Nein, die Silvesternacht 1968/69 war kein guter Zeitpunkt für einen Spaziergang auf den Hohentwiel. Etliche Minusgrade und ein ausgewachsener Schneesturm sorgten dafür, dass fast jeder den Jahreswechsel vor 50 Jahren lieber daheim in der warmen Stube feierte.

Der „Löwe vom Hohentwiel“, wie Theopont Diez auch genannt wurde, in Siegerpose, denn der Singener Hausberg gehört von nun an auch amtlich zu Singen.
Der „Löwe vom Hohentwiel“, wie Theopont Diez auch genannt wurde, in Siegerpose, denn der Singener Hausberg gehört von nun an auch amtlich zu Singen. | Bild: Dieter Britz

Aber nicht alle: Denn eine stattliche Schar von etwa 70 dick vermummten Singener Bürgern zog es trotz sibirischer Kälte auf verschneiten und rutschigen Wegen in den letzten Stunden des alten Jahres auf den Singener Hausberg. Angeführt wurde die illustre Truppe von wichtigen Honoratioren der Stadt, allen voran der damalige Oberbürgermeister Theopont Diez. Es galt schließlich, dort oben ein Ereignis von wahrhaft historischer Dimension zu würdigen: Die Übergabe des seit über 400 Jahren in württembergischer Hand befindlichen Berges, der zur Gemarkung Tuttlingen gehörte, an Singen zum 1. Januar 1969. Theopont Diez hatte seinen ein Vierteljahrhundert währenden Kampf endlich gewonnen und konnte seinen Sieg mit dem Hissen der Singener Stadtfahne auf der Aussichtsplattform des alten Kirchturms krönen.

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Als Pressevertreter in jener bedeutungsvollen Silvesternacht auf dem Hohentwiel war die große Flasche heißen Tees mit viel Rum nicht nur zur Erwärmung der eigenen Person in den Rucksack gepackt worden, sondern angesichts der Witterung in einer Doppelfunktion: Sie sollte auch Kamera und Elektronenblitz im Rucksack warm und funktionsfähig halten.

"Die große Flasche heißen Tee mit viel Rum, die ich mitschleppte, hatte eine ganz wichtige Doppelfunktion: Sie sollte nicht nur mich innerlich wärmen, sondern auch Kamera und Elektronenblitz im Rucksack warm und funktionsfähig halten."Dieter Britz war persönlich dabei, als der Berg erobert wurde.
"Die große Flasche heißen Tee mit viel Rum, die ich mitschleppte, hatte eine ganz wichtige Doppelfunktion: Sie sollte nicht nur mich innerlich wärmen, sondern auch Kamera und Elektronenblitz im Rucksack warm und funktionsfähig halten."Dieter Britz war persönlich dabei, als der Berg erobert wurde. | Bild: Dieter Britz

An der Karlsbastion war in jener Nacht für viele der rund 70 Singener, die bei der Übergabe des Hausbergs an ihre Heimatstadt dabei sein wollten, aber Endstation. Aus Sicherheitsgründen war am Eugenstor für die meisten Schluss. Hier kontrollierte die Freiwillige Feuerwehr streng den Zugang. Weiter hinein in die Festung durfte neben Mitgliedern der Feuerwehr und des technischen Hilfswerks, die für Sicherheit und Beleuchtung sorgten und schon am Nachmittag einiges an technischem Gerät nach oben geschafft hatten, nur eine kleine, handverlesene Gruppe: Neben Theopont Diez die Stadträte Max Kappeler, Friedrich Wieland und Emil Sräga, ein dreiköpfiges Südwestfunk-Fernsehteam, eine private Filmerin, Kulturamtsleiter Herbert Berner und die Vertreter der örtlichen Presse.

Wenige Sekunden vor Mitternacht: Theopont Diez befestigt die Singener Stadtfahne am Fahnenmast auf dem Kirchturm des Hohentwiel.
Wenige Sekunden vor Mitternacht: Theopont Diez befestigt die Singener Stadtfahne am Fahnenmast auf dem Kirchturm des Hohentwiel. | Bild: Dieter Britz

Sie standen schließlich frierend auf der Plattform des Kirchturms und warteten vor Kälte zitternd auf den Jahreswechsel. Doch wegen des Schneesturms war von der Stadt am Fuß des Berges das Läuten der Kirchenglocken höchstens zu ahnen, und zu sehen war schon gar nichts mehr. Also richtete man sich nach der Armbanduhr des Oberbürgermeisters. Als diese Mitternacht anzeigte, befestigte das Stadtoberhaupt die blau-gelbe Singener Stadtfahne an der Fahnenstange und sprach folgende Worte: „Ein alter Wunschtraum der Singener geht in Erfüllung. Mit dem Hissen dieser Fahne übernehmen wir den Hohentwiel in unsere Gemarkung in Ehrfurcht vor seiner Geschichte, in großer Dankbarkeit vor der Schönheit, die er uns immer wieder von unserer Heimat vermittelt...“

Theopont Diez muss alle Kraft aufwenden, um im Schneesturm die Stadtfahne zu hissen.
Theopont Diez muss alle Kraft aufwenden, um im Schneesturm die Stadtfahne zu hissen. | Bild: Dieter Britz

Dann endlich zog Theopont Diez höchstpersönlich unter großer Kraftanstrengung die Stadtfahne hoch – er und die drei Stadträte hatten aus Ehrfurcht vor diesem Augenblick, Schneesturm und Kälte hin oder her, ihre Häupter entblößt. Sofort danach entzündete Oberbrandmeister Berthold Bangert, der ebenfalls mit auf der Plattform war, 60 Feuerwerksraketen, die auf der Brüstung montiert waren. Wegen des Sturms streiften einige der Raketen die Singener Fahne und sengten sie an. Die erste Rakete war auch das Startsignal für die Böllerschützen auf der Wilhelmswacht, die es zwölfmal so laut knallen ließen, dass es angeblich sogar in der Stadt zu hören war. Gleichzeitig wurde auf der Karlsbastion der mächtige Holzstoß angezündet, den Mitarbeiter des städtischen Bauhofes schon am Vormittag des 31. Dezember aufgeschichtet hatten. In seinem wärmenden Schein hatte eine Bläsergruppe der Stadtmusik unter Leitung des Vizedirigenten Claus Dietz Aufstellung genommen und spielte einige Choräle, darunter „Gott grüße Dich“, „Freudenklänge“ und „nun danket alle Gott“. Gegen 1.30 Uhr war das Feuer erlöschen und die letzten Besucher hatten die Karlsbastion wieder in Richtung Stadt und warmer Stube daheim verlassen.

Feuerwerk: Das erste Hohentwielfest 1969 anlässlich der Eingemeindung des Hausberges zum Jahresbeginn wurde am 6.Juli mit einem großen Feuerwerk beendet.
Feuerwerk: Das erste Hohentwielfest 1969 anlässlich der Eingemeindung des Hausberges zum Jahresbeginn wurde am 6.Juli mit einem großen Feuerwerk beendet. | Bild: Dieter Britz

Am Neujahrstag fand dann im Bürgersaal des Rathauses ein Festakt für geladene Gäste statt: Dazu war als Vertreter der Landesregierung der damalige Innenminister Walter Krause (SPD) in die Stadt am Fuße des Hohentwiel, der nun endlich politisch und verwaltungstechnisch Teil der Singener Gemarkung war, gekommen. Den ganzen Tag über hatte im Rathaus ein Sonderpostamt geöffnet. Die Interessenten standen Schlange, um den Sonderstempel mit der Inschrift „Hohentwiel nach Singen eingemeindet“ zu bekommen.

Sonderstempel: Am 1. Januar 1969 hatte im Singener Rathaus ein Sonderpostamt geöffnet. Hier gab es einen Sonderstempel „Hohentwiel nach Singen eingemeindet“.
Sonderstempel: Am 1. Januar 1969 hatte im Singener Rathaus ein Sonderpostamt geöffnet. Hier gab es einen Sonderstempel „Hohentwiel nach Singen eingemeindet“. | Bild: Dieter Britz

Das Jubiläum zum 50-Jährigen der Eingemeindung des Singener Hausbergs soll 2019 Kulturschwerpunkt der Stadt unter dem Hohentwiel sein.

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Der Hohentwiel – Singens Hausberg und seine wechselvolle Geschichte

  • 1538 kaufte Herzog Ulrich von Württemberg (1498-1550) den Hohentwiel von Hans Kaspar von Klingenberg. Er war für die Württemberger ein wichtiges Verbindungsglied zwischen ihrem Stammland und den Besitzungen im Elsass und im Burgund. Im Dreißigjährigen Krieg wurde die Festung fünfmal belagert, doch niemals erobert. Später war die militärisch wertlos gewordene Anlage württembergisches Staatsgefängnis.
  • 1800 standen französische Truppen am Fuß des Berges, gegen die die kleine Besatzung in der inzwischen halb zerfallenen Festung nichts ausrichten konnte. Der Hohentwiel wurde kampflos übergeben. Entgegen ihren Zusagen sprengten und schleiften die Franzosen anschließend die Festungsanlagen. Der Hohentwiel war von da an für Württemberg eigentlich nutzlos.
  • 1820 begannen erste Verhandlungen mit dem Nachbarland Baden. Sie wurden im Lauf vieler Jahrzehnte immer wieder aufgenommen und ebenso oft erfolglos abgebrochen. Der Hohentwiel blieb gemeindefreies Kronland des Königs von Württemberg.
  • 1850 wurde der Hohentwiel als selbständiges Gemeindegebiet der nächstgelegenen württembergischen Gemeinde zugeschlagen, das 23 Kilometer Luftlinie entfernte Tuttlingen.
  • 1935 schließlich wurde der Hohentwiel ganz normaler Teil der Gemarkung Tuttlingen. Die Bewohner der Staatsdomäne Hohentwiel waren also keine Singener, sondern Bürger von Tuttlingen. Wenn sie etwas im Rathaus, Finanzamt oder einer anderen Behörde zu erledigen hatten, mussten sie nach Tuttlingen fahren. Daran änderte sich auch nichts, als Baden und Württemberg im April 1952 zu einem gemeinsamen Bundesland verschmolzen wurden. Theopont Diez kämpfte als Oberbürgermeister und Landtagsabgeordneter wie ein Löwe für die Eingemeindung des Singener Hausberg. 1956 allerdings war die Zeit noch nicht reif, seine Gesetzesinitiative im Parlament wurde abgeschmettert.
  • 1963 war der damalige Bundespräsident Heinrich Lübke zu Gast und sprach vor 20 000 Zuhörern auf dem Hohentwiel. Das führte zu mancher kuriosen Situation. Auf Singener Gemarkung wurde er von Polizeifahrzeugen mit FR-Kennzeichen eskortiert. Doch an der Grenze zum Hohentwiel warteten Polizeifahrzeuge mit TÜ-Kennzeichen, um ihn die restlichen 500 Meter zu begleiten.
  • 1967 erzielte Diez einen ersten Erfolg, als Tuttlingen freiwillig die Exklave Bruderhof in der Singener Nordstadt, die wie der Hohentwiel bis dahin nicht zu Singen gehörte, hergab. Aber über den Hohentwiel ließen die Tuttlinger nicht mit sich reden. Der Stadtrat wollte den „heiligen Berg der Württemberger“ behalten, der Tuttlinger Kreistag ebenso. Und die Bewohner? Auch sie hatten im Sommer 1967 mit Mehrheit für den Verbleib bei Tuttlingen gestimmt. Trotzdem, im Frühjahr.
  • 1968 verabschiedete der Landtag das Exklavengesetz, so dass der Hohentwiel vor nunmehr 50 Jahren nach Singen kam. Im Sommer 1969 wurde dann die Eingemeindung mit dem ersten Hohentwielfest gefeiert, das mit einem prächtigen Feuerwerk endete. Diez hat es nichts genutzt, im September 1969 wurde er nach 23 Jahren an der Spitze der Stadt abgewählt. Neuer OB wurde Friedhelm Möhrle.
  • Der Autor: Dieter Britz (71) hat sein Abitur in Singen gemacht und dann in Konstanz Geschichte und Politik studiert. Er war von 1965 bis 1973 freier Mitarbeiter der Singener SÜDKURIER-Redaktion. Sein Redaktionsvolontariat 1973 bis 1975 absolvierte er ebenfalls teilweise in Singen. Bis 1982 war er SÜDKURIER-Redakteur in Singen, danach Leiter der Lokalredaktionen in Stockach und Bad Säckingen und schließlich Redakteur in der SÜDKURIER-Zentralredaktion in Konstanz. Seit 2007 ist er im Ruhestand und lebt in Münnerstadt (Unterfranken). Aber er kann es nicht lassen und arbeitet weiter aktiv als freier Journalist für mehrere Zeitungen in Unterfranken. Die Fahnenhissung auf dem Hohentwiel war neben der Festnahme der Terroristen Verena Becker und Günter Sonnenberg am 3. Mai 1977 oder dem Papstbesuch in Altötting im Jahr 1983 einer der herausragenden Ereignisse in seiner jahrzehntelangen Laufbahn als Journalist beim SÜDKURIER. Als freier Mitarbeiter der Singener SÜDKURIER-Lokalredaktion war er damals mächtig stolz, dass Redaktionsleiter Wolfgang Geigges ihm den Auftrag anvertraute. Schon vor 21 Uhr startete er zu Fuß von der Hegaustraße aus, um den Hohentwiel zu erklimmen.