Es gab Leberle und als Beilage die Chance auf zweihundertfünfzig Millionen Dollar. Das Problem: Der Gast nahm das Mittagsmenü in einem Singener Selbstbedienungsrestaurant zu sich und nicht irgendwo in den USA. Doch der Gedanke des plötzlichen Reichtums schoss ihm durch den Kopf, denn was ihm in dem Restaurant passierte, war einzigartig. An der Leber war nichts auszusetzen und dass sie sich nicht so einfach schneiden ließ wie die daneben liegenden etwas zu weich gekochten Kartoffeln, liegt in der Natur des tierischen Organs. Für ein handelsübliches Besteck ist freilich auch ein zähes Stück für gewöhnlich kein Problem, aber diesmal brach der Edelstahl doch tatsächlich ziemlich genau zwischen Klinge und Griff ab.

Weiter schlimm war das nicht, denn an Besteck besteht kein Mangel und Ersatz war also schnell beschafft. Auch war durch das Missgeschick kein Hemd mit Soße befleckt, kein Tischnachbar kam zu Schaden und kein Anzug musste gereinigt werden. Und doch: Was für ein Pech, denn wäre dergleichen in den USA passiert, dann hätte man klagen können. Zum Beispiel, dass im Bereich der Besteckausgabe kein Hinweis auf das mögliche Zerbrechen von Messer, Gabel, Löffel erfolgte. Außerdem könnte man in Übersee vermutlich die psychischen Folgen für das künftig beeinträchtigte Sicherheitsgefühl beim Verzehren von Leberle geltend machen, was unweigerlich zu Angstzuständen, Schlafstörungen und damit zum Verlust beruflicher Entwicklung sowie entsprechender finanzieller Einbußen führen muss.

Ja, wenn man so recht bedenkt, was ein an einem Stück Vieh abgebrochenes Messer in Amerika so alles bewirken kann, dann – so befand der Gast in seinem Geiste – kommt der Hersteller mit einem Schadensersatz von 250 Millionen Dollar eigentlich noch sehr günstig davon.

Großes Glück

Woraus sich aber vollkommen neue Fragen ergäben – zum Beispiel, was man in Herrgottsnamen mit dem Zaster anfangen sollte. Gut, es wäre ein gutes Startkapital für die Bewerbung als US-Präsident, aber das geht leider nicht, denn dafür müsste man laut US-Verfassung in den USA geboren sein. Immerhin aber könnte man sich um den Posten als Gouverneur in einem der Bundesstaaten bemühen, was einem Österreicher namens Arnold Schwarzenegger geglückt ist – und was wiederum vermutlich nicht nur mit dem Geld, sondern ganz nebenbei auch damit zu tun hat, dass der Muskelmann in seinem Leben viel Leberle verspeist haben dürfte. Aber was dann? In der Fantasie des Gastes mit dem abgebrochenen Messer erforderte die gehobene Position als Gouverneur die Teilnahme an einem Diner mit dem amtierenden US-Präsidenten und da blieb ihm doch fast der letzte Bissen des Mittagsmenüs im Halse stecken. Und fast im gleichen Augenblick schon breitete sich über sein Gesicht ein befreiendes Lächeln aus über sein Glück des alltäglichen Daseins in Singen mit all seinen Unzulänglichkeiten wie den etwas weich gekochten Kartoffeln, vielleicht doch ein bisschen zu zäher Leber und dem Tagtraum von zweihundertfünfzig Millionen Dollar.