Große Ziele umzusetzen beginnt im Kleinen. Das betonte Oberbürgermeister Bernd Häusler bei der Verleihung der Agendapreise. In der Hardtschule wurden die Gewinner der diesjährigen Ausschreibung geehrt. Fünf Bewerber gab es, von denen zwei den seit 2004 verliehenen Preis zugesprochen bekamen. "Das heißt aber nicht, dass die anderen Bewerbungen weniger wert sind", stellte Häusler klar.

Nominiert war unter anderem der Fußballverein HSK Croatia für seine Integration von Flüchtlingen in den Spielbetrieb. Außerdem hatte als einzige Privatperson, die an der diesjährigen Auflage teilnahm, Eckard Walter einen Vorschlag für die Verkehrsführung in Bezug auf das neue ECE-Center eingereicht. Die Fahrradwerkstatt VeloFit der Arbeiterwohlfahrt (Awo) wartet und verkauft Fahrräder, sodass deren Nutzung als erschwingliches Verkehrsmittel gefördert wird. "Fahrradfahren ist ökologisch, ökonomisch und sozial", erklärte Udo Engelhardt, Fachbereichsleiter der Awo. " Und was gibt es Schöneres als gemeinsame Ausflüge." Allerdings wüssten viele nicht, wie man ein Fahrrad repariert und pflegt.

Erneut hatte sich die Selbsthilfegruppe Tinnitus beworben. "Wir wollen das Thema in die Öffentlichkeit bringen", erklärte die Vorsitzende Ella von Briel. Im nächsten Jahr sei ein Symposium mit Expertenvorträgen geplant.

Das Friedrich-Wöhler-Gymnasium, welches schon drei Preise der vergangenen Jahre gewann, war erneut unter den Bewerbern. Die "Weltklasse" ist ein Förderprogramm für begabte Jugendliche. Es richtet sich speziell an "Schüler, die mit Begabung und Motivation zu uns kommen und deren Muttersprache nicht Deutsch ist", beschrieb Katrin Brandi-Dohrn, Lehrerin des Gymnasiums, die Anforderungen.

Weltklasse wurde in einer sehr emotionalen Laudatio zuerst als Gewinner des Preises enthüllt. Shima Shaffiei, selbst Mitglied des Agendaforums, erzählte aus eigener Erfahrung und sichtlich berührt von der Bedeutung von Hilfe in einem neuen Land, das auch sprachlich weit von der alten Heimat entfernt liegt. "Am Anfang habe ich nur verstanden, dass wir in Deutschland sind und in Sicherheit", erinnerte sie sich. Ohne die Hilfe vieler Menschen hätte sie es nicht geschafft, in Deutschland Erfolg zu haben. Dabei zeigt sie heute, wie gerade Erfolg in den Bildungseinrichtungen für junge Migrantenkinder aussehen kann. Sie war trotz Verpflichtungen für das Verfassen ihrer Bachelorarbeit zur Preisverleihung angereist.

Das Projekt Weltklasse bezieht sich nicht nur auf das Friedrich-Wöhler-Gymnasium, die weiterführende Schule kooperiert auch mit anderen Schulen der Region. "Die stellen uns Schüler, die auffallend gute Leistungen erzielen, dann vor", berichtete Brandi-Dohrn. Nachdem ihr Leistungsstand in den Kernfächern erfasst wurde, können sie an das Gymnasium wechseln, wo sie in den Regelunterricht eingebunden werden. "Sie haben dann einen Doppelstatus", erklärte die Lehrerin. Denn dazu bekommen sie zusätzlichen Sprachunterricht in Kleingruppen und FSJ- Absolventen unterstützen sie bei sprachlichen Problemen in den sachbezogenen Fächern. Aber auch in den Ferien sollen sie an Sprachkursen teilnehmen.

"Dort wurden Schwerter zu Pflugscharen gemacht", beschrieb Ralph Stephan, Laudator für den anderen verliehenen Agendapreis, das von ihm präsentierte Projekt. Denn der Keller der Hebelschule ist eigentlich ein Atombunker, genauer: ein Behelfskrankenhaus, hob der Leiter des Hegau-Museums die Historie des Ortes hervor. Nun werden dort allerdings nicht die Verwundeten eines Atomschlags verarztet, sondern Fahrräder für den guten Zweck zusammengeflickt. "Sie betreiben eine Umverteilung des Fahrradbestandes", beschrieb Stephan die Arbeit, die VeloFit leistet. "Es sind in manchen Haushalten mehr Fahrräder vorhanden als benötigt werden", sagte er weiter. Besonders die verteilte Wirkung auf verschiedene Gruppen lobte er: "Es entstehen Arbeitsplätze für Langzeitarbeitslose und Flüchtlinge, zwei Gruppen, die oft gegeneinander ausgespielt werden."

"Wir haben schon 70 Fahrräder zu sozialen Preisen verkauft und unser Leihangebot wird auch häufig angenommen", berichtete Engelhardt. Dort helfen Jugendliche, Flüchtlinge und Ehrenamtliche. Ein sogenannter Ein-Euro-Job für Langzeitarbeitslose existiert bereits, ein neu geschaffenes Angebot für Flüchtlinge ist in Aussicht. "Die Anträge für Stellen einer Flüchtlings-Integrationsmaßnahme sind gestellt", erläutert Udo Engelhardt. Nach seiner Beobachtung werden gerade auch Eltern von kooperierenden Kitas und Schulen von ihren Kindern an der Hand an das Projekt herangeführt. In Zukunft sei unter anderem Fahrradunterricht speziell für Frauen gerade aus Flüchtlingsfamilien geplant. "Das eröffnet viele neue Möglichkeiten, was sie zuvor noch nicht durften oder konnten." Denn für ihn steht fest: "Fahrradfahren ist auch ein Stück Freiheit."

Drei Kernanliegen

Der Agendapreis wird seit 2004 von der Stadt Singen verliehen. Die lokale Agenda 21 bezieht sich auf ein 1992 in Rio de Janeiro verabschiedetes Programm der Vereinten Nationen, welches das Leben der Menschen im anstehenden neuen Jahrhundert verbessern sollte. Daraus stammen die drei Kernpunkte des Preises, die ausgezeichneten Projekte sollen ökologisch, ökonomisch und sozial wirken. Das Preisgeld beträgt 2500 Euro, die Stadt Singen trägt 1000 Euro, den Rest steuert die Sparkasse bei.