Zwölf Computerarbeitsplätze für knapp 300 Grundschüler sind einfach zu wenig. Das ist jedenfalls die Überzeugung von Karin Leutert. Die Leiterin der Bruderhofschule spricht für die Nordstadtschule; sie spricht aber auch für alle Singener Grundschulen. Diese sollen verpflichtende Leitperspektiven umsetzen, ohne dafür entsprechend ausgestattet zu sein. Darin enthalten ist auch die Medienbildung in Grundschulen. Seit Beginn des Schuljahres 2016/2017 steht das Fach Medienbildung in den Grundschulen auf dem Lehrplan. Ziel ist danach die Befähigung, Medien sinnvoll auszuwählen, das Medienangebot kritisch zu reflektieren, die Medien verantwortlich zu nutzen sowie die eigene mediale Präsenz selbstbestimmt zu gestalten.

Mit fünf Milliarden Euro Fördermitteln unterfüttern wollte Bundesbildungsministerin Johanna Wanka diese Aufgabe. Doch das Geld ist blockiert, und die Kommunen müssen schauen, wie sie ihre Schule mit dem nötigen Rüstzeug ausstatten, damit die Schüler überhaupt eine Ahnung von der digitalen Welt bekommen. Das hatte zuletzt auch im Singener Gemeinderat für Unverständnis gesorgt. Bis zu zwei Millionen Euro könnten nach Singen fließen, wenn dieser Fördertopf endlich geöffnet würde. Aber das kann noch dauern, weil am 24. September zuerst mal eine neue Bundesregierung gewählt werden muss.

In der Zwickmühle

Ob die politischen Kräfteverhältnisse dann noch die gleichen sind, entscheiden die Bürger. Werden die Karten durch die Wahl anders gemischt, so könnte die Förderung ganz wegfallen. Sollte es aber dabei bleiben, so hätte Singen bis zu zwei Millionen Euro für die Digitalisierung an den Schulen zu erwarten. Eine hübsche Summe, die die Stadt ungern verschenken würde. Um an Zuschüsse zu gelangen, müssen zuvor Anträge gestellt werden. Solange das Geld nicht freigegeben ist, kann es aber nicht beantragt werden. Nachträgliche Anträge werden nicht berücksichtigt. Damit ist also jede Entwicklung – zumindest bis nach der Bundestagswahl – blockiert.

Zurück zu Karin Leutert. Die Schulleiterin fühlt sich in der Zwickmühle. Sie kann den erforderlichen Unterricht nicht anbieten, weil die technische Ausrüstung dafür fehlt. Ab der dritten und vierten Klasse müssen die Kinder für erste Buchpräsentationen im Internet recherchieren. "Wenn wir doch wenigstens WLAN in allen Klassenzimmern hätten", sagt Karin Leutert. Die bauliche Veränderung würde rund 60 000 Euro kosten. "Dann hätten wir die Möglichkeit, wenigstens einen Computer dort aufzustellen." Eine Lehrerin aus dem 18-köpfigen Kollegium hat jetzt zur Selbsthilfe gegriffen und auf eigene Kosten ein Tablet angeschafft, das sie mit ihrer Klasse nutzt. "Wir fühlen uns als Schule alleine gelassen", sagt die Schulleiterin.

Insgesamt sechs Singener Grundschulen befinden sich in diesem Dilemma. Einige Schulen, wie zum Beispiel in Überlingen am Ried, versuchen, das Problem mit Hilfe von privaten Sponsoren zu lösen. Andere müssen notgedrungen abwarten.

"Dass die Stadt mit dem digitalen Ausbau der Schulen jetzt nicht vorprescht, kann ich gut verstehen", sagt Karin Leutert. Ihren Auftrag an die Politik formuliert sie auch für die anderen Kollegen ganz eindeutig: "Um die Forderungen zu erfüllen, muss die Politik auch die nötigen Mittel zur Verfügung stellen. Wie wichtig die frühzeitige Medienbildung ist, zeigen Beispiele aus dem Schulalltag der Grundschule: Es gab Viertklässler, die andere in der WhatsApp-Gruppe gemobbt haben. Andere haben eine Lehrkraft gefilmt. "Wir haben rechtzeitig eingegriffen", sagt Karin Leutert erleichtert. Eines ist ihr als Lehrerin bewusst: "Wir sind die Ersten, die in so einem Fall einwirken können." Aber dazu müsse auch de Ausstattung stimmen.

Zur Serie

In der SÜDKURIER-Serie "Hallo Berlin" will die Redaktion Zusammenhänge zwischen der Bundespolitik und der Lebenswirklichkeit im Hegau zeigen. Heute gehen wir dem Thema "Digitalisierung an Schulen" nach. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka hatte den 40 000 deutschen Schulen Fördermittel in Höhe von fünf Milliarden Euro in Aussicht gestellt. Alleine Singens Schulen könnten davon bis zu zwei Millionen Euro bekommen. Doch ob und wann das Geld fließen wird, hängt von der nächsten Bundestagswahl am 24. September ab. Erst danach werde sich zeigen, ob die neue Regierung sich an die alten Versprechen halten wird. Unterdessen beherrschen verpflichtende Leitperspektiven die Lehrpläne. Allein den Schulen fehlt die Ausstattung. (gtr)