Es ist Freitagabend, das Saallicht geht aus und der Scheinwerfer an. Gerichtet ist er auf Janek Mager. Der 27-Jährige hat nun sieben Minuten Zeit, seine Worte vorzutragen. Gedichte mag man das heute kaum noch nennen, Poetry Slam trifft es eher. Ein Dichterwettstreit, bei dem die Worte nicht gereimt werden müssen, aber können. Bei dem der Vortragende amüsant oder nachdenklich wiedergibt, was ihn bewegt.

Und ein Wettstreit, bei dem der Applaus des Publikums über Sieg oder Niederlage entscheidet. Janek Mager erntet nach eigenen Angaben keinen schallenden Applaus – sein Text über das Verliebtsein sei nicht so gut angekommen, sagt er wenige Tage später selbstkritisch. Doch der 27-Jährige aus Steißlingen lässt sich davon nicht unterkriegen. Im Gespräch erklärt er, wie er seine Gedanken in Worte fasst und diese Leidenschaft auf die Bühne trägt.

Vor sechs Jahren war Poetry Slam in aller Munde

Sechs Jahre ist es her, dass Julia Engelmann mit ihrer Präsentation von „Eines Tages Baby“ in ganz Deutschland für Aufsehen sorgte. Da stand die Studentin, die manche schon als Schauspielerin aus dem Fernsehen kannten, im Audimax ihrer Universität und schilderte in einem charakteristischen Singsang Zeilen wie „Und eines Tages, Baby, werden wir alt sein. Oh Baby, werden wir alt sein, und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.“ Poetry Slam war auf einmal in aller Munde. Auch für Janek Mager war das die erste Berührung mit der Wortkunst, allerdings einige Jahre später. Anfangs habe er mit den in seinen Augen teils platten Stücken anderer nicht viel anfangen können. Heute hält er ständig Gedankenfetzen in wenigen Zeilen fest und möchte das Ergebnis einem größeren Publikum präsentieren.

Doch der Weg dahin ist lang.

Julia Engelmann schreibt heute Bücher und hat ein Musikalbum aufgenommen – davon ist Janek Mager noch weit entfernt. Er habe immer geschrieben, die meiste Zeit für sich selbst. Schreiben sei eine Art Therapie und Wörter liegen ihm: „Ich bin ein astreiner Bibliophiler und verbringe den Großteil meiner Freizeit mit Lesen.“ Beruflich macht er etwas ganz anderes, absolviert gerade die Ausbildung zum Betriebselektriker. Für Poetry Slam brauche es vor allem Mut, findet der 27-Jährige. Als er erstmals wirklich tiefgründige Texte hörte, habe er gedacht: „Das machst du jetzt einfach auch und erprobst dein Talent.“ Also schrieb er seine ersten Texte, bisher war es für jeden Auftritt ein anderer. Der erste Auftritt war im April im Kulturladen Konstanz und „berauschend“, wie er sagt. Er habe viel positive Rückmeldung erhalten.

Aufregung verschluckt das Augenzwinkern im Text

Beim Auftritt in der Gems sei er zu nervös gewesen, die Aufregung habe das Augenzwinkern seines Textes verschluckt. Aber er wolle daraus lernen: Den nächsten Text werde er vorab mehr Menschen zeigen.

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Bis dahin will Janek Mager weiter ins kalte Wasser springen, wie er sagt, und experimentieren, was für ihn einen guten Text ausmacht. „Ich verliebe mich gerne in meine eigenen Formulierungen“, sagt er und setzt auf ehrliche Kritik von Freunden.

Was Janek Mager bei seinen Texten wichtig ist

Einen roten Faden brauche ein guter Text auf jeden Fall. Und eine Botschaft. Dem Publikum einen Lacher zu entlocken, sei gar nicht so einfach. Dass er zuletzt in der Gems mit lauter Profis auf der Bühne stand, die schon bei Meisterschaften erfolgreich waren, habe ihn wenig beeinflusst – das habe er vorab auch nicht gewusst.

Drei bis vier Slams in Singen pro Jahr

Johannes Elster.
Johannes Elster. | Bild: Marvin Ruppert

Johannes Elster moderiert die Veranstaltung seit 2013 und erinnert sich an die Anfänge: Eine Mitarbeiterin habe im Rahmen ihres freiwilligen sozialen Jahres einen Poetry Slam in der Gems organisiert und ihn angefragt. „Die Gems war fast ausverkauft und die Stimmung so toll, dass ich direkt von der Bühne aus gefragt habe, ob es eine Wiederholung geben soll.“ Nach dem frenetischen Applaus habe die Gems gar keine andere Wahl gehabt, ergänzt er. Seitdem gebe es dort drei bis vier Slams pro Jahr. Das soll so bleiben, selbst wenn Johannes Elster künftig weniger Slams moderieren möchte. „Wenn das auch Singen betrifft, sorge ich für adäquaten Ersatz, sodass der Poetry Slam in der Gems auch weiterhin eine Erfolgsgeschichte bleiben kann.“

Wer Poetry Slam live erleben möchte: Am Freitag, 20. Dezember, ist ab 20 Uhr die nächste Veranstaltung in der Gems in Singen. Der Eintritt kostet zehn Euro.

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„Du musst dich halt überwinden!“

Johannes Elster ist Organisator der Veranstaltung Poetry Slam in der Gems. Im Kurzinterview spricht er über das Phänomen und gibt Tipps für Anfänger.

Was macht Poetry Slam aus und so beliebt?

Poetry Slam ist abwechslungsreich, dynamisch und authentisch. Wir haben nicht die eine eng gefasste Zielgruppe. Poetry Slam spricht Menschen von 16 bis 80 an. Der Reiz ist einerseits in der Vielfalt der dargebotenen Stücke geboten – inhaltlich als auch performativ und hinsichtlich des Genres der Texte. Andererseits ist Poetry Slam sehr am Publikum dran, inhaltlich, lebensweltlich, sowie partizipativ am Abend. So kann man entweder selbst auftreten oder den Ausgang des Wettbewerbs maßgeblich selbst durch den Applaus beeinflussen.

Wie kommt die Veranstaltung beim Singener Publikum an?

Tatsächlich ganz hervorragend! Wir haben in der Gems ein sehr heterogenes Publikum und häufig von Schülern bis hin zu klassischem Kabarettpublikum alles vertreten. Das Singener Publikum erlebe ich als einerseits sehr aufmerksam andererseits als sehr stimmungsvoll. Poetry Slam ist zwingend eine Live-Veranstaltung. Man kann die Atmosphäre im Saal nicht auf einen Bildschirm bannen – und die Gems ist ein Paradebeispiel dafür. Auch die Rückmeldung der Künstler aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, die in den letzten Jahren beim Poetry Slam in der Gems aufgetreten sind, war immer begeistert.

Welchen Tipp geben Sie Wortkünstlern, die gerade beginnen?

Einfach machen. Dass man unsicher und nervös vor den ersten Auftritten ist, ist völlig normal, und das beste Mittel dagegen ist, sich dem einfach zu stellen. Bei den meisten Poetry Slams gibt es offene Startplätze für Interessierte aus der Region. Es gibt Slams, bei denen das Niveau überschaubar ist und die sich hauptsächlich aus freien Anmeldungen speisen. In der Gems (und bei allen anderen von mir verantworteten Slams) ist es so, dass wir fünf Profis einladen und einen optionalen Startplatz für lokalen Nachwuchs zurückhalten. Da sind die ersten Gehversuche vielleicht etwas schwieriger, aber am Ende bleibt: Du musst dich halt überwinden! Frag dich: Was will ich mit meinem Text bei den Zuhörern erreichen, ihnen mitgeben? Wenn du keine Antwort darauf hast, geh nicht auf die Bühne. Wenn du das aber weißt, dann kostet es dich nur einen Moment Überwindung und der Stolz und der Applaus hallen lange nach.