Die Zuwanderung von Menschen aus den Krisengebieten der Welt nach Deutschland stellt die Behörden auch in Gesundheitsfragen vor neue Herausforderungen. In Singen wurde jetzt ein Fall der hochansteckenden offenen Tuberkulose diagnostiziert. Der Betroffene war ein Flüchtling aus einer Gemeinschaftsunterkunft, der zusammen mit fünf weiteren Asylbewerbern ein Praktikum bei den Singener „Technischen Betriebe“ absolvierte. Das hat jetzt bei den Kollegen des Erkrankten und in der Stadtverwaltung für große Verunsicherung gesorgt.

Alle Beschäftigten, die mit dem Erkrankten Kontakt hatten, mussten sich Blutuntersuchungen unterziehen. Bei einigen wurde festgestellt, dass sie im Laufe ihres Lebens Kontakt zu Tuberkuloseerregern hatten. Ob diese durch den Kollegen übertragen wurden, lässt sich nicht sicher sagen. Doch die Betroffenen sind beunruhigt. Für Oberbürgermeister Bernd Häusler ist das, wie er sagt, verständlich, zumal die Inkubationszeit etwa acht Wochen beträgt und die Menschen in der Zeit keine Gewissheit hätten, ob sie sich angesteckt hätten oder nicht.

Der erkrankte Asylbewerber hatte bereits bei seiner Ankunft Ende 2014 einen der üblichen Gesundheitschecks in einer Erstaufnahmestelle des Landes durchlaufen. Damals gab es keine Anzeichen einer aktiven Lungentuberkulose (TBC), wie der Leiter des Gesundheitsamtes im Landkreis Konstanz, Helmut Eckert, auf Anfrage dieser Zeitung erklärt. Ende 2015 traten bei dem Mann plötzlich Anzeichen einer chronischen Lungenerkrankung in Form von Fieber und chronischem Husten auf. Bei einer anschließenden Röntgenuntersuchung stellten die Ärzte „eine wohl reaktivierte Lungentuberkulose fest“, berichtet Eckert.

Es folgte das übliche Prozedere: Der Mann wurde stationär im Krankenhaus mit einer Vierfach-Therapie (also mit vier verschiedenen Medikamenten) behandelt. Nach zwei bis drei Wochen besteht keine Ansteckungsgefahr mehr. Der Patient kann das Krankenhaus verlassen, wird aber im Zeitraum von zwei Monaten mit den gleichen Medikamenten weiter behandelt. Darauf folgt weitere vier Monate eine Zweifachtherapie.

In Singen ist es der erste Fall von offener TBC aus Asylbewerberkreisen. „In der Bevölkerungsgruppe gibt es keine überdurchschnittlichen Auffälligkeiten“, sagt Eckert. „Ein Flüchtlingsproblem ist das nicht“, stellt er fest.

Zu den Konsequenzen im Singener Fall gehörte eine erweiterte Umgebungsuntersuchung. 80 Personen, davon 50 aus dem Arbeitsumfeld, wurden untersucht. Bei 16 Personen, überwiegend aus dem privaten Umfeld des Erkrankten, habe der Bluttest gezeigt, dass sie im Laufe ihres Lebens schon einmal Kontakt zu Tuberkuloseerregern gehabt hätten, lautet das Fazit. Einige kamen auch aus dem Arbeitsumfeld. Sie müssen nun vorsorglich Medikamente nehmen und eine zweite Röntgenuntersuchung absolvieren.

„Für die Beschäftigten ist das alles andere als erfreulich“, sagt der Oberbürgermeister, der auch für die Technischen Betriebe zuständig ist. Unter den 50 Kollegen sei nach diesem Fall die Bereitschaft, Asylbewerber bei der Arbeit anzuleiten, stark eingebrochen. Auch der Personalrat habe nicht erfreut reagiert und an die Fürsorgepflicht des Arbeitgebers erinnert. Der hat jetzt die Konsequenzen gezogen: „Vorerst bis zum Sommer werden wir keine Asylbewerber als Praktikanten mehr einstellen“, sagt Häusler. Für ihn ist nachvollziehbar, dass die Beschäftigten der Technischen Betriebe nicht mehr mit Flüchtlingen zusammenarbeiten wollen, solange ihr Gesundheitszustand nicht eindeutig geklärt ist. „Wir werden jetzt erst die Nachuntersuchungen abwarten und schauen, wie es den Kollegen geht“, sagt Häusler sichtlich besorgt.

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Fakten zur Tuberkulose

Meldepflicht: Wegen der hohen Ansteckungsgefahr ist die Tuberkulose meldepflichtig. Der Krankheits- oder Genesungsprozess wird vom Gesundheitsamt engmaschig kontrolliert. Deshalb muss sich ein Erkrankter auch zwei bis drei Jahre nach der Heilung regelmäßigen Untersuchungen unterziehen. Und auch die Umgebung des Erkrankten wird genau untersucht.

Andere Fälle: 2015 gab es im Landkreis Konstanz insgesamt zwölf neue Fälle von Tuberkolose; sieben davon mit einer offenen und vier mit geschlossenen Lungentuberkulosen sowie eine Lymphknotentuberkulose. Im Vergleich dazu waren es 1995 noch 36 Fälle. 2014 schnitt der Landkreis Konstanz mit vier Fällen je 100 000 Einwohner besser ab als der Bundesdurchschnitt (5,6 Fälle). 2015 stieg die Zahl der TBC-Kranken im Landkreis auf 4,3 pro 100 000 Einwohner an.

Geschwächtes Immunsystem: Tuberkulose sei so alt wie die Menschheit, erklärt der Leiter des Kreis-Gesundheitsamtes, Helmut Eckert. Das Bakterium (oben aufgenommen unter dem Elektronenmikroskop) habe sich über die Jahrtausende gehalten, wobei es sich bei geschwächten Immunsystemen und unter ungünstigen Lebens- und Umweltbedingungen leichter ausbreiten könne. Nur durch eine konsequente Behandlung sei es über die Jahrzehnte gelungen, die Zahl der Erkrankungen zu reduzieren, sagt Eckert.