An meinem ersten Arbeitstag als neue Volontärin sagte mir ein älterer Herr im Seehas: „Was wollen Sie denn ausgerechnet im kleinen Singen, andere Städte sind doch viel bunter und spannender.“ Hatte er recht?

Während ich jetzt, eine Woche später, darüber nachdenke, sehe ich mich am Singener Bahnhof um. Hier versucht eine Mutter verzweifelt, ihrem quengelnden Sohn beizubringen, dass ein Schokoladeneis nicht das Frühstücksbrot ersetzen kann. Dort zelebriert ein Liebespaar einen tränenreichen Abschied, bis der Zug einfährt und sie ihm ein verschnieftes „bis übermorgen“ hinterherruft. Weiter hinten brüllt ein Mann in sein Mobiltelefon, um die Jugendlichen zu übertönen, die gerade anhand zahlreicher Videos das vergangene Disko-Wochenende rekonstruieren. Die Attraktion auf Gleis zwei ist eine alte Dame mit ihrem Chihuahua. Er kann kaum laufen, weil er mit Strass und Schleifchen behängt ist wie ein vierbeiniger Christbaum.

Heute könnte ich dem Herrn im Seehas eine Antwort geben: Das kleine Singen ist nicht weniger aufregend als andere Städte. Dafür sorgen die Menschen, die in ihrer Unterschiedlichkeit genauso spannend sind wie anderswo auf der Welt.

svenja.graf@suedkurier.de