Singen – Für Bärbl Mielich war's eine Lehrstunde. Die Staatssekretärin im Landesministerium für Soziales und Integration zeigte sich sichtlich angetan von der handfesten Art und Weise beim Umbau der Sozialstrukturen in der Stadt Singen infolge des gesamtgesellschaftlichen Veränderungen. Dabei ging es unter anderem um das Konzept der Familienberatung am Beispiel des Käthe-Luther-Kinderhauses in der Singener Innenstadt.
 

Symbolträchtiger Hintergrund: Manuela Waibel (Leiterin des Käthe-Luther-Kinderhauses), Familienberaterin Vera Niedermann, die Grünen-Landtagsabgeordnete Dorothea Wehinger, Bärbl Mielich (Staatssekretärin im Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg) und Bürgermeisterin Ute Seifried (von links) vor einer zur Verdeutlichung der Willkommenskultur gestalteten Wand. <em>Bild: Torsten Lucht</em>
Symbolträchtiger Hintergrund: Manuela Waibel (Leiterin des Käthe-Luther-Kinderhauses), Familienberaterin Vera Niedermann, die Grünen-Landtagsabgeordnete Dorothea Wehinger, Bärbl Mielich (Staatssekretärin im Ministerium für Soziales und Integration Baden-Württemberg) und Bürgermeisterin Ute Seifried (von links) vor einer zur Verdeutlichung der Willkommenskultur gestalteten Wand. Bild: Torsten Lucht | Bild: Torsten Lucht

Die erste Erkenntnis erreichte die Staatssekretärin bereits im Eingangsbereich. Hier befindet sich nach Aussage der Familienberaterin Vera Niedermann eine "Kontaktecke als Dreh- und Angelpunkt für das Kennenlernen von Eltern". Die Ecke stellt für Vera Niedermann eine unkomplizierte institutionelle Form der Willkommenskultur dar und sie ist nach ihrer Erfahrung dringend erforderlich. "Darauf zu warten, dass die Eltern von sich aus ein Beratungsangebot nachfragen, funktioniert nicht", sagt Vera Niedermann, und verweist auf die teils sensiblen Themen der Betroffenen. Nützlich für die Kontaktaufnahme sind dabei auch die Hilfestellungen bei der Kommunikation – zwei Mal pro Woche steht der Familienberaterin beispielsweise eine Dolmetscherin fürs Arabische zur Verfügung.

Die Nachfrage nach der Zusammensetzung der Kinderhaus-Nutzer sorgte für ein weiteres Aha-Erlebnis bei der Besucherin aus Stuttgart. Laut Bürgermeisterin Ute Seifried hat rund die Hälfte der Singener Gesamtbevölkerung einen Migrationshintergrund, bei den Jüngeren sind es bis zu 70 Prozent. Im Käthe-Luther-Kinderhaus wird der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund von Leiterin Manuela Waibel sogar mit etwa 80 Prozent angegeben. Verschwindend gering macht sich bei der Betrachtung des Migrationshintergrunds übrigens der Anteil der Flüchtlinge aus: Er liegt bei 2 Prozent.

Die Stadt Singen nimmt damit nach Darlegung von Bürgermeisterin Ute Seifried eine Vorbildfunktion ein. Sie informierte die Staatssekretärin zum Beispiel über den Zuzug von Menschen aus der Europäischen Union – auch ihre Integration sei durchaus eine Herausforderung. Auf der anderen Seite verfüge die Stadt diesbezüglich über reichlich Erfahrung. "Für Singen ist der Migrationshintergrund der Menschen etwas ganz Normales."

Was Bärbl Mielich schließlich vom Konzept der Familienberatung restlos überzeugte, waren die Sekundäreffekte: Vera Niedermann nimmt eine Zwischenfunktion ein, die sowohl die Arbeit der Erzieherinnen als auch die der Behörden vereinfacht beziehungsweise ergänzt. Sie selbst bezeichnet sich als Lotsin, die einerseits den Familien Hilfestellungen, andererseits aber beispielsweise dem Jugendamt wichtige Informationen gibt – ein Service, den das Personal im Kinderhaus im Alltag kaum zu leisten vermag. Und laut Ute Seifried ist das von der Familienberatung aufgebaute Vertrauen für die Verwaltung von unschätzbarem Wert. Allein das Wort Jugendamt sorge ohne diese Vertrauensbasis dafür, dass man von den Betroffenen im Zweifel nur noch eine Staubwolke sieht...

Dergestalt angetan von der Singener Familienberatung geriet Bärbl Mielich ins Schwärmen: Die Staatssekretärin sieht die Chance, dass sich der solitäre Charakter der auf das Kinderhaus konzentrierten Familienberatung öffnet und auf die Umgebung rund um das Käthe-Luther-Kinderhaus ausstrahlt. Denn die Beratung mit ihren Angeboten von der Kaffee-Ecke bis zum Nähkurs oder Grillnachmittagen könnte der Nährboden für die Entstehung von Sozialräumen sein, die sich nicht nur auf das Kinderhaus beschränken. "Diese Art der Familienberatung erscheint mir wie eine Zelle", so die Sozialpolitikerin, "von der Effekte für das gesamte Quartier ausgehen können."

Flächendeckendes Angebot von Familienberatungen in den Kinderzentren in der Stadt

Der Besuch der Staatssekretärin Bärbl Mielich in verschiedenen sozialen Einrichtungen der Stadt Singen kam auf Veranlassung der Landtagsabgeordneten Dorothea Wehingen (Grüne) zustande.

  1. .Das Käthe-Luther-Kinderhaus befindet sich in der Theodor-Hanloser-Straße und wird von der evangelischen Kirche getragen. Hier werden zurzeit 86 Kinder betreut, wobei es sowohl im Krippen- als auch Kindergartenbereich Ganztagesplätze gibt.
  2. .Die Familienberatung ist kostenlos und wird von der Stadt Singen finanziert. Das Angebot gibt es nicht nur im Käthe-Luther-Kinderhaus, sondern in insgesamt zehn Kindertageseinrichtungen, die von der Stadt (3), der katholischen (5) und der evangelischen Kirche (2) betrieben werden. Nach Angaben von Bürgermeisterin Ute Seifried investiert die Stadt dafür jährlich rund 300 000 Euro.
  3. .Ziele: Mit den Beratungen soll Familien in Problemlagen geholfen werden. Dabei kann es sich um soziale Notsituationen wie Armut oder Arbeitslosigkeit handeln, aber auch bei seelischen Nöten oder Entwicklungsdefiziten bei Kindern sollen die Familienberatungen eine Anlaufstation sein. Darüber hinaus beinhalten die Angebote der Familienberatung die Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe und Integration etwa in Form von Näh- oder Sprachkursen oder einfach nur zur Aussprache. Nach Angaben von Vera Niedermann besteht eine deutlich stärkere Nachfrage von Frauen.
  4. .Nutzung: Nach Angaben der Kinderhaus-Leiterin Manuela Waibel werden die Angebote zurzeit noch überwiegend von den Eltern der Kinder genutzt, die die Einrichtung besuchen. Der Wille zur Öffnung des Hauses für Menschen aus der unmittelbaren Umgebung, die keinen direkten Bezug zur Familienberatungseinrichtung haben, sei allerdings vorhanden. Als Instrument dazu ist zum Beispiel in der wärmeren Jahreszeit das Angebot eines Kaffee-Hocks im Außenbereich vorgesehen. (tol)