Hier und da heben sich bereits Messingplatten von Singens Gehwegen ab, um auf Opfer des Nationalsozialismus aufmerksam zu machen. Nun erinnern vier weitere Stolpersteine an das Schicksal von Hildegard Hansche und Familie Schärf. Dafür wurden die Steine von dem Initiator der Stolpersteine Gunter Demnig im Beisein des stellvertretenden Bürgermeisters Manfred Bassler in die Gehwege eingesetzt. Heinz Kapp, Roswitha Besnecker und Julia Goecke von der Stolperstein-Initiative recherchierten die Biografien von Hildegard Hansche und der Familie Schärf. Vor Ort zeigten sie deren Lebensläufe auf. Dabei war auch die Diskussion darüber präsent, an wen erinnert werden soll.

Künstler Gunter Demnig verlegt Hildegard Hansches Stolperstein.
Künstler Gunter Demnig verlegt Hildegard Hansches Stolperstein. | Bild: Helen Ziegler

Eine Lehrerin, die sich politisch engagierte

In der Oberzellerhau wird an die 1942 verhaftete und ins Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück deportierte Lehrerin Hildegard Hansche erinnert. Da sie sich in der SPD engagiert und auf Missstände aufmerksam gemacht hat, ist sie wegen „Heimtücke“ angeklagt worden. Aufgrund mangelnder Beweise wurde sie zwar freigesprochen, aber von der Gestapo in sogenannte Schutzhaft genommen. In Ravensbrück wurde sie unter „unmenschlichsten Bedingungen interniert“, wie Roswitha Besnecker berichtete. Bis zur Befreiung durch die Rote Armee 1945 blieb Hildegard Hansche in Haft. 1948 zog es sie nach Singen, um wieder als Lehrerin zu arbeiten. Zwei Jahre nach ihrem Tod wurde 1994 die Dr. Hildegard Hansche-Stiftung gegründet, an der sie zu Lebzeiten noch gearbeitet hatte. Zur Stolperstein-Verlegung waren nun auch zwei ihrer ehemaligen Schülerinnen aus Singen dabei.

Eine jüdische Händlerfamilie

Der Betsaal in Salomon Schärfs Haus.
Der Betsaal in Salomon Schärfs Haus. | Bild: Helen Ziegler

Vor dem Wohnhaus der Familie Schärf in der Freiheitstraße wurden drei weitere Stolpersteine verlegt. Salomon Schärf bekam 2012 einen Stolperstein, nun wird auch an seine Frau Erna Schärf (geborene Beigel) und an seine beiden in Singen geborenen Töchter Esther und Ruth Schärf erinnert. Salomon Schärf betrieb mit seinem Bruder ab 1913 einen Möbelhandel in Konstanz. Sie eröffneten 1929 eine weitere Filiale auf seinem Wohngrundstück in Singen, wo sich auch ein Betsaal befand. Salomon Schärf plante schon früh die Flucht der Familie vor den Nazis. „Er hoffte nicht, wie die andern jüdischen Geschäftsleute auf ein baldiges Ende des Dritten Reiches“, erklärte Heinz Kapp die Hintergründe. Ende November 1933 wurde Salomon Schärf ausgebürgert und floh nach Palästina, woraufhin er sein Unternehmen notgedrungen weit unter Marktwert verkaufte. Dabei blieben nach Begleichung seiner Schulden nur noch 6888 Reichsmark, etwa 1600 Euro, für die Flucht übrig.

Stolpersteine erinnern in der Freiheitstraße nun an die komplette Familie Schärf.
Stolpersteine erinnern in der Freiheitstraße nun an die komplette Familie Schärf. | Bild: Helen Ziegler

Auch an Karl Möllinger, welcher Grenzpapiere für jüdische Mitbürger organisierte, wurde gedacht und erinnert, jedoch auf Wunsch der Familie kein Stolperstein verlegt.

Und eine Debatte, an wen überhaupt erinnert werden soll

Ein Stolperstein für Ernst Thälmann hatte zuletzt für Diskussionen gesorgt. Thälmann war Vorsitzender der Kommunistischen Partei Deutschlands, bis er im März 1933 in Berlin von der Polizei verhaftet und schließlich im Konzentrationslager Buchenwald ermordet wurde. Seine Frau und Tochter lebten lange Zeit in Singen, weshalb 2018 in der Rielasingerstraße drei Stolpersteine für die Familie verlegt wurden. Der AfD-Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon schrieb 2018 in einem offenen Brief an den Singener Oberbürgermeister Bernd Häusler und die Stadträte, dass Thälmann einen kommunistischen Umsturz geplant und deshalb keinen Stolperstein verdient hätte. Damit würde man versuchen, der Bevölkerung eine „Erinnerungs-Kultur aufzuzwingen“, so Gedeon.

Die Macher sagen: Nicht ehren, sondern erinnern

Dieses Thema des Ehrens oder Erinnerns kam diese Woche erneut auf, nachdem in Löffingen mit einem Stolperstein an einen Kleinkriminellen gedacht wird.

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In Singen erklärten die Organisatoren und der Künstler, dass es nicht ausschlaggebend sei, ob die Person als Vorbild bezeichnet werden kann. Es gehe bei der dezentralen Kunstaktion in ganz Deutschland lediglich um den Fakt, dass die Person einst von Nationalsozialisten verfolgt oder ermordet wurde.

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