Diese Sommerferien sind perfekt – zumindest für die Schulkinder und Heimattouristen. Warum soll man verreisen, wenn im Juni, Juli und August ein zuverlässiges Freizeitwetter herrscht? Gefühlt erlebt der Hegau mittlerweile jährlich einen Jahrhundertsommer.

Doch die nahezu konstante Trockenheit und Hitze freut nicht alle. Besonders besorgt sind die Forstleute um den Leiter des Kreisforstamtes im Konstanzer Landratsamt, Bernhard Hake. Sie kämpfen mit den Folgen der Hitzesommer 2018 und 2019. „Die Böden sind in der Tiefe extrem ausgetrocknet, weil wir bereits 2018 überdurchschnittliche Temperaturen und unterdurchschnittliche Niederschläge erlebt haben“, sagt Hake.

„Der Borkenkäfer frisst sich mit einer Dynamik durch die Wälder im Landkreis, so dass es kaum möglich ist, mit dem Aufarbeiten hinterherzukommen“, sagt der Leiter des Kreisforstamtes, Bernhard Hake.
„Der Borkenkäfer frisst sich mit einer Dynamik durch die Wälder im Landkreis, so dass es kaum möglich ist, mit dem Aufarbeiten hinterherzukommen“, sagt der Leiter des Kreisforstamtes, Bernhard Hake. | Bild: Domgörgen, Franz

„Bis auf den Mai hat sich das in diesem Jahr wiederholt.“ Auch die Regenfälle in den vergangenen zwei Wochen hätten das Defizit nicht ausgleichen können. „Die Tanne stirbt in großem Umfang ab“, erklärt Hake. „Im Tengener Stadtwald zum Beispiel sind die meisten Tannen schon weg.“

Borkenkäfer wüten am Schienerberg

Grund dafür seien die Borkenkäfer, die nach der Trockenheit ein leichtes Spiel hätten. Auch am Schiener Berg, oberhalb von Bohlingen, habe der Käfer gewütet. Ein Ende sei nicht abzusehen, und die Forstleute können gar nicht so schnell aufräumen. „Keiner weiß, wie der Käfer zu stoppen ist“, sagt Hake. „Ein Patentrezept gibt es nicht“.

Man versuche mit einer möglichst großen Mischung aus Tanne, Buche, Eiche, Lärche, Douglasie wieder aufzuforsten. Aber letztlich helfe nur ein richtiger Landregen im Winter, der die Grundwasserspeicher wieder auffüllt. „Der Jahrhundertsommer ist für den Wald jedenfalls kontraproduktiv“, fasst Hake zusammen.

Auch Doris Buhl vom Weiterdinger Hofgut Homboll beklagt den sinkenden Grundwasserspiegel. Zwar habe es in diesem Jahr häufiger geregnet als 2018, aber nicht kontinuierlich, sondern punktuell und dann so stark, dass der Boden das Wasser nicht aufnehmen konnte. Im vergangenen Jahr musste die Bäuerin für ihr Vieh Futter zukaufen, weil sie wegen der Trockenheit nicht genügend eigenes Heu produzieren konnte.

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So schlimm ist es dieses Jahr nicht. Dafür erlebt auch die Familie Buhl in ihrem 18 Hektar großen Wald ein massives Waldsterben durch den Borkenkäfer. Außerdem leiden ihre Apfelbäume auf den Wiesen unter der Trockenheit. „Ende August 30 Grad und mehr sind nicht normal. Wir brauchen dringend einen Landregen“, sagt sie.

Immerhin ein Vorteil der heißen Sommer: Bäuerin Doris Buhl kann in Weiterdingen mittlerweile Melonen anpflanzen.
Immerhin ein Vorteil der heißen Sommer: Bäuerin Doris Buhl kann in Weiterdingen mittlerweile Melonen anpflanzen. | Bild: Tesche, Sabine

Zahl der heißen Sommer steigt

Der Diplom-Meteorologe und Geschäftsführer von Wetterkontor, Jürgen Schmidt, benutzt die Bezeichnung Jahrhundertsommer nur sehr vorsichtig. „2018 war im 30-jährigen Mittel der Wetteraufzeichnungen mit Abstand das wärmste Jahr“, sagt er und führt als Beispiel für die Region das Wetter in Konstanz an. Die Jahresdurchschnittstemperatur liege hier bei 9,8 Grad. 2018 waren es 11,9 Grad. „Die Zahl der heißen Sommer steigt. Auch in diesem Jahr war es sehr trocken und warm. Bis auf den Mai, der außergewöhnlich kalt und nass war, waren alle anderen Monate deutlich wärmer, und zwar um etwa zwei Grad.“ 2003, allgemein als Jahrhundertsommer im Gedächtnis, kam auf eine Jahresdurchschnittstemperatur von 10,6 Grad.

In den vergangenen Jahren ist die Durchschnittstemperatur im Hegau um zwei Grad Celsius angestiegen, sagt der Diplom-Meteorologe und Geschäftsführer von Wetterkontor, Jürgen Schmidt.
In den vergangenen Jahren ist die Durchschnittstemperatur im Hegau um zwei Grad Celsius angestiegen, sagt der Diplom-Meteorologe und Geschäftsführer von Wetterkontor, Jürgen Schmidt. | Bild: Wetterkontor

Der Meteorologe Schmidt kann die Wettergeschehnisse zwar für ein paar Tage vorhersagen; beeinflussen kann er sie aber nicht. Dass es eine Anhäufung von Unwettern gebe, will er nicht bestätigen. „Das ist wohl eher ein gefühlter Faktor“, sagt er. „Durch Social Media verbreiten sich Nachrichten über Unwetter in anderen Regionen schneller als früher. So entsteht der subjektive Eindruck, dass die Unwetter sich mehren.“

Aus dem langfristigen Wettervergleich könne man Lehren ziehen und versuchen gegenzusteuern, ist Schmidt überzeugt. Deutschland übernehme hier durchaus eine Vorreiterrolle. Zu viele Verbote würden jedoch das Gegenteil bei den Menschen bewirken.

Landwirte kommen mit blauem Auge davon

Der Leiter des Landwirtschaftsamtes Stockach, Manuel Krawutschke, sieht zwar die Nöte der Bauern, die nun schon im zweiten Jahr mit der Trockenheit zu kämpfen haben. Nach Hilfen habe bisher aber noch niemand gefragt, sagt er. Auch Anfragen zum Klimaschutz erreichten sein Amt nicht. „Für die Landwirtschaft sind die Jahrhundertsommer mit ihrer Extremwitterung eher schlecht“, sagt er. „Sie nehmen aber zu.“ Im Vergleich anderen Regionen Deutschlands komme der Hegau diesmal allerdings mit einem blauen Auge davon. Nur in wenigen Betrieben werde das Futter knapp.

„Die meisten Landwirte im Hegau kommen mit einem blauen Auge davon, weil es hier in den vergangenen zwei Wochen geregnet hat. Wir merken aber, dass die Sommer eine Ausprägung zur Trockenheit haben.“ Leiter des Landwirtschaftsamtes in Stockach, Manuel Krawutschke.
„Die meisten Landwirte im Hegau kommen mit einem blauen Auge davon, weil es hier in den vergangenen zwei Wochen geregnet hat. Wir merken aber, dass die Sommer eine Ausprägung zur Trockenheit haben.“ Leiter des Landwirtschaftsamtes in Stockach, Manuel Krawutschke. | Bild: Landwirtschaftsamt

„Mai kühl und nass, füllt dem Bauern Scheune und Fass.“ Dies alte Bauernregel scheint in diesem Jahr vor allem für das Weingut Vollmayer im Hilzinger Twielfeld zuzutreffen. Am Elisabethenberg stehen die Reben prächtig da. Georg Vollmayer und seine Tochter Lisa messen für den SÜDKURIER die Oechslegrade und kommen auf erstaunliche Werte. „72, das ist für Anfang September sehr außergewöhnlich“, sagt der Winzer. 85 Oechsle sollen sie bis zur Lese erreichen. „Für uns war der Sommer perfekt, auch wenn das Wasser in der sehr heißen Periode etwas knapp wurde. Wenn der Spätsommer jetzt noch mitmacht, bekommen wir einen Jahrhundertjahrgang.“