Natürlich sind sie da – die Haare zerzaust, die Gesichter braun gebrannt. „Sie“: Das sind Boulderer, Biker und Boarder. In der Singener Stadthalle erkennbar an ihren Dreitagebärten und North-Face-Jacken. An den V-förmigen Oberkörpern und den Holzbroschen, die ihnen an Schnüren um den Nacken baumeln. Aber, das wird spätestens zum Start des Filmabends klar: Es sind dann doch nicht nur junge Männer gekommen, die eben mal aus dem Stand 15 Klimmzüge runterreißen können.

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Nein, bei dieser Vorführung der European Outdoor Film Tour blickt die Moderatorin von der Bühne aus auf 420 Zuschauer aller Altersgruppen herab. Rentner sind da, genauso wie Gruppen von Kollegen, die sich eine gemeinsame Auszeit vom Arbeitsstress gönnen.

Nicht unpassend: Denn auch bei vielen der zehn Dokumentarfilme, die in den nächsten knapp drei Stunden gezeigt werden, spielt das Thema Eskapismus zumindest eine Nebenrolle. Nehmen wir Ron Rutland. Nach dem Ende seiner Rugbykarriere saß der Südafrikaner seine Arbeitszeit am Schreibtisch einer Bank ab. Bis er nicht mehr konnte.

Raus ins Abenteuer

Der pummelige Mann hatte in seinem Leben nicht mehr als eine Handvoll Nächte im Zelt verbracht, aber jetzt verkaufte er all seinen Besitz und begann ein Leben als Abenteurer. Im Kurzfilm „The Longest Hole“ sieht das Publikum, wie sich Rutland gemeinsam mit Adam Rolston durch das Hochland der Mongolei kämpft. Zwei Freunde schlagen sich durch die Wildnis. Wortwörtlich: Denn im Laufe des 80-tägigen Fußmarschs drischt Rolston exakt 20.093 Mal mit dem Golfschläger auf seine kleinen weißen Bälle ein – bis er den letzten nach 2000 Kilometern im gepflegten Rasen eines Nobelgolfplatzes versenkt.

Bild: European Outdoor Film Tour

Interessanter als dieser triumphale Moment ist aber eine Szene kurz vor Ende der Reise: Ron Rutland bricht plötzlich in Tränen aus. Vielleicht, weil er vom Neid auf seinen Reisebegleiter zerfressen ist und sich dafür schämt. Vielleicht aber auch, weil der gemeinsame Weg zu Ende geht und Rutland Angst vor dem Danach hat. Denn auch das macht ein Abenteuer aus: dass es irgendwann vorbei ist. Als Gegenpol baut sich das auf, was die Zuschauer in der Stadthalle vermutlich alle kennen: die Routine, der Alltag.

Eine Mutter in der Todeszone

Ruhe und Gefahr: Hilaree Nelson braucht diese beiden Extreme, wie die Luft zum Atmen. Ausgerechnet, die wird ihr knapp, als sie sich in „Lhotse“ mit ihrem Partner Jim Morrison in die Todeszone wagt. Eine Mutter lässt ihre Kinder zurück, um den bis zu 50 Grad steilen Hang des 8516 Meter hohen Lhotse zu erklimmen – und anschließend mit Skiern hinunterzubrettern. Warum? Weil sie sich am Lebendigsten fühlt, wenn sie mit Risiko konfrontiert ist.

Bild: European Outdoor Film Tour

Nina Williams wiederum, die es ohne Seil 15 Meter senkrecht den Felsen hinaufzieht, geht es im Kurzfilm „Highly Illogical“ um das Gefühl absoluter Kontrolle. Um das Wissen, dass jede noch so kleine Fingerbewegung präzise planbar ist. Das ist mit Mühe verknüpft.

Überhaupt wird im Laufe der Vorstellung deutlich, dass Abenteuer und Qual zusammenhängen. Etwa beim Marsch von Eliott Schonfeld, der sich im Himalaya weder von der Kälte, noch von Tigern oder der tibetischen Armee von seinem Weg abbringen lässt.

Bild: European Outdoor Film Tour

Bewusst wird in „Le Minimaliste“ das Überwinden der eigenen Angst thematisiert. Eliott Schonfelds Geschichte bleibt haften – stärker noch als die spektakulären Salti der Biker und Boarder, die in den anderen Kurzfilmen des Abends zelebriert werden.