Anton Kohler kommt zu spät, aber er bringt die Antwort auf eine nicht ganz unbedeutsame Frage mit. Woran liegt es, dass am Polit-Talk im Rahmen des Fasten-Essens der CDU in der Zunftschüür nur ein Dutzend Mitglieder und Sympathisanten teilnehmen? Vielleicht, so der Hinweis von Anton Kohler am Rande des Treffens mit dem aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis angereisten Bundestagsabgeordneten Thorsten Frei, wäre es ja ganz gut, wenn die Partei sich etwas mehr an den Gepflogenheiten eines Teils ihrer Stammwählerschaft orientieren würde. Es ist später Sonntagvormittag und da steht nun mal der Kirchgang auf dem Programm von Anton Kohler, weshalb er erst gegen Mittag dazustößt.

Das Jüngste Gericht wird in diesem Fall das Schwänzen des Gottesdienstes vermutlich aber als lässliche Sünde einstufen. Thorsten Frei vollbrachte das Kunststück, eine Reihe von europapolitischen Themen mit der alltäglichen Lebenswirklichkeit der Menschen zu verknüpfen. Ohne Frage kommt ihm dabei eine Eigenschaft zugute, die etlichen Politikern fehlt. Der 45-Jährige kennt sich durch seine langjährige Erfahrung als Oberbürgermeister von Donaueschingen bestens in der Kommunalpolitik aus. Das prägt seine Auffassung davon, wie Politik generell zu funktionieren hat: von unten nach oben.

Positionierung zur Bundespolitik

Zurzeit ist Thorsten Frei im Zwischendeck der Bundespolitik zugange und er nutzte die Chance zu klaren Positionierungen. Er steht angesichts der Rekordeinnahmen des Staates für Steuersenkungen, hält nichts von der Grundrente, will an den Hartz-Sanktionsmöglichkeiten festhalten, plädiert für den Erhalt des Asylrechts, möchte dieses aber klar von einem Einwanderungsgesetz für Fachkräfte trennen, er prophezeit auf dem Weg zu einer Gesellschaft mit steigender Lebenserwartung unausweichliche Auswirkungen auf die Lebensarbeitszeit, er will den Solidaritätszuschlag komplett und für alle abschaffen, hält den Ausbau eines europäischen Verteidigungsverbunds für notwendig, aber ganz bestimmt nicht den einer gemeinsamen Arbeitslosenversicherung, weil die schon in Deutschland wegen der unterschiedlichen Lebensbedingungen zu großen Ungerechtigkeiten führe.

Solch klare Haltung ist ein Glück für jede Partei – ebenso wie es kein Nachteil ist, dass Politiker vom Schlage eines Thorsten Freis derzeit nur einfache Abgeordnete sind und nicht auf der Regierungsbank sitzen. Dort muss man sich mit einem Koalitionspartner zusammenraufen, der in den meisten Punkten eine konträre Strategie verfolgt. Als "hoch nervös" erlebt der Bundestagsabgeordnete die SPD, wobei er nichts dazu sagt, warum diese Nervosität nicht auch in den eigenen Reihen spürbar sein soll.

Andreas Renner will streiten

Das in Berlin zurzeit erforderliche hohe Maß an Diplomatie ist Andreas Renner nicht in die Wiege gelegt und er macht es in der Diskussionsrunde deutlich. Der Singener Alt-OB, der Thorsten Frei in puncto Verknüpfung von Kommunal-, Bundes- und Europapolitik in nichts nachsteht, geht davon aus, dass die Wahlbürger bereits im nächsten Jahr zu einer vorzeitigen Bundestagswahl aufgerufen werden.

Auf jeden Fall begrüßt Andreas Renner die sich allmählich wieder entwickelnde Streitkultur. "Das letzte wirklich umstrittene Reformpapier war Hartz IV", sagt er und nennt nebenbei ein Thema, das bei ihm für Blutdruck sorgt. Egal ob Dienstreise oder ein Termin beim Facharzt, überall begegne man einem ausufernden Bürokratismus. Sein Parteifreund Hans-Joachim König beklagt in diesem Zusammenhang das paradoxe Phänomen, dass im Zuge angeblicher Transparenz-Gebote haufenweise Papier produziert werde, was das genaue Gegenteil bewirke.

Was ist ökologisch absurd? Wenn man mit dem Bus zum Flughafen fährt...

Auch über anderes lässt sich trefflich streiten – wie etwa die auseinander driftenden Kräfte beim schonenden Umgang mit Ressourcen. Veronika Netzhammer brachte die Anstrengungen des Singener Gemeinderats und der Stadtverwaltung für den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs zur Sprache, die durch die Vielfliegerei ad absurdum geführt würden. Aus ihrer Sicht bringt es in der ökologischen Bilanz wenig, wenn die Menschen mit dem Stadtbus zum Flugzeug fahren. "Das Fliegen ist zu billig", sagt sie, hier hätten Bundes- und Europapolitik einige Hausaufgaben zu erledigen – ebenso wie beim online-Handel. Angesichts des Mehraufwands beim Transport sowie die Produktvernichtung für zurückgeschickte Ware fragt sie sich, ob sich in Europa oder Berlin "irgendjemand mit den Umweltbelastungen beschäftigt".

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Mit einem anderen Thema beschäftigt sich die Politik nach Ansicht von Hermann Stocker dagegen zu viel. Dem Ruheständler, der 49 Jahre in die Bundesversicherungskasse einbezahlt hat, reißt beim Wehklagen über die hohen Belastungen für Rentner die Hutschnur. "Ich muss niemandem dankbar sein" – und das schon gar nicht gegenüber Beamten, die nichts einzubezahlen hätten.