Singen Öl-Preissteigerung tut dem Singener Energieversorger Solarcomplex gut

Die Bilanz des Unternehmens ist weit mehr als ein Zahlenwerk. Und im Alltagsgeschäft verspürt Solarcomplex zum Beispiel deutlichen Gegenwind in Sachen Energiewende.

Es ist ein klarer Beleg für die globale Vernetzung der lokalen Wirtschaft: Wie der Vorstandssprecher der Singener Solarcomplex AG bei der Präsentation der Geschäftszahlen für 2017 gegenüber Medienvertretern erläuterte, wirkt sich die aktuelle Weltpolitik positiv für das Unternehmen aus. "Es ist ebenso traurig wie wahr", sagte Bene Müller, "aber je chaotischer die Weltpolitik derzeit verläuft, umso besser ist das für uns."

Er nahm damit Bezug auf die Entwicklung des Ölpreises, der sich seit seinem Tiefststand im Januar 2016 fast verdoppelt hat und das Unternehmen damit unter anderem aus einer Vertragsfalle mit einem Teil seiner Bioenergie-Kunden befreit. Mit diesen war eine so genannte Ölpreis-Garantie vereinbart worden, was das Unternehmen durch den dann erfolgten nicht vorhersehbaren Preissturz beim Öl in die Bredouille brachte. Bene Müller bemühte sich in der Folge mittels Überzeugungsarbeit um Vertragsänderungen, was für einigen Diskussionsbedarf sorgte – der Hilzinger Gemeinderat beispielsweise lehnte eine Neuregelung für die öffentlichen Gebäude in Schlatt am Randen und Weiterdingen ab. Insgesamt unterzeichneten nach Unternehmensangaben 60 Prozent der Kunden die Zusatzvereinbarung, angesichts des aktuellen Ölpreises liegen inzwischen aber auch die verbliebenen 40 Prozent wieder innerhalb des ursprünglich taxierten Preiskorridors.

Das Beispiel verdeutlicht zugleich die Sonderrolle, die Solarcomplex durch seine ideologischen Wurzel als Bürgerunternehmen nach wie vor einnimmt. Dass für die mehr als 1000 Aktionäre die Notwendigkeit der Energiewende über den monetären Interessen rangiert, ergibt sich allein aus dem Blick auf die Bilanz. Ein Jahresergebnis von 66 000 Euro bei einem Umsatz von 12,7 Millionen Euro und dem Hauptversammlungsvorschlag einer Dividende in Höhe von zwei Prozent (nach einer Nullrunde im vergangenen Jahr) ist eher dürftig und sorgt – wie Bene Müller freimütig einräumt – in den Gesprächen mit den Hausbanken regelmäßig für mahnende Hinweise.

Die ausbaufähige Ertragslage allerdings ändert nichts am grundsoliden Fundament des Unternehmens. Mit einer Eigenkapital-Quote von 28 Prozent allein auf Basis des Aktienkapitals (ohne langfristig angelegte Depots wie etwa Genussrechte in Höhe von 14 Millionen Euro), einem Anlagevolumen von 56 Millionen Euro sowie einem stetigen Investitionsvolumen von rund 8 Millionen Euro im Jahr (ohne die Investitionen von Partnern, für die Solarcomplex Projekte umsetzt) ist das Unternehmen gut aufgestellt. Kapitalprobleme sieht Bene Müller bei den in der Umsetzung befindlichen beziehungsweise den geplanten Vorhaben ohnehin nicht: Für den Windpark Länge im Schwarzwald als dem derzeit größten Projekt beispielsweise sei das erforderliche Kapital in Höhe von 12 Millionen Euro komplett gezeichnet und auch für die Projekte der nächsten zwei Jahre steht das erforderliche Eigenkapital zur Verfügung.

Zu kämpfen hat Solarcomplex dagegen mit einem allgemeinen Mentalitätswechsel. "Der Bürger entpuppt sich als widersprüchliches Wesen", meint Bene Müller angesichts der generellen Befürwortung der Energiewende, sofern sie nicht vor der eigenen Haustür stattfindet. Auf den einstigen Bonus des Davids unter den Energieversorgungs-Goliaths jedenfalls könne man angesichts der Anfeindungen bei Windkraftprojekten oder der Kritik von Naturschutzvertretern bei Solarthermieanlagen nicht mehr setzen. Die Verschlechterung der politischen Rahmenbedingungen geht für den Vorstandssprecher dabei einher mit Vorgaben von Behörden, die sich hemmend auf Projekte des Unternehmens auswirken. Als Beispiel nannte Bene Müller die Vorgaben für die inzwischen auf Eis gelegte Windkraftanlage auf dem Steißlinger Kirnberg: Hier wurde eine Untersuchung zum Vogelschutz zur Auflage gemacht, die das Zugverhalten von Vögeln am östlichen Bodensee berücksichtigen sollte.

Das Unternehmen

Das regionale Bürgerunternehmen hat sich den Umbau der regionalen Energieversorgung auf weitgehend erneuerbare Energien bis 2030 zum Ziel gesetzt. Gegründet im Jahr 2000 ist die Zahl der Gesellschafter von 20 auf mehr 1000 gewachsen. Neben Bürgern sind auch kleine und mittlere Unternehmen beteiligt, darunter Stadtwerke. Realisiert wurden Wärmenetze, Solarkraftwerke als Dachanlagen und Freiland-Solarparks, Wasser- und Windkraftwerke, zwei bürgerfinanzierte Biogasanlagen und etliche moderne Holzenergieanlagen.

Ihre Meinung ist uns wichtig
☀ Einzigartige Sonnenstücke vom See ☀
Neu aus diesem Ressort
Singen
Singen
Singen
Singen
Singen
Gottmadingen
Die besten Themen