Die Stadt Singen befindet sich im Umbruch und sichtbar wird dies vor allem durch die zahlreichen Abriss-, Um- und Aufbauarbeiten. Doch die Umtriebigkeit umfasst weit mehr Lebensbereiche, wobei Oberbürgermeister Bernd Häusler beim Neujahrsempfang die wachsende Zahl an kulturellen Veranstaltungen an erster Stelle nannte. Zunächst war da der filmische Rückblick mit dem kulturellen Schwerpunkt "Singen im Takt", auch den Beginn seiner Rede widmete der OB der Kultur mit seinen zahlreichen Veranstaltungen und Einrichtungen.

Mobilitätskonzept als Beispiel für den Wandel im Kopf

Mit dem Blick auf Beton allein jedenfalls wird man dem Prozess des Wandels in der Stadt nicht gerecht. So erfuhren die rund 1200 Besucher in der Stadthalle einiges über das Mobilitätskonzept, bei dem Stadtverwaltung und Gemeinderat durch eine attraktive Preisgestaltung die Bürger in die Busse bringen wollen.

Es sei denn, sie fahren mit dem Rad: Bernd Häusler nutzte das große Publikum, um für die im Frühjahr geplante Einrichtung der ersten Fahrradstraße in Singen "Im Iben" zu werben. Er rechnet dabei mit Widerständen und spätestens da dürfte den Besuchern bewusst geworden sein, dass der Umbau der Stadt nicht zuletzt auch eine Veränderung des Miteinanders bedeutet.

Bei solchen Prozessen kann's schon mal scheppern, doch in Singen läuft die Veränderung bislang weitgehend geräuschlos ab. Gut möglich, dass das an der Tonlage liegt. "Eine Verdammung des Pkw wird sicher nicht der richtige Weg sein, denn das ginge an der Realität vorbei", leitet Bernd Häusler seine Präsentation des Mobilitätskonzepts ein, die im Kern aber doch das Ziel einer Fahrradstadt verfolgt. Dennoch, so ist er sich sicher, wird "das Auto auch in Zukunft bei der Mobilität gerade im ländlichen Raum eine wichtige Rolle spielen".

Ein echtes Problem: 850 Tonnen Straßenmüll im Jahr

Während der Oberbürgermeister beim Drehen der größeren Räder in der Stadtentwicklung zum Mittel der rhetorischen Ausgewogenheit greift, spricht er an anderer Stelle Klartext. Bernd Häusler stört sich an Zigarettenkippen, ausgespuckten Kaugummis, an aus Autos geworfenen Fastfood-Tüten und dem "haufenweises Dreck, der nach der Silvester-Knallerei einfach liegengelassen" wurde. Insgesamt addiert sich die Menge des Straßenmülls im Laufe eines Jahres auf 850 Tonnen, die 18 Mitarbeiter zusammenzukehren haben. Eine Drecksarbeit und Bernd Häusler muss hier nur pro forma den Dank in Form eines Applauses der Besucher einholen.

Wie überhaupt die Solidarisierung mit den Menschen, die in täglicher Arbeit Sorge für das Funktionieren des Systems tragen, gut ankommt. Etwa wenn Bernd Häusler die Umgestaltung des Herz-Jesu-Platz ins große Ganze einordnet. Die Platzgestaltung erfolgt voraussichtlich im Mai, der Markt kehrt an seinen angestammten Platz zurück, ebenso ein Großteil der alten Platanen – doch die Autos sind weg. "Auf dem Platz hat dann der Mensch Vorrang und nicht das Auto", sagt er, "das Blech steht künftig unter der Erde."

Den Menschen sieht Bernd Häusler auch bei der Alltagsarbeit mit den Gemeinderäten als Vertretern der Singener im Zentrum. Klar, dass es unterschiedliche Sichtweisen gebe – zum Beispiel bei der Zukunft der "Knöpfleswies", wo ein Interessenskonflikt zwischen Wohn- und Erholungsbedarf bevorsteht. Am Ende jedoch sei die Mehrheit zu akzeptieren. "Wir arbeiten nicht gegeneinander, sondern miteinander. Wir entwickeln für die Bürgerinnen und Bürger und nicht für die Verwaltung", so das Credo von Bernd Häusler.

Bürgermedaille für Manfred Lange

Das Miteinander freilich ist nach seiner Ansicht in Singen ohnehin gut ausgebildet. "Es gibt hunderte Menschen, die nicht auf der Bühne stehen und sich einsetzen für allgemeine Belange", so seine Würdigung der "stillen Helden" im Singener Alltag. Einer durfte dann allerdings doch auf die Bühne: Manfred Lange, der vor 48 Jahren dem Technischen Hilfswerk beitrat und den Verein zu einer wichtigen Hilfseinrichtung im Landkreis Konstanz ausbaute, wurde mit der Singener Bürgermedaille ausgezeichnet.

Zu den stillen Helden des Abends durften sich auch die Mitglieder der Dieter-Rühland-Band fühlen, die auf eine Gage verzichteten. Mit dem Eintrittsgeld kamen 4000 Euro zusammen, die der Vesperkirche sowie dem Kinderheim Peter und Paul zur Verfügung gestellt werden. Der Abend schloss wie er begonnen hatte: Mit einem witzigen Sprechgesang der "Dramatischen Vier" und dem Schweizer Artistik-Duo "Eins".