Geld gibt es für den Preis nicht, dennoch ist er Gold wert. Das Singener Theater "Die Färbe" jedenfalls stuft die Verleihung des Publikumspreises bei den Hamburger Theatertagen (der SÜDKURIER berichtete darüber in der Dienstagsausgabe) als eine Art nationalen Oscar ein. "Mehr geht nicht", sagt der Schauspieler Elmar F. Kühling, der wie seine Kollegen die Anerkennung des Publikums höher bewertet als einen der drei Preise in den Bereichen "Komödie", "Moderner Klassiker" und "Zeitgenössisches Drama".

Rückblende: Sonntagabend, in den Hamburger Kammerspielen beginnt die Galaveranstaltung zwecks Verleihung des Monica-Bleibtreu-Preises. Es ist der bundesweit bedeutsamste Wettbewerb für Privattheater und er wurde von der 2009 gestorbenen Schauspielerin Monica Bleibtreu als Äquivalent zum Berliner Theatertreffen ins Leben gerufen. Bei diesen bekommen die in öffentlicher Hand befindlichen Bühnen eine Chance zum Vergleich von Inszenierungen und schauspielerischen Leistungen, während bei den Hamburger Theatertagen die privaten Häuser ein vergleichbares Forum erhalten. Deren Netz ist laut Färbe-Dramaturgin Cornelia Hentschel engmaschiger als allgemein bekannt, insbesondere in Baden-Württemberg – und die Privattheater bilden damit eine tragende Säule der Theaterlandschaft.

Entsprechend viele Bewerbungen liegen jedes Jahr für die Hamburger Theatertage vor, allein die Nominierung gilt als Erfolg. Dafür reist im Vorfeld eine dreiköpfige Jury durch die Republik, in diesem Jahr wählte sie nach Angabe der Färbe unter rund 90 Inszenierungen zwölf fürs Finale aus. Mit dabei ist auch die Färbe mit dem Stück "Die Grönholm-Methode", die vor knapp drei Wochen letztmals in Singen gezeigt wurde und beim Wettbewerb in Hamburg im Ohnsorg-Theater vor fast ausverkauftem Haus in der Kategorie "Zeitgenössisches Drama" zu sehen war.

Bei der Galaveranstaltung warten Cornelia Hentschel, der Schauspieler Patrick Hellenbrand und der Regisseur Peter Lüdi nun also auf die Entscheidung der Jury. Große Hoffnungen hegt das Trio nicht. Die Färbe hat es bereits in früheren Jahren ins Finale geschafft, den Preis jedoch gewannen stets andere Bühnen. Der Glaube, dass es diesmal klappt, ist nicht zuletzt wegen des Vergleichs mit einem früheren Wettbewerb-Beitrag der Färbe gering. Das Theater hatte es mit einer Friedrich-Hollaender-Revue unter die letzten Vier geschafft und Cornelia Hentschel malte sich damals echte Chancen aus. "Da war alles drin", sagt sie, die Revue bot Gesang und Schauspiel, war Kabarett und Theater in einem.

Und in der Tat, das Rennen macht auch in diesem Jahr eine andere Privatbühne. Die Bremer Shakespeare Company hat die Jury in der Kategorie, in der auch die Färbe zu den Finalteilnehmern gehörte, mit dem Stück "King Charles III" überzeugt. Die drei Kritiker räumen allerdings ein, dass man in diesem Jahr die Qual der Wahl unter den vier im Grunde gleichwertigen Finalbeiträgen hatte. Das ist ein Trost, doch aus Sicht der Theaterdelegation aus dem Hegau scheint der Abend damit gelaufen.

Dann aber geht's in die letzte Runde, zu vergeben ist der Publikumspreis. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Rüdiger Kruse, der laut Cornelia Hentschel selbst über theatral-kabarettistische Fähigkeiten verfügt, macht es spannend, baut versteckte Bezüge zur Grönholm-Methode ein – ein Kniff, der angesichts des Stückinhalts, das von psychologisch-pervertierten Bewerbungsverfahren in der Arbeitswelt handelt, für die drei Vertreter aus dem südlichen Zipfel Deutschlands irgendwie nur als rhetorische Note verstanden wird. Dann passiert das Unverhoffte: Die Färbe hat sich die Herzen der Hamburger Theaterpublikums erspielt, womit sich die Truppe aus der Singener Schlachthausstraße nicht nur gegen die drei Mitbewerber innerhalb ihrer Kategorie, sondern gegen sämtliche elf Finalisten durchsetzte.

Das Hochgefühl ist der Truppe auch Tage nach der Preisverleihung noch anzumerken. "Wie geplättet" sei man, so richtig zu fassen scheinen die Schauspieler samt Dramaturgin noch immer nicht, was da geschehen ist. Es wird – seltsam genug für Profi-Schauspieler – um Worte gerungen und erst auf Nachfrage lässt sich so etwas wie Stolz feststellen: Ja, doch, ein wenig habe man schon das Gefühl, dass das kleine Singener Privattheater die großen Hamburger Theatertage gerockt habe. Und das sollte sich möglichst in Zuschauerzahlen niederschlagen: "Wir hoffen natürlich", sagt Patrick Hellenbrand, "dass in Singen durch den überregional bedeutsamen Preis das Bewusstsein steigt, über welches Schatzkämmerchen die Stadt mit der Färbe verfügt."


Markenzeichen der Stadt Singen

  1. Theaterlandschaft: Neben den Bühnen, die sich in öffentlicher Hand (wie etwa das Stadttheater Konstanz) befinden, wird die Theaterlandschaft von privaten Häusern geprägt. Die wirtschaftliche Situation der Bühnen ist unabhängig von der Trägerschaft in den meisten Fällen prekär.
  2. Förderbeträge: Im Fall der Färbe übernimmt die Stadt Singen den höchsten Betrag der Förderung, er beläuft sich auf jährlich 292 600 Euro. Das Land Baden-Württemberg schießt pro Jahr 106 600 Euro zu, weitere 10 000 Euro kommen vom Landkreis Konstanz. Neben den Eintrittsgeldern kann die Färbe ferner über die Einnahmen seines Fördervereins verfügen (pro Jahr rund 10 000 Euro).
  3. Bedeutung: Die Färbe gilt (ähnlich wie die Gems) als kulturelles Markenzeichen der Stadt Singen. Laut Cornelia Hentschel hat die Bühne nach vier Finalteilnahmen bei den Hamburger Theatertagen auch an der Elbe einen Fan-Club – und macht die Stadt damit als Reiseziel interessant.