Singen Versorgungssicherheit: Süden sitzt in der Stromfalle

Im Zuge der bundesweiten Energiewende hin zu mehr nachhaltig produziertem Strom hat der Süden der Republik ein Problem. Denn die effektivsten Windkraftanlagen befinden sich im Norden und der Strom muss erstmal in den Süden transportiert werden. Darunter leidet die Versorgungssicherheit. Deshalb geht der Trend zum Stromlieferanten vor Ort.

Immer wieder gehen im Hegau die Lichter aus, unlängst im Südosten Steißlingens. Verantwortlich war ein Defekt in einer Zuleitung der EnBW, der sich bis in den Hegau auswirkte.

Müssen wir uns künftig öfter auf Stromausfälle einstellen? „Wenn an der Energiewende jemand leidet, dann der äußerste Süden Deutschlands“, sagt zumindest Frank Roselieb, Geschäftsführer des Kieler Instituts für Krisenforschung. Lange Zeit waren Kraftwerke übers ganze Land verteilt. Die Energiewende kippt diese dezentrale Versorgung. Die effektivsten Windkraftanlagen befinden sich in Offshore-Windparks im Norden der Republik. Damit herrscht ein Ungleichgewicht, denn im Süden leben viele Menschen und es gibt viel Industrie. Zumal in Singen.

Für den Krisenforscher eine gefährliche Entwicklung: „Aus Sicht der Versorgungssicherheit sollte man sich von den traditionellen Energiequellen wie der Kohlekraft nicht ganz verabschieden, auch wenn das umwelttechnisch fragwürdig ist“, erklärt Roselieb. Denn der Strom muss erst einmal von Nord nach Süd transportiert werden.

Achim Achatz, Geschäftsführer des Singener Unternehmens Solarcomplex, erklärt: „Wir wollen dort Strom produzieren, wo er gebraucht wird.“ Denn beim Transport von Nord nach Süd beginnen die Probleme: Zum einen sind die Stromtrassen – sofern es sie denn schon gibt – störanfällig. Sei es durch Erosionen im Untergrund oder durch Unfälle, beispielsweise einen Flugzeugabsturz. Andererseits neigen die Stromnetze zur Überlastung, wenn zu viel Energie eingespeist wird, etwa durch einen Sturm entlang der Nordsee.

Achatz hat eine Idee, was mit dem Stromplus aus dem Norden gemacht werden könnte: „Den könnten wir zur Gasgewinnung einsetzen, um unabhängiger von anderen Ländern zu werden. Dafür braucht es allerdings eine Menge Energie“, sagt er. Genau gesagt erfordert eine Einheit Gas das Dreifache an elektrischer Energie. Was die Versorgungssicherheit angeht, spürt Achatz „ein gewisses Unbehagen in der Bevölkerung“. Der Trend geht in Richtung Versorgung vor Ort. Und dies treibt Solarcomplex die Kunden zu: 20 Großprojekte – das heißt Wind-, Sonnen- und Biogasanlagen mit mehr als 100 Kilowatt Leistung – hat Solarcomplex bislang im Hegau in Betrieb genommen.

Damit ist Solarcomplex einer der Haupteinspeiser ins Netz der Thüga. Auch die Beschäftigten beim Singener Netzbetreiber machen sich Gedanken über die Versorgungssicherheit, selbst wenn die Ausfallzeiten mit durchschnittlich unter einer Minute pro Jahr und Haushalt im Thüga-Netz sehr gering sind. Im Bundesdurchschnitt liegt diese Zahl bei 16 Minuten. Erreicht wird dieser positive Wert dadurch, dass die Thüga weitgehend auf Erdleitungen statt freistehende Stromleitungen vertraut. „Uns haben die vielen Stürme letztes Jahr nichts ausgemacht“, erläutert Rainer Gehl, technischer Leiter bei der Thüga. Gehl fällt dennoch eine höhere Sensibilität beim Thema Versorgungssicherheit auf: „Die Behörden machen sich seit dem 11. September viel mehr Gedanken, es findet ein intensiver Austausch mit den Netzbetreibern statt.“ Sollte es dennoch einmal zu einem größeren Ausfall kommen, ist die Thüga gewappnet. Ähnlich wie ein Krankenhaus verfügt auch sie über ein Notstromaggregat. „Mit unserem Diesel kann das Betriebsgelände einige Tage durchhalten“, sagt Rainer Gehl.

Flächendeckende Stromausfälle

Die Vorsorgemaßnahmen kommen nicht von ungefähr. Laut Krisenforscher Frank Roselieb wird die Periode, die zwischen flächendeckenden Stromausfällen liegt, tendenziell kürzer. Noch liegt sie bei rund 37 Jahren. Roselieb mahnt deshalb zur Vorsorge. Denn die Stromversorgung ist zwar durch europaweit gültige Verträge auch durch unsere Nachbarländer gesichert. „Aber hierzulande stoßen wir wegen der benötigten Energiemenge schnell an Grenzen“, erklärt Roselieb. Bürger sollten sich seiner Meinung nach auch an anderen Ländern orientieren, die in Sachen Stromausfall leidgeprüft sind. In den USA haben viele Bürger etwa ein Notstromaggregat.

 

Die Notfallversorgung

Dass der Strom mal tagelang ausfällt, scheint eher unwahrscheinlich, kann aber passieren. Dann sollte man einen Notvorrat zu Hause haben.

Nahrung: Zunächst einmal sind Haushaltsvorräte mit lang haltbaren Lebensmitteln ratsam. Frank Roselieb rät beispielsweise zu Knäckebrot, Konservenwaren und Weckgläsern. Als Faustregel gilt: Wenigstens für zwei bis drei Tage sollte man sich ohne Gang zum Supermarkt versorgen können.

Getränke: Ein Vorrat an Mineralwasser im Keller ist immer ratsam. Notbrunnen sollen in Krisenfällen die Trinkwasserversorgung gewährleisten. In Singen könnte beispielsweise ein stillgelegtes Pumpwerk umfunktioniert werden. Genaue Auskünfte über den Standort der beiden Notbrunnen wollen die Stadtwerke nur im Notfall preisgeben. Sie weisen aber darauf hin, dass die Wasserversorgung dank eines Notstromaggregats gesichert sei. (bbr)

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