"Hier ist die Zeit stehen geblieben", sagte Tilo Brügel, Singens oberster Denkmalschützer, über das Innere des Café Hanser, das diesen Status genießt. Ein Eindruck, den Gäste des Cafe Hanser genauso bekommen, die hier Kaffee und Kuchen genießen wie die Besucher des Tags des offenen Denkmals. Dieser wurde in diesem Jahr in dem bis auf den letzten Platz belegten Singener Traditions-Café begangen. Das eignet sich perfekt für die Veranstaltung. Die Einrichtung ist im Stil des art-deco und seit 1932 erhalten geblieben, führt der Organisator Brügel aus. Aber auch was serviert wird, ist nach klassischen Rezepten hergestellt. "Wir verwenden noch die Rezepte des Konditors Lutz", berichtet Nino Merusic, der Inhaber des Lokals. Außerdem berichtet er stolz, wie viel Wert man hier auf die Zutaten lege. Wichtig ist ihm, die Wiener Kaffeehauskultur am Leben zu erhalten. Das äußert sich auch auf der Karte, "hier bekommt man noch ein Kännchen Kaffee", so Merusic. Die Besuche im Kaffeehaus mit seiner Mutter sind eine Kindheitserinnerung an seine Heimatstadt Sarajewo.

Am 3. Mai 1977 hatten sich zwei besondere Gäste das Café für ihr Frühstück ausgesucht. Es handelte sich um die beiden RAF-Terroristen Verena Becker und Günter Sonnenberg, nach denen intensiv gefahndet wurde. Von den Ereignissen damals, die ihn beinahe das Leben gekostet hätten, berichtete der pensionierte Polizist Wolfgang Seliger. Eine Frau hatte vermutet, zwei Terroristen zu erkennen und dies auf der Polizeiwache gemeldet. Da in Singen als Geburtsort von Knut Folkerts viele falsche Sichtungen gemeldet wurden, ging man zunächst nicht von einer gefährlichen Situation aus.

"Wir dachten, das ist 200 Kilometer weit weg", erzählte Seliger. Dass es sich tatsächlich um Terroristen handelt, glaubte niemand. Gut gelaunt erzählte er von den vielen Zufällen, die an diesem Tag aufeinander trafen und brachte die Zuhörer trotz der Dramatik zum Lachen. "Pleiten, Pech und Pannen" nannte er das Geschehene. Der damals 20-Jährige und sein Kollege, beide frisch aus der Polizeischule, sollten die Identität der Verdächtigen überprüfen. Die Terroristen hatten ihn und seinen Kollegen zu einem fiktiven Fahrzeug gelockt, in dem sich angeblich ihre Papiere befanden. In der Höri-Straße eröffneten sie aus unter der Jacke versteckten Waffen das Feuer. Sonnenberg schoss sein Magazin auf Seliger leer, der lebensgefährlich verletzt wurde. Trotz der schweren Verletzungen konnte er seinen Dienst wieder aufnehmen. Was im Rückblick wie ein Fehler erscheint, sieht er heute als Glücksfall. Wären die Polizisten den Terroristen nicht gefolgt, wäre es womöglich zu einer Schießerei im Café Hanser oder auf der belebten August-Ruf-Straße gekommen. "Man muss das Positive sehen."

In die verborgenen Schätze des Erdreichs unter dem Café führte die Schauspielerin Ute Schürmann von der Theatergruppe Pralka ein. Sie stellte eine wohlhabende Alemannin dar, deren Grab während einer archäologischen Ausgrabung entdeckt wurde. Dabei stellte sie ihre Beigaben vor, die die damalige Zeit spiegeln. "Typisch ist die Mischung aus Heidentum und Christentum", erklärte die Archäologin Sabine Kuhlmann. Ein Goldkreuz in den Gräbern zeugte von dem damals neuen Glauben, während Kristall- und Muschelamulette noch heidnischen Bräuchen entspringen. Neben Amuletten gab man den Toten Praktisches mit wie Werkzeuge oder einen Kamm. Zwischen den Programmpunkten spielte das Klinghoff-Duo Flöte und Gitarre.

Auf besorgte Fragen nach der Zukunft des historischen Orts inmitten des geplanten neuen Einkaufszentrums Cano konnte Entwarnung gegeben werden. Das Hanser wird auch diese städtebauliche Maßnahme überstehen.

Der Aktionstag

Der Tag des offenen Denkmals ist ein bundesweiter Aktionstag, koordiniert von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Er findet jedes Jahr am zweiten Sonntag im September statt und hat zum Ziel, die Öffentlichkeit für die Bedeutung des kulturellen Erbes zu sensibilisieren. Geschichte zum Anfassen, darum geht es den Organisatoren. Das Thema in diesem Jahr lautete "Macht und Pracht". Mehr als 7500 historische Bauten, Parks und archäologische Stätten hatten laut der Deutschen Stiftung Denkmalschutz bundesweit für Besucher geöffnet. (sk)