Für das Finanzamt Singen stellte das Jahr 2016 eine Zäsur dar: Erstmals summierten sich die Steuereinnahmen auf mehr als eine Milliarde Euro, womit aber offensichtlich noch längst nicht der Endpunkt der positiven Entwicklung für die Finanzen des Gemeinwesens erreicht ist. Im vergangenen Jahr schwoll der Steuerzufluss nochmals um 4,4 Prozent auf rund 1,063 Milliarden Euro an.

Die Jahre, in denen die Steigerung der Einnahmen im zweistelligen Prozentbereich lag, sind damit vorbei, was jedoch nichts an der dauerhaft komfortablen Situation der öffentlichen Hand ändert. Nach Angaben des Finanzamtsleiters Klaus Seifarth weist der Fünfjahresvergleich von 2013 bis 2017 einen Anstieg von fast 30 Prozent aus – innerhalb des überschaubaren Zeitraumes bedeutet das ein Plus von rund einer Viertelmilliarde Euro.

Der größte Anteil am Steueraufkommen ist auf die Lohnsteuer zurückzuführen, er liegt aktuell bei knapp 344 Millionen Euro. Die Steigerung um 4,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr ist nach Einschätzung von Klaus Seifarth Ergebnis des allgemeinen Anstiegs der Lohneinkünfte. Ein etwaiges Plus bei der Zahl der Arbeitplätze fällt demnach weniger ins Gewicht, Klaus Seifarth kann (zumindest bei den größten Arbeitgebern) keine quantitativ markanten Veränderungen feststellen.

Steueraufkommen 2017 im Finanzamtsbezirk Singen, Angaben in Millionen Euro .
Steueraufkommen 2017 im Finanzamtsbezirk Singen, Angaben in Millionen Euro. Rechts im Bild Klaus Seifarth, Leiter des Finanzamtes. | Bild: Finanzamt Singen/ Tesche / Schönlein

Richtig gut Geld verdient wird bei den einkommensteuerpflichtigen Bürgern – also zum Beispiel gewerblichen oder freiberuflichen Unternehmen. Klaus Seifarth spricht von einem "imponierenden Anstieg der Einkommenssteuer von 9,4 Prozent" auf 240,6 Millionen Euro. In dieser Zahl spiegele sich auch die Entwicklung des Mietniveaus, die zu höheren Überschüssen führe. Der Leiter des Finanzamtes geht ferner davon aus, dass die Möglichkeiten der Verlustvorträge – ein gängiges Instrument der steuerlichen Vergünstigung in wirtschaftlich schlechten Jahren – inzwischen erschöpft sind.

Ein Indikator für die wirtschaftlich blendende Situation ist außerdem die Entwicklung bei der Umsatzsteuer. Sie lag 2017 um 5,5 Prozent über dem Niveau des Vorjahres, was nach Einschätzung von Klaus Seifarth vor allem auf Zahlungen großer Unternehmen zurückzuführen ist. Mit 303,9 Millionen Euro (im Vorjahr 288,1 Millionen Euro) rangiert die Umsatzsteuer bei den Geldquellen für die öffentliche Hand hinter der Lohnsteuer auf dem zweiten Platz.

An den Steuerquellen, die als Betrag für die Finanzausstattung der Allgemeinheit weniger stark ins Gewicht fallen, lassen sich ebenfalls gesellschaftliche Tendenzen ablesen – zum Beispiel bei der Zinsabschlagssteuer. Sie machte im Jahr 2017 gerade einmal 2,7 Millionen Euro am Gesamtsteueraufkommen aus und bewegt sich damit wie im vorangegangenen Jahr auf einem extrem niedrigen Niveau. Das kann angesichts der Minimalverzinsung für klassische Sparformen und Wertpapiere kaum überraschen. Um überhaupt in einen Bereich zu geraten, bei dem Steuern für Zinseinnahmen abgeführt werden müssen, bedarf es zurzeit eines extrem dicken Guthabens.

Bei der Kapitalertragssteuer fällt auf den ersten Blick der Einbruch um 52,9 Prozent auf. Zu erklären ist dies laut Klaus Seifarth auf einen Einzelfall, insgesamt aber sind die Quellen der Kapital- sowie der Körperschaftssteuer jedoch ein Beleg dafür, dass viel Geld auf dem Markt unterwegs ist. Der Staat jedenfalls verdient sehr viel mehr an den Kapitalanlegern, die ihr Geld beispielsweise als stille Teilhaber in Unternehmen stecken, als an jenen, die Steuern aufgrund von Zinseinnahmen zu bezahlen haben. Ein Grund zur Klage über den hohen Betrag etwa der Kapitalertragssteuer gibt es dennoch nicht: Im Durchschnitt dürfte hier jedem Steuer-Euro ungefähr drei bis vier Euro gegenüberstehen, die der Steuerzahler für sich einstreicht, indem er das Kapital für sich arbeiten lässt.

Hier berechnen die staatlichen Kassenprüfer die Steuern aus 22 Kommunen: das Finanzamt Singen.
Hier berechnen die staatlichen Kassenprüfer die Steuern aus 22 Kommunen: das Finanzamt Singen. | Bild: SK Archiv

Interpretationen schließlich sind auch beim Blick auf die Grunderwerbssteuer möglich. Laut Klaus Seifarth gab es im vergangenen Jahr eine Zunahme der Steuerfälle, die Steuereinnahmen aber gingen dennoch leicht zurück. Ursache dafür ist der Mangel an Käufern größerer Flächen, was jedoch beim Vergleich mit anderen Regionen nichts am generellen hohen Steueraufkommen in Folge von Grunderwerb ändert.

Schließlich kann auch die Entwicklung beim Solidaritätszuschlag noch als Indikator für den ökonomischen Zustand im Amtsbezirk des Singener Finanzamtes genommen werden. "Der Zuwachs von mehr als fünf Prozent", so schreibt Klaus Seifarth dazu, "weist die weiterhin gute Konjunktur aus, denn der Soli wird ja gerade bei den Ertragssteuern aufgelegt."

Geringe Zahl von Selbstanzeigen

Insgesamt stuft der Leiter des Finanzamtes das Jahr 2017 als ruhig ein. Spektakuläre Fälle von Steuerbetrug seien nicht bekannt geworden, auch die Zahl der Selbstanzeigen sei auf ein Bruchteil dessen zurückgegangen, was zu Hochzeiten der Steuer-CD-Ankäufe registriert worden war. Aus der Perspektive von Klaus Seifarth spielt die Musik in Sachen Steuergerechtigkeit und Steuerumgehung zurzeit eher bei Kapitalflüssen von multinationalen Konzernen.

 

Entwicklung im Bereich des Finanzamtes Singen ähnlich wie in ganz Baden-Württemberg

  1. Das Einzugsgebiet: Der Bezirk des Finanzamtes umfasst die Gemeinden Singen, Radolfzell, Stockach, Engen, Tengen, Hilzingen, Mühlhausen-Ehingen, Gottmadingen, Büßingen, Gailingen, Rielasingen-Worblingen, Volkertshausen, Aach, Steißlingen, Orsingen-Nenzingen, Eigeltingen, Mühlingen, Bodman-Ludwigshafen, Hohenfels, Moos, Gaienhofen und Öhningen. Die Zahl der zu bearbeitenden Steuerfälle lag im vergangenen Jahr bei rund 73 000. 
  2. Das Finanzamt: Bei der Behörde am zentral gelegenen Herz-Jesu-Platz in Singen sind rund 270 Mitarbeiter beschäftigt, von denen sich 40 in der Ausbildung befinden. Die Zahl der Auszubildenden hat sich damit im Vergleich zum Jahr 2012 nahezu verdoppelt. Klaus Seifarth bezeichnet die Personalausstattung nach Zeiten mit großen Engpässen als auskömmlich, die Unterbesetzung habe im Vergleich zu früheren Jahren deutlich abgebaut werden können.

  3. Die Steuerfälle: Das Gros liegt mit rund 66 000 Fällen im Bereich der Einkommenssteuer. Das Finanzamt hat ferner rund 2300 Körperschaften zu betreuen, mehr als 3100 Personengesellschaften und die Zahl der Vereine, mit denen sich das Finanzamt zu beschäftigen hat, beläuft sich auf etwa 1300. Für die Außenprüfungen stehen 29 Prüfer zur Verfügung – diese erwirtschaften zum Beispiel bei größeren Betrieben ein durchschnittliches Mehrergebnis von knapp 90 000 Euro.

  4. Der Vergleich: Die Ergebnisse des Finanzamtes Singen weisen für 2017 beim Vergleich mit anderen Finanzämtern in Baden-Württemberg viele Parallelitäten auf. Insgesamt lagen die Steuereinnahmen im Land bei 3,9 Prozent (Finanzamt Singen: 4,4 Prozent). Beim Blick auf die Einkommenssteuer fällt allerdings auf, dass im Land 14,7 Prozent (Singen: 9,4) mehr Geld in die öffentlichen Kassen floss. Andernorts sind also die Gewinne und Überschüsse noch höher. (tol)