Das Auto hat die Familie Wessel aus Berlin inzwischen abgeschafft. Wie es dazu kam, erzählte Günther Wessel bei seinem Vortrag mit Lesung aus dem Buch „Vier fürs Klima“ in der Singener Stadthalle.

Die Gespräche über Klimafragen im Ethikunterricht hatten für die zwölfjährige Franziska aus Berlin vor rund drei Jahren den Impuls gegeben, doch einmal den eigenen ökologischen Fußabdruck auszurechnen. Und sie war geschockt: Für 42 Tonnen war ihre vierköpfige Familie im Jahr verantwortlich. Dass man diese Zahl aber durch andere Verhaltensweisen stark senken kann, und das sogar ohne Verzicht, sollte das folgende Jahr zeigen.

Günther Wessel (Jahrgang 1959), seine Frau Petra Pinzel (Jahrgang 1965), beide Journalisten, sowie Tochter Franziska (heute 15) und Sohn Jakob (heute 18) beschlossen, alles, was zum Ausstoß von schädlichem CO2 führt, auf den Prüfstand zu stellen. Sie recherchierten, welche Äpfel im Winter und Frühjahr die beste Klimabilanz haben und wie der Unterschied ist, wenn man die Einkäufe mit dem Rad erledigt anstatt mit dem Auto. Auch der Fleischkonsum wurde zum Thema, zumal Sohn Jakob schon länger Vegetarier war.

„Können wir Urlaube nun nur noch mit dem Fahrrad nach Brandenburg machen?“ Diese Frage stellte sich die Familie, die auch gerne mal nach Kreta geflogen ist. Letztendlich habe die Familie dann Urlaub mit dem Auto gemacht, und zwar in den französischen Alpen. „Nach Kreta fliegen hätte die vierfache CO2-Emission bedeutet“, so Wessel. Doch muss man überhaupt so weit wegfahren, um vom Alltag abzuschalten? Auch darüber hat die Familie gesprochen.

Ein Gespräch mit der Organisation „Atmosfair“, die klimaschädliche Flüge kompensiert, brachte Infos, wofür diese Gelder dann wirklich Verwendung finden. Der Satz „Man darf nicht fliegen“ gehöre nicht zu seinem Wortschatz, wohl aber die Empfehlung, wenig zu fliegen, schreibt Günther Wessel in dem Kapitel „Müssen Klimaschützer auf das Fliegen verzichten?“

Letztendlich habe die Familie ihren CO2-Ausstoß in dem einen Jahr von 42 auf 29 Tonnen gesenkt, also um 31 Prozent, so die Bilanz. „Vor dem Experiment waren wir Klugscheißer, hinterher Besserwisser“, fasste es Wessel zusammen. Aber man habe auch seine Grenzen kennengelernt.

„Immer versucht, immer gescheitert, egal, versuch’ es wieder, scheitere erneut, scheitere besser“ – mit diesem Zitat des irischen Schriftstellers Samuel Beckett beendete Günther Wessel seinen Vortrag. „Ich werde bestimmt noch mal in ein Flugzeug steigen, aber wenn, dann wird der damit verursachte CO2-Ausstoß über Atmosfair ausgeglichen“, so Günther Wessel. Das Leben ohne Auto sei auf jeden Fall möglich. „Ich verzichte auf nichts und vieles ist einfacher geworden“, so Wessel.