (Schauspielerin und Sängerin) in der Rolle der Katja gelingt es, diesen plötzlichen Umbruch von „normaler Familie“ zur isolierten „Verbrecherin“ aufwühlend darzustellen – nicht mit großen Gesten, sondern fein nuanciert lässt sie die Zuschauer an ihrem psychischen Zustand teilhaben, traumatisiert und am Boden zerstört. Ein ständiges Gefühl der Ungerechtigkeit begleitet das Publikum durch den Abend. Dieses Gefühl kommt beim Scheinprozess gegen das der Tat angeklagten Neonazi-Paars voll zum Ausbruch. Fakten werden von Staatsanwalt und Staatssekretär verdrängt, und die vorgefasste Meinung mit der Macht des Amtes durchgesetzt.

Betroffenheit und Ratlosigkeit im Publikum

Die Täter kommen frei. Katja ist fassungslos. Die Stille im Saal der Stadthalle vor dem Einsetzen des Beifalls zeigte die Betroffenheit und Ratlosigkeit, die von der Bühne auf das Publikum überschwappte. Das Ende der Bühnenfassung bleibt – im Gegensatz zum Film – für Interpretationen offen.

Zur Vorgehensweise vor Gericht passt ein Zitat aus einem Gedicht von Christian Morgenstern: „...weil nicht sein kann, was nicht sein darf.“ Damit wären die bizarren, sich über Jahre hinziehenden Ermittlungen und Aufklärungsversuche im NSU-Komplex mit viel zu langem Schweigen und Lügen über tatsächliche Zusammenhänge passend beschrieben. Im „Interesse des Staatswohls“ hat das Recht der Politik zu folgen, nicht die Politik dem Recht.

Publikums-Gespräch mit den Mitwirkenden

Im anschließend zum aufgeführten Stück angebotenen Publikums-Gespräch mit den Mitwirkenden kommen Fragen hierzu nicht wirklich zum Tragen. Bei den Publikumsfragen geht es um mögliche Angriffsflächen, die das Ensemble bietet, indem es sich der NSU-Thematik widmet. Der Tenor des Stücks: „Hinterfragt die Informations-Politik, hinterfragt das Gefüge von Wahrheit und Recht sowie die Stellung und Interessen, der dafür zuständigen Personen und Institutionen!“