Gewalt gegen Frauen spielt in der Kriminalstatistik der Singener Polizei eine untergeordnete Rolle. Nach Angaben des Chefs des örtlichen Polizeireviers, Thomas Krebs, bewegt sich die Fallzahl in den vergangenen fünf Jahren konstant bei jährlich 30 bis 70 Fällen. Es handelt sich überwiegend um häusliche Gewalt, bei der in Paarbeziehungen sich der Mann an der Frau vergreift. Fälle außerhäuslicher Gewalt, bei der Täter und Opfer in keiner engeren Beziehung zueinander stehen, sind absolute Ausnahmen. Pro Jahr sind es im Einzugsgebiet des Singener Polizeireviers gerade einmal zwei.

Landtagsabgeordnete informiert sich aus Anlass des One-Billion-Rising-Tags

Thomas Krebs als Nachfolger der ins Polizeipräsidium Konstanz gewechselten Stephanie Clauß machte diese Angaben beim Antrittsbesuch der Landtagsabgeordneten Dorothea Wehinger (Grüne), wobei die Landespolitikerin den Termin mit Bedacht auf den One-Billion-Rising-Tag gelegt hatte. An diesem Tag wird mit diversen Aktionen ein Zeichen gegen die unterschiedlichen Formen von Gewalt gegen Frauen gesetzt. Der Name der Kampagne nimmt Bezug auf das Ausmaß der Gewalt: Nach UN-Angaben wird weltweit jede dritte Frau (one billion = eine Milliarde) im Laufe ihres Lebens Opfer sexueller Gewalt oder anderer schwerer Körperverletzung.

Die Verbindung des Angenehmen des Antrittsbesuchs mit dem Nützlichen der Information über die Situation von Frauen in Singen und dem Hegau ist auch darin begründet, dass Dorothea Wehinger als Mitglied der regierungsbildenden Landtagsfraktion unter anderem den Auf- beziehungsweise Ausbau von Beratungsstellen für Frauen begleitet, die sexueller und/oder körperlicher Gewalt ausgesetzt sind. Die Politikerin hat es dabei ferner mit Themen wie Genitalverstümmelungen, Zwangsehen oder illegale Prostitution zu tun.

Das könnte Sie auch interessieren

Die in Singen im Vergleich zu anderen Regionen guten Zahlen freilich wurden vom Polizeichef bei seiner Einordnung in den sozialen Kontext stark eingeschränkt. Ihm sei bewusst, dass in der polizeilichen Statistik nur die Spitze eines Eisberges abgebildet werde. Es sei von einer sehr hohen Dunkelziffer auszugehen, da der Leidensdruck der Frauen als Voraussetzung für eine Anzeige bei der Polizei enorm hoch sein müsse. Dafür wiederum gebe es mehrere handfeste Gründe wie etwa die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Mann oder die Rücksichtnahme auf Kinder.

Aufgabe der sozialen Hilfsorganisationen

Thomas Krebs ist der Überzeugung, dass eher die Sozialverbände und spezifischen Hilfsorganisationen über die Situation im Bilde sind. Gleichwohl sind die Daten zu der überschaubaren Zahl von Fällen, die bei der Polizei landen, nicht uninteressant. „In weit über 90 Prozent handelt es sich um Täter mit deutscher Staatsangehörigkeit“, sagt der Polizeichef, demzufolge Gewalt gegen Frauen auch in Flüchtlingsheimen nicht öfters vorkommt als im Rest der Bevölkerung. Generell sei außerdem feststellbar, dass Gewalt gegen Frauen keine Frage der Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Klasse sei.

Ist von einem häuslichen Fall von Gewalt gegen eine Frau auszugehen, wendet die Singener Polizei meist das Mittel eines befristeten Wohnungsverweises für den Täter an. Dabei handelt es sich um vier Tage, nach dieser Besinnungszeit hat sich aus polizeilicher Sicht die Sache in aller Regel erledigt. „Entweder der Mann ist zur Vernunft gekommen“, sagt Thomas Krebs, „oder es geht anschließend so weiter und wir erfahren davon nichts mehr.“ Bei Wiederholungstätern kann dann der Wohnungsverweis auf zwei Wochen ausgeweitet werden. Fruchtet auch dies nichts, sind Institutionen wie etwa Frauenhäuser gefragt.

Polizei braucht Aussagen der Opfer

Bei den Verweisen spielt die Qualität der Gewalt für die Polizei keine Rolle, es genügt eine Ohrfeige. Schweres Geschütz fährt die Polizei laut Thomas Krebs nur auf, „wenn es massiv zur Sache geht“. Solche Offizialdelikte sind die Basis für eine eigenständiges Vorgehen von Polizei und/oder Staatsanwaltschaft, bei einer einfachen Körperverletzung dagegen handelt es sich um ein Antragsdelikt. Das heißt: Das Opfer muss von sich aus eine Anzeige stellen. Die Besonderheit in Fällen von Gewalt gegen Frauen wird vor allem bei Vergewaltigungen deutlich. „Wir brauchen auf jeden Fall eine unterschriebene Aussage“, erklärt Thomas Krebs.

Das erfordert Mut, aber an dessen Mangel allein liegt es nach Einschätzung von Dorothea Wehinger nicht, dass Frauen mit Anzeigen wegen sexueller und körperlicher Gewalt zurückhaltend sind. Sie ist von einer gesellschaftlich nach wie vor verwurzelten Grundhaltung überzeugt, die Gewalt gegen Frauen als ein lässliches Vergehen einstuft. Das allerdings kann Thomas Krebs aufgrund polizeilicher Erfahrungen nicht bestätigen. „Das Thema ist durch“, sagt er, „Gewalt gegen Frauen ist gesellschaftlich nicht akzeptiert.“ Nicht ausschließen mag er, dass möglicherweise sozio-kulturelle Gewohnheiten zu differenzierten Bewertungen von Gewalt gegen Frauen führen.

Eine Wegmarke bei der Bewusstseinsbildung stellt nach Einschätzung von Thomas Krebs die Debatte infolge der Vorkommnisse auf der Kölner Domplatte in der Silvesternacht 2015/2016 dar. Die Sensibilität sei dadurch spürbar gestiegen, die Verschärfung des Sexualstrafrechts habe zu einer Steigerung der Anzeigen geführt. Ähnlich bedeutsam stuft Dorothea Wehinger die Kampagne „Nein heißt nein“ ein. Solche Initiativen hält sie für notwendig, damit beispielsweise klar ist, „dass es keinen Grund zum Grapschen gibt, egal wie kurz der Rock auch sein mag“.

Beim bundesweiten Beratungsangebot
für Frauen, die Gewalt erlebt haben, gibt es ein Hilfetelefon: Unter der Telefonnummer 08000/116016 werden Opfer ebenso wie Angehörige, Freundinnen und Freunde der betroffenen Frauen, aber auch Fachkräfte anonym und kostenfrei beraten