Die Aufregung war groß, als im Januar ein Gefahrguttransporter auf der A81 bei Geisingen ins Schleudern und schließlich zum Liegen kam. Was tun mit einem 40-Tonner, der mit einem orangenen Schild und Warnsymbolen versehen ist? Diese Zeichen signalisieren gefährliche Ladung. Es dauerte beinahe den gesamten Tag, bis die Straße wieder frei war. Dabei sind Gefahrstoffe längst alltäglich: "Jeder von uns hat Gefahrgut zuhause, ob es Feuerwerkskörper zu Silvester oder die Gasflasche zum Grillen sind", sagt Klaus-Peter Bernstorff. Selbst Parfüm gilt als Risiko. Bernstorff schult in der Gefahrgutschule Singen Lastwagenfahrer darin, Gefahrgut sicher zu transportieren, und weiß: Die Menge ist meist das größte Problem.

Nach einem Überholmanöver umgekippt ist im Januar ein Gefahrguttransporter auf der A 81 bei Geisingen. Bild: Feuerwehr Engen
Nach einem Überholmanöver umgekippt ist im Januar ein Gefahrguttransporter auf der A 81 bei Geisingen. Bild: Feuerwehr Engen | Bild: Feuerwehr Engen
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Zahlreiche Laster mit gefährlicher Ladung rollen täglich durch den Hegau, die wenigsten davon machen Schlagzeilen. Der Tankwagen von Michael Kuppel aus Steißlingen etwa fällt höchstens wegen seiner auffälligen Lackierung auf. Kuppel führt seinen Brennstoff-Handel in dritter Generation und beliefert 1500 Haushalte pro Jahr mit Heizöl oder Diesel. Beides sind Gefahrstoffe, die laut Kuppel daher besondere Aufmerksamkeit fordern. An Kuppels Tankwagen prangen Schilder mit den Ziffern 30 sowie in zweiter Reihe 12 02, das steht für Heizöl und Diesel. Theoretisch kann jeder Laie anhand der Beschilderung ablesen, welches Gefahrgut geladen ist. Relevant ist das besonders für Einsatzkräfte. Denn so können sie bei einem Unfall erkennen, womit sie es zu tun haben und wie sie am besten damit umgehen.

Bild: Arndt, Isabelle

3548 Gefahrstoffe sind aktuell verzeichnet

"Wenn Gefahrgut versendet wird, müssen alle Beteiligten wissen, was sie machen", sagt Bernstorff. Dabei hätten viele Unternehmen auch indirekt mit Gefahrstoffen zu tun. Bernstorff erwähnt eine Firma, die Tiertränken herstellt und ein passendes Reinigungsmittel anbietet. Die Tränken sind unproblematisch, doch das Reinigungsmittel gilt als Gefahrstoff und fordert einen fachkundigen Umgang. Die Liste der Gefahrstoffe ist lang: 3548 sind aktuell verzeichnet. Das Europäische Übereinkommen über die internationale Beförderung gefährlicher Güter auf der Straße, kurz ADR, hält fest, wie mit ihnen umgegangen werden muss. Dabei zählen der Stoff selbst und seine Umgebung: Wenn Feuerwerkskörper gut verpackt sind, drohe auch bei größeren Mengen kaum eine Gefahr. Bei anderen Stoffen könne hingegen ein Gramm bereits kritisch sein. Größtes Risiko sei eine drohende Explosion.

Piktogramme zeigen Gefahr: Wenn das geladene Öl austritt, gefährdet es die Umwelt.
Piktogramme zeigen Gefahr: Wenn das geladene Öl austritt, gefährdet es die Umwelt. | Bild: Arndt, Isabelle

Weniger Zeitdruck, mehr Verantwortung

Damit es gar nicht so weit kommt, müssen Fahrer eine entsprechende Ausbildung nachweisen und im Abstand von fünf Jahren eine Nachschulung absolvieren. 60 Grundschulungen und 100 Weiterbildungen hat Bernstoff im vergangenen Jahr gegeben. Dabei geht es weniger um die Fahrt selbst, wie der Experte erklärt – "der LKW fährt wie jeder andere auch". Vorsicht gilt lediglich bei beeinträchtigten Straßenbedingungen: Michael Kuppel sollte mit seinem Tankwagen einen Platz zum Halten suchen, sobald es Schnee- oder Eisglätte sowie starken Nebel hat. Doch das sei auf dem Weg von Schwenningen, wo er das Öl holt, bis in den Hegau gar nicht so leicht, denn die Wetterbedingungen sind unterschiedlich.

Kuppel ist dann besonders vorsichtig unterwegs. "Ich werde einen Teufel tun und dann auf die linke Spur ziehen", sagt der Brennstofflieferant. Er wolle sich kaum vorstellen, was geschehe, wenn sein Tankwagen kippt. Bernstorff beantwortet das für ihn: Man würde ein Loch hineinbohren und die Ladung abpumpen. Unter dem Zeitdruck, den Fahrer für Speditionen häufig beklagen, stehe er nicht. Wenn es zu unsicher wird, lasse er den Tankwagen stehen. Die Gefahr, im Winter stecken zu bleiben, sei ihm teils zu groß.

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Sicherheitsdatenblatt entspricht Personalausweis

Beim Gefahrguttransport geht es laut dem Experten besonders um die Vorbereitung: Wenn der Stoff klassifiziert ist, gibt es ein Sicherheitsdatenblatt mit Hinweisen, was etwa bei einem Brand zu tun ist. "Das entspricht einem Personalausweis", erklärt Bernstorff. Außerdem muss das Fahrzeug in einem perfekten technischen Zustand sein, wie Michael Kuppel sagt: "Es ist besonders wichtig, dass alles ok ist." Das beginne unten mit der Bereifung und ende oben auf dem Dach mit den Wasserabläufen, die geschlossen sein müssen. "Es gibt sehr viele Vorschriften." Dazu gehört auch eine Schutzausrüstung mit Gegenständen wie Warndreieck, Augenreinigungsset und Feuerlöscher.

Bild: Guido Kirchner

Anders als ein Schwerlasttransport muss ein Gefahrguttransport nicht angemeldet werden. Bei besonders gefährlichen Stoffen werde die Behörde aber kontaktiert, um gemeinsam eine besonders sichere Straße auszumachen. Gefahrgut wird laut Bernstorff vorrangig auf Autobahnen transportiert, gefolgt von Bundes- und dann Landstraßen.

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Heute drohen bei Transport neue Risiken

Dass der Unfall auf der A 81 letztlich so glimpflich endete, zeigt Klaus-Peter Bernstorff, dass sich in den vergangenen Jahren bereits viel geändert hat. 1987 brannte und explodierte ein Tankwagen im hessischen Herborn – sechs Menschen starben und 39 wurden verletzt. Anschließend regte die Bundesregierung mehrere Veränderungen an wie mehr Ortsumfahrungen, zusätzlichen Schutz für Tankwagen und Bremsen mit Anti-Blockiersystem. Doch für die Zukunft sieht Bernstorff neue Risiken: "Die Bevölkerung weiß noch gar nicht, was mit Lithium-Ionen-Akkus auf sie zukommt." Denn die Energiespender für eBikes oder elektronische Autos können bei mechanischer Einwirkung oder Erhitzung zünden und sind dann erstmal nicht löschbar.

Die Warntafel an Michael Kuppels Tankwagen zeigt, dass er Öl transportiert.
Die Warntafel an Michael Kuppels Tankwagen zeigt, dass er Öl transportiert. | Bild: Arndt, Isabelle

Was die Warnschilder an einem Lastwagen bedeuten

  • Gefahrstoffe gliedern sich in neun Klassen von Explosivstoffen über Gase bis zu giftigen, radioaktiven oder ätzenden Stoffen. Entsprechend dieser Klasse sind auch die Gefahrennummern aufgebaut: voran eine 2 steht für entweichende Stoffe, eine 6 für Gift und eine 7 für Radioaktivität.
  • Orangene Warntafeln enthalten zwei Angaben: die Gefahren- und die Stoffnummer. Die obere Ziffer steht für die mögliche Gefahr, zum Beispiel steht die 30 für eine leichtentzündliche Flüssigkeit. Wenn auch ein X zu lesen ist, reagiert der Stoff gefährlich mit Wasser. Die Stoffnummer bezeichnet konkret, was geladen ist, zum Beispiel 1202 für Heizöl und Diesel. Wenn mehrere gefährliche Stoffe in einem Transporter bewegt werden, ist auch ein neutrales orangenes Warnschild ohne weitere Bezeichnung möglich. Dann finden sich genauere Angaben auf den jeweiligen Gegenständen. Bei Tankwagen bleibt die Beschilderung auch im Leerzustand befestigt, weil die Dämpfe von Öl sogar eher brennen als das zuvor transportierte Öl.
  • Piktogramme: Ebenfalls auf orangenem Grund zeigen Gefahrensymbole, welche Wirkung ein Stoff hat – ist er giftig, entzündlich oder reizend? Die Piktogramme an Michael Kuppels Tankwagen bedeuten, dass er einen umweltgefährlichen und entzündlichen Stoff geladen hat. Ergänzt werden diese Symbole, die beispielsweise auch auf Haarspray-Flaschen zu finden sind, von Piktogrammen wie einem Totenkopf für Gift oder einer Gasflasche als Zeichen für Gase, die unter Druck stehen.