Singen Singener Literaturfestival Erzählzeit wird Erfolgsgeschichte

Viele Besucher waren beim Finale der Veranstaltungsreihe dabei. Am letzten Tag las und sang der Autor Helge Timmenberg, Weltenbummler und Abenteurer, in der Stadthalle vor rund 100 Gästen.

Frühes Aufstehen ist nicht seine Sache. Bis zwei Uhr nachts bleibt er auf, denn da schreibe es sich so gut. Der Journalist, Weltreisender und Schriftsteller Helge Timmerberg hat im Stadtpark beim Beobachten der Enten noch eine geraucht – "Ich kann es nicht lassen" – dann setzt er sich lässig ans Pult und nimmt noch einen Schluck Kaffee. Gespannt warten die rund 100 Gäste im Foyer der Stadthalle auf die Lesung aus seinem Buch "Die Straßen der Lebenden" zum Abschluss der Veranstaltungsreihe Erzählzeit als Sonntags-Matinee mit Frühstück.

Vorab erzählt Timmerberg aber noch einige Witze. Das mache er immer vor Lesungen: "Ich liebe diesen Ritus." Dann wird er philosophisch: "Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wie viel Zeit bleibt mir?" Er greife gerne zu lustigen Geschichten, die würden dem Publikum liegen. Aber es gebe auch todtraurige. Als er dann endlich zu lesen beginnt, wird es tatsächlich interessant. Timmerberg nimmt die Gäste mit auf die Reise in sein Leben, zu den Anfängen als Hippie und Weltenbummler. Die Geschichten aus Indien, Israel oder Ägypten sind nicht neu und wurden schon in Magazinen und Zeitungen veröffentlich. Timmerberg erlebte sie schon vor vielen Jahren, aber sie fesseln die Zuhörer. Den zeitlichen Abstand zeigt zum Beispiel ein Bild von Barcelona vor dem Massentourismus, wo in eng verwinkelten Gassen Dealer und Huren beheimatet waren.

Da liest einer, der das Abenteuer sucht, der aufs Ganze geht und kein Wagnis scheut. Als 17-Jähriger ohne Führerschein steuerte er einen gebrauchten 20-Tonnen-Bus in einer Karawane durch die Wüste Kurdistans. Auf dem Weg nach Afghanistan waren die Wölfe ein aufregendes Erlebnis. "Das Fernweh zog in meine Brust wie ein Atemzug." Timmerberg fügt seiner Lesung auch immer wieder Anekdoten hinzu. Wie die aus Ägypten, wo er trotz Rauchverbot im Zimmer am Fenster rauchte, was kostspielige Folgen für ihn hatte. Oder sich von einem Taxi durch die halbe Stadt zu einer Disco kutschieren ließ, dann feststellen musste, dass die nur 100 Meter von seinem Hotel entfernt war. Er beschreibt detailliert das Zimmer, erzählt auch von der kratzigen Zudecke: "Was kratzt da? Man weiß nicht, wie man ungekratzt davonkommt."

Volles Haus bei der Lesung mit Helge Timmerberg im Foyer der Stadthalle als Abschluss der Erzählzeit.
Volles Haus bei der Lesung mit Helge Timmerberg im Foyer der Stadthalle als Abschluss der Erzählzeit. | Bild: Christel Rossner

Als Ich-Erzähler schreibt und erzählt er locker vom Hocker, witzig und ehrlich plaudert der 65-Jährige über seine Person. Erst mit 17 habe er zu lesen begonnen und in Cafés dann Sartre gelesen, um Eindruck zu schinden. Oder von seinen Anfängen als Schreiber für die Boulevardpresse. Timmerberg schreibt kraftvoll amüsante Berichte von unterwegs, und so trägt der ewige Hippie sie auch vor – er ist ein Meister der Selbstdarstellung.

 

Die nächste Erzählzeit kommt bestimmt

  • Die Bilanz: Singens Bibliotheksleiterin Monika Bieg war erstmals an der Organisation des Literaturfestivals beteiligt. Mit fast 5000 Besuchern erwies sich auch das neunte deutsch-schweizerische Literaturfestival „Erzählzeit ohne Grenzen“ als Publikumsmagnet. Die Besucherzahlen hätten – bei so vielen Lesungen wie noch nie zuvor – im dreistelligen Bereich gelegen.
  • Das Finale: Beim Abschluss in Singen, dem Sonntagsfrühstück in der Stadthalle mit dem Journalisten und Reiseschriftsteller Helge Timmerberg, der sein neues Buch „Die Straße der Lebenden“ vorgestellt hat, waren 200 Besucher dabei.
  • Der Auftakt: Bei der diesjährigen „Erzählzeit ohne Grenzen“ präsentierten 33 Autorinnen und Autoren aus der Schweiz, aus Deutschland und aus Österreich bei 59 Veranstaltungen in 40 Städten und Gemeinden ihre neuen Werke. Die Resonanz bei den Besuchern wie bei den Autoren war äusserst positiv. Über 500 Gäste kamen schon zum Eröffnungsabend in der Stadthalle Singen mit Tim Krohn, Uli Boettcher und dem Jazz-Trio Die Drahtzieher.
  • Die Veranstaltungen: Insgesamt acht Festivaltage waren geprägt von sehr gut besuchten Lesungen, intensiven Diskussionen und einer Vielzahl an anregenden Begegnungen. Wie Bieg betont, bestätigte sich die Idee des dezentralen und grenzüberschreitenden Konzepts, denn viele Schweizer Gäste besuchten Lesungen in Deutschland und umgekehrt.
  • Die Zukunft: Literaturfreunde dürfen sich auf die Fortsetzung des Festivals freuen: Die „Erzählzeit ohne Grenzen“ Singen-Schaffhausen 2019 findet vom 6. bis 14. April statt. Getragen wird das Literaturfestival gemeinsam von Singen und Schaffhausen. (sk)

 

 

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