Wie bisher kann es nicht weitergehen. Der Kommandant der Singener Feuerwehr spricht von "explodierenden Einsatzzahlen" – unter anderem, weil immer öfter nach Unwettern ausgerückt werden muss. Den Landwirtschaftsbetrieb bei Hilzingen zwingt die anhaltende Sommerdürre bereits dazu, die ersten Milchkühe zu schlachten. Ja, der Klimawandel ist tatsächlich vor unserer Haustür angekommen.

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Aber nicht nur das: Auch die Wohnungsnot ist von Konstanz und Radolfzell in den Hegau übergeschwappt. Wer wenig verdient, hat es schwer, ein Zuhause zu finden, das diesen Namen auch verdient. Ärmere Menschen müssen in Singen zum Teil in unzumutbaren Verhältnissen leben, sagt die Leiterin der Wohnungslosenhilfe im Landkreis, Susanne Graf. Und die Liste sich zuspitzender Probleme lässt sich locker fortsetzen. Die Folgen des demografischen Wandels sind schon hinter der Haustür angelangt. Ältere Menschen, deren Familien längst weggezogen sind, vereinsamen in viel zu großen Häusern. Ihr einziger Kontakt zur Außenwelt: Pflegedienst-Mitarbeiter, die zwischen einer steigenden Anzahl Kunden hin und her hetzen.

Zugegeben, diese Probleme sind nicht hausgemacht. Sie betreffen nicht nur den Hegau, sondern fast die ganze Welt. Man kann sie ignorieren, resignieren – oder etwas tun. Zum Beispiel in der Singener Nordstadt. So oder ähnlich sehen das die Initiatoren des Projekts Lebenswert. Seit 2015 planen die Architekten um Achim Achatz mit privaten und öffentlichen Einrichtungen, Parteien, Vereinen und Mitbürgern ein Quartier, das den Herausforderungen begegnet, die uns jetzt schon das Leben schwer machen: Klimawandel, Wohnungsknappheit, Vereinsamung. Ihre Antworten lassen sich so zusammenfassen: Nachhaltigkeit, Nachverdichtung und Nachbarschaftlichkeit.

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Das Quartier, das auf dem Gelände der Knöpfleswies entstehen könnte, ist energiesparend konzipiert. Man will die neuen Wohnungen bewusst in Kernstadt-Nähe errichten – die Wege kurz, den Bedarf für das Auto gering halten. Durch eine innovative Bebauung, flexible Grundrisse und eine bewusst dichte Struktur soll zudem ein neues Miteinander angestoßen werden. Die ältere Dame passt auf die Kinder des Geschäftsmanns auf, dafür geht er für sie einkaufen. Das Quartier will dabei nicht nur Wohlhabenden ein Zuhause bieten, sondern auch alleinerziehenden Müttern, Menschen mit Migrationshintergrund oder Behinderung. Alle könnten auf engem Raum im wahrsten Sinne des Wortes zusammenleben.

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Das hört sich zunächst fremd an. Der erste Impuls mag sein, die Zäune hochzuziehen vor so viel Veränderung. Und irgendwie passiert im Moment ja genau das. Anwohner und Pächter der Knöpfleswies formieren sich, die Stadt zieht ihre bisherige Unterstützung für das Lebenswert-Projekt plötzlich zurück. Als Grund muss die Klimaanalyse vom vergangenen Herbst herhalten. Für die Lebenswert-Initiatoren, die sich ja gerade um das Thema Nachhaltigkeit bemühen, muss sich das ziemlich sonderbar anhören. Sollte ihre Idee eines ressourcenschonenden generationenübergreifenden Miteinanders an der Grundstücksfrage scheitern, wären aber nicht die Initiatoren die Verlierer, sondern wir alle. Denn, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann, wissen wir doch längst.