Frau Szwagrzyk, Sie sind in Singen die neue Botschafterin für eine Jugendbeteiligungs-App. Was kann man sich denn als Außenstehender darunter genau vorstellen?

Patrycja Szwagrzyk: Das wusste ich selbst zunächst auch nicht so genau (lacht). Aber Spaß beiseite. Wir hatten ja im Herbst ein Jugendforum organisiert, um uns ein Stimmungsbild einzuholen. Was brauchen und wünschen sich junge Menschen in Singen? Gibt es Projekte, die man angehen kann? Ein Thema, das dabei zur Sprache kam, war eine App, um die Jugendbeteiligung zu erleichtern. Wir leben schließlich im Jahr 2019: Das Angebot ist so groß, da liest nicht jeder einen Flyer oder informiert sich selbstständig. Um die Kommunikation untereinander zu erleichtern, um sich gegenseitig zu erreichen und zu mobilisieren, haben sich die Teilnehmer des Jugendforums deshalb eine App gewünscht. Zufälligerweise hat man zeitgleich in Berlin ein Pilotprojekt gestartet, bei dem genau eine solche App in Kommunen getestet werden soll. Da dachten wir uns: Das nehmen wir mit.

Jennifer Störk: Patrycja macht es Spaß, sich zu beteiligen. Deshalb musste ich gleich an sie denken, als ich davon erfahren habe, dass man sich in Berlin zum Botschafter dieser App ausbilden lassen kann. Ich wollte jemanden hinschicken, der jünger ist als ich selbst (schmunzelt). Patrycja hat auch einfach noch mal einen anderen Blickwinkel als jemand, der bei der Stadt arbeitet. Wir sind sehr dankbar, dass sie sich engagiert.

Wie haben Sie die Schulung in Berlin erlebt, Frau Szwagrzyk?

Patrycja Szwagrzyk: Gedauert hat es zwei Tage. Außer mir waren Menschen aus den unterschiedlichsten Städten da. Hamburg, Weingarten, Cottbus – insgesamt waren es 13 Kommunen. Manche der Teilnehmer halten in ihren Städten an lange gewachsenen Strukturen fest, was die Jugendbeteiligung angeht. Andere treffen sich nur sehr unregelmäßig. Für mich war es interessant, zu sehen, wie unterschiedlich in den einzelnen Städten gearbeitet wird. Dadurch ist mir noch einmal aufgefallen, dass Jenni als Jugendreferentin frischen Wind nach Singen gebracht hat. Wir haben hier die Möglichkeit, wirklich etwas von Grund auf neu zu gestalten und müssen die App nicht in bestehende Strukturen einbetten. Das ist eine echte Chance.

Ab wann ist die App in Singen nutzbar?

Jennifer Störk: Schon jetzt. Wer Lust hat, die App zu testen, darf gerne mitmachen. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen. Sie können sich einfach bei uns im Jugendreferat melden.

Wie können Jugendliche die App konkret auf ihrem Smartphone nutzen? Was kann man damit machen?

Patrycja Szwagrzyk: Aula – so heißt die App – wurde schon zwei Jahre lang an vier Pilotschulen getestet. Bisher haben Klassen die App genutzt, um sich untereinander zu organisieren. Die Schüler hatten die Möglichkeit, ihre Ideen in die App einzustellen und ihre Mitschüler konnten diese Beiträge dann unterstützen und Verbesserungsvorschläge machen. All diese Beiträge speichert die App in einem Archiv, sodass kein Vorschlag in Vergessenheit gerät. Außerdem bietet Aula die Möglichkeit, Themenräume anzulegen, damit alles übersichtlich bleibt.

Wie wurde dieses Angebot von den Schülern angenommen?

Patrycja Szwagrzyk: Am Anfang ging die Beteiligungskurve steil nach oben, nach ein paar Monaten ist es dann etwas abgeflaut und man musste die Leute wieder neu motivieren. An den Pilotschulen lief es so, dass einzelne Klassen in der App eigene Gruppen gebildet haben. Es gab aber auch klassenübergreifende Themen. Zum Beispiel: Was für ein Essensangebot wollen wir in der Mensa? Wo wollen wir gerne noch eine Sitzbank haben? Wo brauchen wir einen Fahrradständer oder eine Laterne? Das waren Dinge, die sich die Schüler mithilfe der App selbstständig organisieren konnten. Ihre Lehrer haben festgestellt, dass sie dadurch selbstbewusster wurden. Vielen Schülern war vor der Pilotphase gar nicht bewusst, dass sie eine wichtige Stimme haben. Jetzt haben sie gespürt, dass sie mehr sind als nur einer von hunderten. Sie haben gemerkt: Andere Leute vertrauen mir und unterstützen mich. Ich glaube das ist ein sehr schönes Erfolgserlebnis.

Hätten sich die Schüler nicht auch einfach über Social Media organisieren können? Braucht es dafür wirklich eine App?

Patrycja Szwagrzyk: Ich finde Social Media nicht so gut, weil es unpersönlich ist. Stattdessen möchten wir in der Projektgruppe langfristig ein Interesse für Lokal- und Kommunalpolitik wecken. Damit junge Menschen ein Stück bewusster in ihrer Stadt leben. Ich glaube, nur wenn man von Social Media wegkommt und vor Ort präsent wird, kann man auch etwas erreichen. Bei der App geht es genau darum: um die Verwirklichung von konkreten Zielen.

Jennifer Störk: Aula soll ein echter Begegnungsort für Jugendliche werden. Wer sich die App herunterlädt, kann sich mit anderen verabreden. Er kann Leute treffen und sich für Projekte einsetzen, die wirklich umgesetzt werden. Das kann auch etwas Kleines sein. Und wenn es nur die Beantwortung der Frage „Wer hat heute Mittag Lust, Fußball spielen zu gehen?“ ist. Es ist doch grundsätzlich so: Wenn man eine Idee hat, steht man erst einmal alleine da. Die Herausforderung ist es, diese Idee zu transportieren. Man muss auf sich aufmerksam machen und Mitstreiter gewinnen. Aula gibt uns diese Chance.

Patrycja Szwagrzyk: Und noch ist ja alles im Aufbau. Wir haben aber jetzt schon Ideen, wie man die App verbessern kann. Zum Beispiel über eine Kalenderfunktion. Dann könnte jeder Nutzer Terminvorschläge einbringen und wir könnten einfach sehen, wer an einem bestimmten Tag Zeit hat oder nicht. Aktuell kann man bei Aula zwischen Deutsch und Englisch auswählen. Aber schon in Berlin kam das Thema auf, dass man den Sprachenpool erweitern sollte. Das wäre gerade für Singen super. Wir sind eine so vielfältige Stadt. Es wäre schön, wenn man diese Hemmschwelle durchbricht. Gerade wenn jemand vielleicht noch nicht so lange hier ist und die Sprache noch nicht perfekt beherrscht, kann er trotzdem mitmachen.

Und jeder, der mitmachen möchte, kann sich die App einfach herunterladen?

Patrycja Szwagrzyk: Aula ist kostenlos und einfach herunterzuladen. Man braucht lediglich Zugangsdaten, die man im Jugendreferat erhält. Das soll dafür sorgen, dass die App nicht missbraucht wird. Außerdem gibt es Moderatoren, die zwischen den einzelnen Nutzern vermitteln. Aber: Jeder Nutzer, der registriert ist, soll sich mit seiner Stimme einbringen. Demokratie digital, sozusagen.

Man spürt, dass Ihnen das Thema Jugendbeteiligung Spaß macht. Wie kam es denn dazu, dass Sie begonnen haben, sich in Singen zu engagieren?

Patrycja Szwagrzyk: Ich finde es unglaublich toll, wenn man sich bewusst dort engagieren kann, wo man lebt. Außerdem habe ich jüngere Geschwister und möchte natürlich, dass sie eine tolle Zukunft haben hier Singen. Und: Es macht mir einfach Spaß. Man kann etwas gestalten, das finde ich unglaublich wichtig. Es ist immer einfach, einen Hass-Kommentar im Internet zu verfassen oder sich vom Sofa aus aufzuregen. Aber man ändert dadurch ja nichts. Ich finde es besser, wenn man die Ärmel hochkrempelt und einfach mal macht.

Einfach mal machen, das klingt gut. Frau Störk, können Sie schon verraten, welche anderen Themen aus dem Jugendforum vom vergangenen Jahr in Singen umgesetzt werden?

Jennifer Störk: Wir hatten am Ende des Jugendforums eine zehnseitige Liste mit Wünschen und Vorschlägen. Als Stadt haben wir daraufhin auf Grundlage des Votings vier Projektschwerpunkte festgelegt. Zum einen ist da die App, von der wir gerade gesprochen haben. Außerdem werden wir an der Aach innerhalb der 72 Stunden-Aktion im Mai eine Grillstelle bauen. Langfristig ist es der Wunsch der Jugendlichen gewesen, auch einen Begegnungsort an der Aach zu schaffen. Sie möchten dort eine Begegnungshütte haben. Konkrete Pläne gibt es auch schon für einen Streetsoccer-Platz in der Südstadt, für den zur Zeit ein Lärmgutachten erstellt und ausgewertet wird. Für das Blaue Haus werden wir außerdem demnächst einen Boxautomaten kaufen. Was ich toll finde, ist aber auch, dass die Jugendlichen selbst eine Putzaktion angeregt haben. Und weil wir als Stadt von vielen Erwachsenen die gleiche Idee gehört haben, ziehen wir jetzt am 6. Juli gemeinsam los. Das Motto der Aktion lautet „Singen macht sauber“. Natürlich gibt es noch viele weitere Projekte, die wir in den kommenden Wochen angehen werden. Ich persönlich finde für die Zukunft auch das Thema Kinderbeteiligung sehr wichtig: Dass schon Jüngere ein Verständnis für Demokratie entwickeln.

Dieses neue Demokratieverständnis scheint sich im Moment ja bei den Fridays-for-future-Demos zu zeigen.

Jennifer Störk: Ich möchte mich bald mit den Organisatoren treffen. Ich finde toll, wie sie sich engagieren und etwas verändern möchten, und würde gerne mit ihnen zusammenarbeiten. Wir suchen generell für alle Projektgruppen noch Mitstreiter und freuen uns über Vorschläge und Anregungen der Jugendlichen.