Als Polizisten im vergangenen November die Staatsanwältin anriefen, klangen sie verzweifelt. Vor ihnen saß ein 50 Jahre alter Mann, der in den vorherigen Monaten eine Straftat nach der anderen begangen hatte. Er stahl, beleidigte, bedrohte und beschädigte. Höhepunkt war eine Alkoholfahrt mit einem gestohlenen Geländewagen, die an einem Verkehrsschild auf der A81 bei Engen endete. Die Staatsanwältin reagierte damals mit einem Haftbefehl, nun musste sich der Mann vor dem Amtsgericht Singen verantworten. Dabei wurde klar: Der Missbrauch von Alkohol und Medikamenten führte zu einer Abwärtsspirale. Laut des Bruders des Angeklagten wurde aus einem zuvor recht unauffälligen Mitmenschen ein fahriger Dämon, den er nicht wiedererkannt haben will. Nun soll der Mann auch Gelegenheit bekommen, sein Leben zum Besseren zu wenden: Zusätzlich zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilte Richterin Daniela Krack ihn zu einem Alkoholentzug.

„Wenn ich das lese, kommt es mir vor wie ein schlechter Krimi“, sagte der Angeklagte

angesichts einer Anklageschrift mit 35 Punkten. Vor dem 25. Juli 2018 war er einmal wegen Sachbeschädigung aufgefallen, danach häuften sich die Zwischenfälle. Dabei war der 50-Jährige nicht wählerisch: Mal brach er in den Singener Bahnhofskiosk ein und erbeutete 260 Zigarettenschachteln, mal prellte er in einem Lokal nur die Zeche im Wert von nicht einmal zehn Euro. Häufiges Ziel seiner Attacken waren Polizisten. Einmal mussten sie ihn zum Beispiel aus dem Keller seiner ehemaligen Partnerin holen, wo er randaliert hatte. Dabei bewarf er die Beamten mit Waschbecken und Ersatzrad, außerdem bedrohte er sie mit einem Messer. Immer wieder wurde er nach Ausnahmezuständen in eine Psychiatrie gebracht, häufig entließ er sich aber rasch selbst. „Der ist bekloppt“, fasste ein Taxifahrer zusammen, der mehrmals vom Angeklagten bedroht wurde. Die Serie endete im November, nachdem er bei einer Werkstatt die Schlüssel eines Audi Q7 entwendete, um eine Spritztour nach Zürich zu machen und dort Koks zu kaufen. Nachdem er auf der A 81 die Abfahrt nach Engen verpasste, hatte er einen Unfall. „Ab da war klar, dass ich Ärger ohne Ende habe“, sagte der 50-Jährige.

Süchtig nach Alkohol und Medikamenten

Wann er genau die Kontrolle über sein Leben verlor, blieb auch nach zwei Verhandlungstagen, vielen Zeugenaussagen und knapp 3000 Aktenseiten unklar. Der Angeklagte ist Alkoholiker und wurde teils mit einem Blutalkoholwert von vier Promille aufgegriffen – „ich habe das von meinem Vater geerbt, dass ich viel vertrage“. Er ging als Selbstständiger pleite und verlor seinen Führerschein. Auch Drogen habe er hin und wieder genommen, „von allem ein bisschen“. Nachdem Ärzte bei ihm eine Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) festgestellt hätten, habe er sich die Medikamente selbst eingeteilt. Er habe die Tabletten geschluckt wie Smarties, fünf oder sechs statt wie verschrieben eine.

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Schädel-Hirn-Trauma beeinträchtigt Erinnerungsvermögen

Doch wann genau das alles geschah, konnte der Mann nicht sagen. Auch seine eigene Biografie konnte er kaum wiedergeben. Nach dem Hauptschulabschluss in Singen habe er eine Lehre zum Automechaniker gemacht, doch zeitliche Zusammenhänge waren ihm nicht zu entlocken. Gegen Ende der Verhandlung wurde mit Hilfe eines Sachverständigen klar, warum das so ist: Das Gedächtnis des Mannes erlitt nach mehreren massiven Schlägen gegen seinen Kopf ein Schädel-Hirn-Trauma und sei weiterhin beeinträchtigt. Seine Steuerungsfähigkeit sei mindestens erheblich gemindert. Dennoch ist er laut Richterin Daniela Krack nicht gänzlich schuldunfähig. Bei vier der angeklagten Taten sei eine Schuldunfähigkeit nicht ausgeschlossen, daher müsse er hier freigesprochen werden. Bei den restlichen Taten sei er sich aber bewusst gewesen, dass sein Verhalten falsch sei.

Viele der angeklagten Taten gestand der Angeklagte, bei manchen fand er abenteuerliche Erklärungen: Ein Fahrrad habe er gar nicht stehlen wollen, sondern es sich nur ausgeliehen, um schneller nach Hause zu kommen. Ein Motorrad habe er am 11. November nur aus einer Garage entwendet, um dem Besitzer einen Streich zu spielen – er habe es ja wenige hundert Meter entfernt wieder abgestellt. Und das Fenster einer Kneipe, aus der er Alkohol stahl, sei schon zerbrochen gewesen. „Lebensfremd“ nannte das die Staatsanwältin und plädierte auf eine Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten. Nicht zuletzt sei ein hoher Schaden entstanden, bei dem nicht ersichtlich sei, wie der Angeklagte das jemals wieder gut machen könne. Mit einer Haft von zwei Jahren und drei Monaten verurteilte das Schöffengericht den 40-Jährigen auch zu einem Entzug. Außerdem ist er für zwölf Monate lang für den Führerschein gesperrt.

Wie es für ihn nun weitergeht

„Ich will wieder arbeiten gehen und ein normales Leben führen“, sagt er selbst. Eine solche Tat und Tatserie werde nie wieder vorkommen. Die Verteidigung hat allerdings Berufung gegen das Urteil eingelegt.

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