Es klingelt zur Pause, die Grundschüler rennen zum Klettergerüst auf dem Pausenhof. Dort sind auch Julia und Mark aus der dritten Klasse, bei denen es schon öfters zu Anfeindungen kam. Julia beleidigt Mark wegen seiner roten Haare, Mark schubst sie weg.

Eine Lehrerin geht dazwischen. Selbst schlichtet sie die Streitigkeiten jedoch nicht, das übernehmen die Streitschlichter aus der vierten Klasse. Eine fünftägige Ausbildung absolvierten die elf Schüler der Schillerschule, um sich diesen Titel zuschreiben zu können. Dafür war zunächst eine Bewerbung notwendig, in der sie erklären sollten, wieso sie den Mediatoren-Job ausüben möchten.

Nicht jedes Kind geeignet

„Ich will anderen Kindern helfen“, begründete Belana aus der vierten Klasse. Anschließend wurde mit der Klassenlehrerin Rücksprache gehalten, denn: „Nicht jedes Kind ist ein geeigneter Streitschlichter“, erklärt Schulsozialarbeiterin Christina Frick. Für die Auswahl ist es wichtig, dass die Kinder nicht selbst oft in Streitigkeiten verwickelt sind. Die Ausbildungstage fanden in der Pauluskirche in Singen statt. Grundlegend für die Ausbildung war es, dass die Kinder verstehen: „Streit wird durch Emotionen ausgelöst“, beschreibt Christina Frick.

Eine unangebrachte Reaktion sei in den meisten Fällen eine Reflexhandlung, die aus verletzten Gefühlen entstünde. Durch Streit-Rollenspiele bekamen die Kinder die Möglichkeit, sich in beide Konfliktparteien hineinzuversetzen und mögliche Lösungsvorschläge herauszuarbeiten, um ein Gefühl für die Arbeit als Streitschlichter zu bekommen. Außerdem wurden Emotions-Uhren erarbeitet, die den Streitenden verhelfen sollen, ihre Gefühlslage dem gegenüber besser vermitteln zu können.

Schweigepflicht groß geschrieben

„Streitschlichter sind keine Richter“, erläutert Jana Engelmann, die ebenfalls Schulsozialarbeiterin ist. Es sei wichtig gewesen, den Schülern Neutralität zu vermitteln. Zudem werde Schweigepflicht in der Schule groß geschrieben. Bei der Schlichtung eines Streits sind bestimmte Fragen verboten. Das sind zum einen die offenen Fragen, also solche, die nicht mit ja oder nein beantworten können. Außerdem dürfe man nicht nach dem Warum fragen. Das klinge vorwurfsvoll und rechenschaftsfordernd, erläutert Jana Engelmann.

Viertklässler opfern Pause

Für die Streitschlichtung opfern die Viertklässler ihre große Pause. Bei komplizierteren Streitigkeiten geht auch mal der anschließende Unterricht verloren. Und wenn es dann gar nicht klappt, schreiten die betreuenden Lehrerinnen Julia Wilneff und Tina Grizzanti sowie Jana Engelmann und Christina Frick ein. Mit ihnen findet einmal pro Woche die Streitschlichter AG statt, in der die Probleme und Streitigkeiten der vergangenen Woche aufbereitet werden.

Kinder können Streitgründe in ihrer Altersgruppe teilweise besser und vor allem schneller verstehen, als Erwachsene es je könnten, stellt Christina Frick fest. Die Streitschlichter sind in ihrer Schule schon so sehr etabliert, dass Kinder, die in Streitigkeiten verwickelt sind, automatisch im Pausenhof auf sie zukommen. Einen eigenen Zeitplan habe man schon für die Organisation der Schlichtungen aufstellen müssen. „Unsere Schülermediatoren leisten einen wichtigen Beitrag für den Schulfrieden“, so Schulleiter Gregor Fischer.