Der gestern bei der Revierleitung der Singener Polizei vollzogene Wechsel gibt Einblicke in die mitunter bizarre Logik von Verwaltungsreformen. Vorneweg: Bei der Polizei begrüßt man die damit verbundenen Besserstellungen – zum Beispiel, dass die Stelle des Revierleiters jetzt nach der Besoldungsgruppe A15 entlohnt wird. Das spezielle Problem der erst vor 22 Monaten als Singener Revierleiterin eingeführten Stephanie Clauß: Sie verdient weniger und statt ihr einfach mehr Geld zu geben, sieht die Verwaltungslogik für sie eine neue Aufgabenzuordnung vor. Also übernimmt sie nun Tätigkeiten beim Polizeipräsidium in Konstanz, die ihrer bisherigen Besoldungsgruppe entsprechen.

Selbst Bürgermeisterin Ute Seifried mit ihrer reichlichen Verwaltungserfahrung kann diese Winkelzüge wohl nicht so recht verstehen. In ihrem Grußwort verband sie ihr Bedauern über den Weggang von Stephanie Clauß mit der Bemerkung, dass man sie in der Stadtverwaltung ohne Bedenken sofort nach A15 hochgruppiert hätte. Sie lobte die Klarheit und Unaufgeregtheit von Stephanie Clauß als Basis für die gute Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung und dem Gemeinderat. Mit erfrischender Offenheit verdeutlichte die Bürgermeisterin zugleich ihren politischen Schmerz über den Verlust einer Frau an der Spitze eines nach wie vor männerdominierten Berufsstandes. "Meine Erfahrung nach tun gemischte Teams der Gesamtheit einfach gut", sagte sie ganz ohne feministische Spurenelemente, die in der Debatte um Gleichstellung sonst gern mit einfließen.

Ebenso voll des Lobes über die fachliche Kompetenz und Führungsstärke von Stephanie Clauß zeigten sich der Konstanzer Polizeivizepräsident Gerold Sigg und der Personalratsvorsitzende Siegfried Traub. Neben der coolen Chefin verliert das Singener Revier aber offensichtlich auch eine authentische und einfühlsame Kollegin. Wie sie in ihren Abschiedsworten sagte, sei ihr Singen nicht nur eine dienstliche Heimat gewesen, sie lobte das hoch engagierte Team und verdrückte zwei Tränen. Immerhin bleiben für eben dieses Team ein paar Erinnerungswerte von ganz praktischem Wert. So sorgte die passionierte Sporttänzerin dafür, dass der schweißtreibende Zumba-Tanz ins Dienstsportangebot aufgenommen wurde.

Will man unter solchen Umständen der Nachfolger sein? Das Faszinierende an dem etwas anderen Festakt aus Anlass eines Wechsel an der Spitze eines Polizeireviers war gestern nicht zuletzt die überaus kollegiale Begrüßung des neuen Chefs Thomas Krebs. Er ist ein erfahrener Polizist (unter anderem arbeitete er sieben Jahre bei der Mordkommission in Stuttgart) mit reichlich Praxis in Leitungsfunktionen, der den Umgang mit dem Team ganz im Sinne seiner Vorgängerin handhaben möchte – und dies übrigens bereits am ersten Tag seines Dienstes in Singen demonstrierte. Wegen eines schwierigen Einsatzes war er, wie er bei der offiziellen Vorstellung erzählte, trotz längerer Anfahrt zur mitternächtlichen Stunde zur Stelle und verbrachte nach dem glücklichen Ausgang gegen 2.30 Uhr den Rest der Nacht auf der Schwangerenliege des Polizeireviers. Das muss gut angekommen sein, denn die Kollegen ermahnten sich zur Ruhe, weil "da drüben der Chef schläft".

Thomas Krebs ist davon überzeugt, dass man in dem von Stephanie Clauß "gut bestellten Feld nichts umpflügen muss". Stattdessen will er hinsehen, zuhören. Stephanie Clauß wird's recht sein, zumal sie nach eigenen Worten ein Team erlebte, deren Angehörige trotz der vielen Einsätze nicht weg wollen aus Singen. Das entspricht ihrer Auffassung vom Polizisten aus Berufung. Es dürfte eine gute Voraussetzung sein, um die bizarren Zwangsläufigkeiten einer Reform zu überdauern.