Singen Psycho-Thriller in Noten

Das Kammerkonzert des Minetti-Quartetts in der Stadthalle Singen wurde zum Erlebnis. Das lag an der Dramaturgie des Abends, in dessen Zentrum ein Werk von György Ligeti stand.

Ludwig van Beethoven kennt jeder. Und Wolfgang Amadeus Mozart sowieso. Aber wer bitte schön ist György Ligeti? Keine Frage, er zählt zu den bedeutenden Komponisten des 20. Jahrhunderts, seine Werke aber sind selten zu hören. In den einschlägigen Klassik-Sendern gibt es hin und wieder ein Feature, gelegentlich wird ein Werk in den Konzertsälen eingesprengt. Einem breiteren Publikum aber liegen die Klangphantasien des Györgi Ligeti allenfalls als Begleitmusik zu filmischen Blockbustern im Ohr. Es war vor allem Stanley Kubrick, der sich der Musik des Komponisten mit ungarischen Lebenswurzeln bediente – zum Beispiel in Shining oder Eyes Wide Cut.

Dem Minetti-Quartett ist es zu verdanken, dass György Ligeti den rund 400 Besuchern des Kammerkonzertabends am Samstag in der Singener Stadthalle so schnell nicht mehr aus dem Kopf gehen wird. Die Nächtlichen Verwandlungen (Métamorphoses Nocturnes) bildeten dabei das Herzstück zwischen einem Streichquartett von Beethoven und Mozarts Quintett für Klarinette und Streichquartett, was dem Abend eine eigentümliche Dramaturgie verlieh. Während die brillante Interpretation der Klassiker die Hörgewohnheiten bediente, war György Ligeti vieles – nur ganz bestimmt nichts für Genießer.

Vom ersten Ton an ist dabei glaubhaft, dass die Nächtlichen Verwandlungen der politischen Nomenklatur der ungarischen Nachkriegsphase nicht ins Konzept passten und somit vorerst Produktionen für die Schublade blieben. Dem düsteren Prolog folgen bedrohliche Passagen und wenn sich ein Ton der Hoffnung einschleicht, dann nur, um ihn als Irrweg zu entlarven. Schon dieses vergleichsweise frühe Werk von György Ligeti (1923-2006) aus den 50er Jahren schreit geradezu nach einer filmischen Ergänzung eines Alfred Hitchcock oder aber der Zuhörer assoziiert literarische Bilder aus der surrealen Welt eines Franz Kafka oder Hermann Ungar. Bestehend aus einem einzigen Satz hat das Streichquartett nichts Verspieltes, nichts Melodiöses, ist nichts fürs Ohr und alles für den Kopf. Das strengt an, wühlt auf und im Saal scheint die Spannung mit Händen greifbar.

Das Stück vertont damit auf geniale Weise die Vorstellung der Verlorenheit des Individuums in der Totalität einer krakenhaften Bürokratie, beschreibt in Kaskaden, abrupten Übergängen oder bedrohlichem Anschwellen die Ausweglosigkeit, Angst und Zerrissenheit wie man sie aus der Albtraumhaftigkeit von Fieberträumen kennt. Dieser Psycho-Triller in Noten hätte – wäre er denn in der Entstehungszeit aufgeführt worden – verstörend auf die Selbstgewissheit der Kommunisten gewirkt und ein wenig lässt sich die Rolle eines unter Stalins Damoklesschwert komponierenden Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch erahnen. Györgi Ligeti jedenfalls dürfte mit seiner Zurückhaltung bei der Publizierung gut beraten gewesen sein.

Obwohl die Nächtlichen Verwandlungen damit ein Zeugnis einer Zeit sind, in der alles politisch und im Zweifel sogar ein Notenschlüssel in ein Eintrittsbillett zum Schafott umgemünzt werden konnte, sind sie noch immer modern – schlicht deshalb, weil sie real sind. Überdeutlich wird dies durch die Inszenierung: Als Entourage zu György Ligeti wirken Beethoven und Mozart als Klammern wie zwei virtuelle Blasen, in der die Kunst einer ganz anderen Funktion gerecht wird. Hier darf man abtauchen, abschalten. Als Alternativwelt eröffnet sich die Musik als Fluchtraum und es ist eine Gnade, dass es so etwas gibt.

Aber das Leben ist es nicht. Nach dem Allegretto con variazoni in Mozarts Quintett für Klarinette (als Gast ein Erlebnis für sich: Thorsten Johanns) und dem Minetti-Streichquartett (Maria Ehmer, Anna Knopp, Milan Milojicic und Leonhard Roczek) sowie einer kurzen Zugabe erwartet die Konzertbesucher jenseits des Stadthallen-Portals die Tristesse des Novembers und dazu der Lärm der Zeit. Hier bestimmen Automotoren die Akustik der Nacht: Es jault, kreischt und der Regen rauscht als monotoner Grundton. Man wünscht sich zurück zu Mozart, vielleicht Beethoven. Tatsächlich aber läuft ein realer Film und was dazu einzig fehlt, ist die Musik eines György Ligeti.

Über György Ligeti

Leben und Werk des Komponisten sind deutlich geprägt von den politischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts. Der Vater und jüngere Bruder wurden wegen ihrer Zugehörigkeit zur jüdischen Glaubensgemeinschaft im KZ Bergen-Belsen ermordet, die Mutter überlebte Auschwitz-Birkenau. György Ligeti wurde 1944 zum Arbeitsdienst in die ungarische Armee einberufen, geriet in sowjetische Gefangenschaft, aus der er fliehen konnte. In der Nachkriegszeit standen die Komponisten unter dem Diktat politischer Zielsetzungen. Nach dem Ende des Volksaufstands in Ungarn floh György Ligeti im Dezember 1956 nach Wien.

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