Welche Genüsse verstecken sich in heimischen Wäldern?

Im Frühjahr ist mancher Wald voll Bärlauch, im Juni voller Walderdbeeren, im Juli dann Him- und später Brombeeren. Im Herbst haben Schlehen süße Früchte, die auch einen guten Schnaps liefern und dann ist Pilzsaison. Weiter liefert die Natur uns köstliches Wildbret: Ab Mai kann beim Jäger Reh angefordert werden, Schwarzwild gibt es das ganze Jahr. Früher war der Feldhase im Herbst häufig zu bekommen; heute schießt ein Jäger höchstens für sich noch einen „Küchenhasen“. Im Herbst werden auch Enten erlegt und zukünftig auch Graugänse, die sich immer mehr ausbreiten. Die Hauptabgabe des Wildes erfolgt an die Gastronomie und wer nur einheimisches Wild anbietet, erhält von der Jägerschaft eine Urkunde, die dann beim Speisekartenaushang mit dabei hängt. Wild ist Natur, fettarm, kurzfaserig und deshalb zart, enthält viel Vitamin B und Mineralstoffe wie Selen, Eisen und Zink. Obendrein ist es reich an Omega-3-Fettsäuren.

Ist es nach dem verheerenden Unglück von Tschernobyls inzwischen wieder möglich Pilze zu sammeln?

In unserem Raum sind mir keine Belastungen mehr bekannt; ein Überwachungsprogramm für Pilze besteht nicht im Gegensatz zu Wildbret von Schwarzwild. Jährlich werden etwa 3000 Wildschweine untersucht und die Ergebnisse regelmäßig durch Karten und Tabellen bekannt gemacht. In belasteten Gebieten – durch Monitoring seit langem erfasst – muss jedes Wildschwein vor Abgabe untersucht werden und darf bei Grenzwertüberschreitung nicht vermarktet werden. Ursache der radioaktiven Belastung ist ein Hirschtrüffel genannter Bodenpilz, der noch Cäsium angereichert hat. Wildschweine in Höhenlagen nehmen diesen Pilz beim Wühlen im Boden auf. Im Kreis Konstanz haben wir seit Jahren keine Grenzwertüberschreitungen.

Teilen Sie den Eindruck, dass die Zahl der Vögel im Wald zurückgeht?

Ich gehe nun über 50 Jahre zur Jagd. In den 60er und 70er-Jahren wurde man beim Morgenansitz von einem herrlichen Vogelkonzert begrüßt. Heute ist dieses Konzert viel ärmer. Die Anzahl der Vögel ist deutlich zurückgegangen.

Gibt es Wildarten, die zu selten in der Pfanne landen und dennoch lecker sind?

Wir sind als Jäger angehalten, den Wildschweinbestand niedrig zu halten. Deshalb brauchen wir auch mehr Abnehmer dieses sehr geschmackvollen und wertvollen Wildbrets. Wir würden uns sehr freuen, wenn mehr Wildbret vom Wildschwein nachgefragt würde. Wenn Bestellungen vorliegen, ruft der verantwortliche Metzgermeister bei mir an und ich gebe dies an die Jagdpächter per Mail weiter. Einer kann fast immer liefern, sodass dann in der folgenden Woche Wildbret gekauft werden kann. Jedes Stück Schwarzwild wird übrigens auf Trichinen untersucht.

Welche Tiere leben in den heimischen Wäldern?

Hier im Hegau streifen Rehwild und Damwild, manchmal sogar Gamswild durch den Wald. Aber auch Muffelwild, Schwarzwild, Feldhase und in einigen Revieren Fasan, dann Fuchs, Dachs, Marder, Hermelin und Iltis. Luchs, Wolf und Wildkatze könnten in den nächhsten Jahrzehnten auch bei uns auftreten. Am Bodensee kann man vielfältige Arten von Wasservögeln bewundern, aber auch an den vielen kleinen Teichen und Weihern.

Bemerken die Jagdverantwortlichen den Klimawandel?

Ja, gerade bei der Zunahme der Wildschweinpopulation. In den 60er Jahren wurden im Land etwa 2000 Wildschweine erlegt, heute bis zu 70 000. Seit den 80er Jahren fruchten die Waldbäume immer häufiger, sodass dadurch eine hochgradige Nahrungsgrundlage besteht und die Vermehrung anreizt. Die Winter sind zu mild, sodass dadurch auch nur wenig natürliche Verluste bestehen – obwohl die Tötungen durch den Verkehr auch beim Wildschwein zugenommen haben. Zugenommen hat aber auch der Maisanbau. 1970 war die gesamte Maisanbaufläche 100 000 Hektar in Deutschland, 2017 betrug die Maisanbaufläche 2,5 Millionen Hektar. Restmais auf den Ackerflächen nach der Ernte ist eine weitere Nahrungsquelle.

Welchen Einfluss haben die Sturmlagen – von Lothar bis Friederike?

Die vom Sturm geschaffenen Flächen sind heute dichte Naturverjüngungen mit viel Laubholz – wahre Wildoasen für alles Schalenwild, die die Bejagung schwieriger machen. Rehe und Schwarzwild müssen deshalb vermehrt mit Hilfe von Drückjagden erlegt werden, um die Abschussziele zu erreichen. Durch Schilder werden Waldbesucher darauf hingewiesen, aber die meisten der Waldbesucher beachten solche Hinweise leider nicht.

Was bedeutete die Dürre für die Jagd?

Die Brunft des Rehwildes ist durch die Hitze in die Nachtstunden verschoben. Auch die Tiere haben Durst und das Rehwild erhält seinen Wasserbedarf über die Feuchtigkeit der Nahrung während der Äsung, insbesondere den Morgentau. Bislang haben wir noch kein Fallwild gehabt, aber wir brauchen dringend Regen.

Was sind die aktuellen Herausforderungen der Hege?

Hege bedeuted Erhalt der Biodiversität. Der Wildbestand ist gesund und stabil zu erhalten und zu entwickeln unter Berücksichtigung gesellschaftlicher, ökologischer und ökonomischer Belange, sodass die Wildtierpopulationen in einem angemessenen Verhältnis zur Leistungs- und Funktionsfähigkeit des Naturhaushaltes und den landeskulturellen Verhältnissen stehen. Dies versuchen wir Jäger mit Lebensraumverbesserungen. Dabei sind wir aber auf die Land- und Forstwirtschaft angewiesen. In den vergangenen 100 Jahren ist in Deutschland kein Wildtier durch die Jagd ausgerottet worden. Biodiversität ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Worauf sollte man als Wanderer achten, um Wildtiere nicht zu stören?

Wer auf den Hauptwegen bleibt, keinen Lärm macht und sich rücksichtsvoll verhält, macht schon Vieles richtig. Hundehalter sollten ihre Tiere unter Einwirkung halten. Wegen Waldbrandgefahr ist Rauchen verboten. Wiesen- und Ackerflächen sollten ebenso wenig betreten werden, ebenso wie Hochsitze. Und Wild sollte niemals angefasst werden. Wer totes Wild oder hilfloses Jungwild entdeckt, sollte dies der Polizei, der Gemeindeverwaltung oder dem Jagdpächter melden.

Das Waldsterben war in den 80er Jahren ein großes Thema. Haben sich die Anstrengungen von damals gelohnt?

Der Einfluss der Luftreinhaltungsmaßnahmen hat sich positiv ausgewirkt. Aber nach wie vor ist der Wald nicht stabil. Der Borkenkäfer ist wieder hoch aggressiv, das Eschensterben lässt Eschen flächig verschwinden und die Trockenheit hat auf den gesamten Wald sehr negative Auswirkungen.

Fragen: Matthias Biehler