Bahnangelegenheiten brauchen in der Regel viel Zeit. Zeit, die die Fahrgäste auf der Strecke gerne einsparen möchten. Ganz besonders gilt das für die Gäubahn, die die Städte Zürich und Stuttgart verbindet. Mittendrin liegt der Bahnknotenpunkt Singen. Um ihn ging es am Dienstagabend im Singener Gemeinderat. Denn der Singener Bahnhof ist einer der wichtigsten Umsteigebahnhöfe im Fernverkehr auf der Achse Berlin-Mailand. Diese Rolle wäre jedoch in Gefahr, wenn die Fernzüge über die sogenannte Singener Kurve an der Stadt vorbei gelenkt würden. Das ist den Räten nach jahrelangen Diskussionen durch ein Gutachten des Landesverkehrsministierums jetzt klar geworden.

 

Die ehemalige Landtagsabgeordnete Veronika Netzhammer (CDU) ist möglicherweise die Singener Stadträtin, die sich am längsten mit der Materie befasst hat. Die Fraktionsvorsitzende hat nun für die CDU eine Resolution verfasst, die sich klar gegen die Singener Kurve stellt. Nach umfangreicher Diskussion schlossen sich auch die anderen Fraktionen, und zwar einstimmig, dieser Resolution an.

Diese klare Ablehnung gab es nicht immer. Noch vor zehn Jahren favorisierten Singener Räte, darunter auch Netzhammer, das Abbiegegleis gegenüber dem Kopfbahnhof. Bisher fahren Züge aus Zürich in den Singener Bahnhof ein, lassen Fahrgäste ein-, um- und aussteigen und fahren dann wieder aus dem Bahnhof aus auf die Gäubahntrasse. Das hört sich umständlich an und ist es für den Güterverkehr auch. Deshalb kam die Singener Kurve ins Gespräch. Doch nun will die Bahn auch Fernreisende bei der Landesgartenschau umsteigen lassen.

Woher rührt nun der Geisteswandel? Der Grund sind neue Erkenntnisse aus dem jüngsten Gutachten des Verkehrsministeriums. Das sollte auch die Auswirkungen des Großbauprojektes "Stuttgart 21" auf den überregionalen Verkehr betrachten. Als übergeordnetes Ziel wird eine Fahrtzeitverkürzung auf der Gäubahnstrecke Zürich-Stuttgart von 30 Minuten angestrebt. "Maximal vier Minuten werden eingespart, wenn die Züge den Bahnhof nicht anfahren müssen", zitiert Veronika Netzhammer das Gutachten. Dieses hatte beide Varianten (A.0; B.0) untersucht und war zu dem Schluss gekommen, dass die "Entscheidung der politischen Diskussion" überlassen werden müsse. Werde auf den Bypass (A.0) verzichtet, so können rund 40 Millionen Euro eingespart werden. Einstimmig kam der Singener Gemeinderat mit Oberbürgermeister Bernd Häusler zu dem Schluss, dass der teure Bau der Singener Kurve neben dem geringen Nutzen nur Nachteile für die Stadt haben werde. Hans-Peter Storz (SPD) sprach sogar von "Alarmstufe Rot, wenn die Singener Kurve gebaut wird." Das entspricht auch der öffentlichen Meinung, die die Kurve als blanken Unfug bezeichnet. Ein Großteil der Reisenden nutze den Singener Bahnhof zum Umsteigen. Diese würden ihre Anschlüsse in Richtung Überlingen oder Richtung Konstanz und in die Ostschweiz nicht mehr erreichen. – Ein Attraktivitätsverlust, der sich auf die Fahrgastzahlen niederschlagen werde.

Ziel müsse es sein, den öffentlichen Verkehr attraktiver zu machen, sind sich die Räte einig. 15 000 Reisende nutzen täglich den Singener Bahnhof. Bereits zum Fahrplanwechsel 2017/18 ist die Umstellung vom Zwei- auf einen Einstundentakt vorgesehen.


Im November 2016 wurde das vom Verkehrsministerium in Auftrag gegebene Gutachten zur Fahrzeitverkürzung auf der Gäubahn in Stuttgart vorgestellt. Durch einen teilweise zweigleisigen Ausbau der Bahnlinie und den Einsatz von Neigetechnikzügen will die Bahn auf der Strecke Stuttgart-Zürich 30 Minuten einsparen. Doch die Singener Umgehungskurve liegt allen schwer im Magen
 

  • Der Bahnhof: Singen ist durch die zentrale Lage zum wichtigen Bahnknotenpunkt geworden. Hier treffen Regional- und Fernverkehr zusammen. Auch die Busfahrpläne sind auf die Fahrpläne der Bahn abgestimmt. "Ein Bedeutungsverlust des Bahnhofs hätte erhebliche Auswirkungen auf die aktuellen Planungen des Bahnhofsvorplatzes für über zehn Millionen Euro", sagt OB Bernd Häusler.
  • Die Kurve: Ursprünglich war die Singener Kurve nur für den Güterverkehr gedacht, damit dieser nicht in den Bahnhof einfahren muss. Stadträte wie Dieter Rühland (Neue Linie) sind überzeugt, dass sie auch als Fernbahnhof für den Personenverkehr genutzt wird.
  • Die Reaktion: Nach Bekanntwerden der Bahnpläne im November 2016 aus dem Gutachten hat OB Häusler sofort interveniert und an Verkehrsminister Hermann, Rainer Kaufmann vom Interessenverband Gäu-Neckar-Bodensee-Bahn und den CDU-Bundestagsabgeordneten Andreas Jung geschrieben. Winfried Hermann teilt die Sorge nicht, dass der Bahnhof durch die Singener Kurve aufs Abstellgleis geschoben werde. Rainer Kaufmann stellt jedoch klar, dass der Regionalverband ausschließlich den Güterverkehr über die Kurve abwickeln will.
  • Die Vorgeschichte: Die Gäubahn war ursprünglich zweigleisig. Nach dem II. Weltkrieg entfernten die Franzosen jedoch eine Spur. Der erneute zweispurige Ausbau scheiterte bisher an den Kosten von 1,3 Milliarden Euro. Rainer Kaufmann vom Interessenverband Gäubahn ist überzeugt, dass die Bahn auf Zeit spielt. (gtr)