Herr Hespeler, was erwartet uns an Besonderheiten bei der bevorstehenden Fasnacht?

2017 wird eine sehr lange Fasnacht mit einer Vielzahl von Veranstaltungen. Besonders zu erwähnen sind natürlich unsere großen Narrentage in Riedöschingen und Markelfingen, von denen der Narrenumzug in Markelfingen mit über 6000 Hästrägern in diesem Jahr wieder im SWR 3 übertragen wird. Empfehlenswert sind aber natürlich auch die vielen bunten Abende der Zünfte mit unglaublich viel Lokalkolorit, bei denen so manches Bühnentalent unsere Lachmuskeln strapaziert.

 

Welche Vor- oder Nachteile hat der relativ späte Termin Ende Februar?

Die lange Fasnacht vom 6. Januar bis Ende Februar ermöglicht natürlich, die Veranstaltungsdichte etwas zu entzerren und Terminkollisionen zu vermeiden. Andererseits beobachten wir aber auch, dass sich mit zunehmender Länge bei den Besuchern eine gewisse Sättigungserscheinung breitmacht. Außerdem ist es natürlich auch eine Frage der Kondition: Neben aller Ausgelassenheit und Schönheit, die die Fasnacht mit sich bringt, ist das Wahrnehmen der vielen Termine natürlich auch mit einer gewissen Anstrengung verbunden. Eine lange Fasnacht bietet uns Funktionären etwas längere Erholungsphasen zwischen den Veranstaltungen.

 

Party und Tradition wird an den närrischen Tagen immer mehr vermischt. So gab es in Villingen-Schwenningen zum Auftakt eine große Mallorca-Sause. Ist diese Entwicklung aufzuhalten, und welche Probleme sehen Sie darin?

Grundsätzlich sehen wir in Party-Veranstaltungen kein Problem. Dieser Fall ist jedoch anders: Hier wird das Etikett "Fasnet" von einem professionellen Veranstalter für Marketingzwecke kommerziell missbraucht und das für eine Veranstaltung, die nichts mit Fasnet zu tun hat. Die Veranstaltung in dieser Form könnte auch problemlos an jedem anderen Tag im Jahr stattfinden.

Allerdings zeigen solche Veranstaltungen noch etwas anderes: einen klaren Trend hin zur Spaßfasnacht. Und genau an diesem Punkt müssen auch wir Fasnachtsfunktionäre unsere Ansichten über Fasnacht überdenken. Kulturgut hin oder her – Fasnacht war seit jeher ein Volksfest. Und die Bürgerinnen und Bürger lassen sich von uns Funktionären nicht vorschreiben, wie und wann sie ihre Feste feiern. Dinge, die Spaß machen, werden auch weiterhin gepflegt, verkrustete Bräuche entfallen. Deshalb müssen wir unseren Bräuchen Raum geben, damit sie sich dem Zeitgeist anpassen können und attraktiv bleiben. Es macht keinen Sinn, sich in die traditionalistische Ecke zu stellen, da wir dann erst recht Gefahr laufen, dass sich solche Parallelveranstaltungen entwickeln, deren Auswüchse wir nicht mehr kontrollieren können. Wir müssen uns neuen Strömungen öffnen und versuchen, sie mit unserer Fasnacht in bestimmten Grenzen zu vereinbaren, um so deren Entwicklung sinngebend zu begleiten.

 

Wie geht es mit dem Fasnachtsmuseum Langenstein nach dem Tod von Hausherr Christoph von Douglas weiter?

Es fand ein gemeinsames Gespräch mit seinem Sohn und Erben Leopold Graf Douglas statt und wir gehen davon aus, dass die freundschaftliche Zusammenarbeit fortgesetzt werden kann.

 

Gibt es Bemühungen seitens der Narrenvereinigung Hegau-Bodensee vor allem den jungen Menschen das Brauchtum näher zu bringen?

Dies muss in erster Linie vor Ort gemacht werden, da Kinder und Jugendliche die Fasnacht hauptsächlich in ihren eigenen Gemeinden erleben und die Bräuche lokal auch sehr unterschiedlich sind. Hier leisten unsere vorwiegend ländlichen Zünfte hervorragende Arbeit, indem sie in Kindergärten und Schulen den Kindern und Jugendlichen ihre eigene Dorffasnacht näher bringen und mittlerweile fast jede Zunft eine Kindernarrengruppe beziehungsweise eine Jungnarrengruppe betreibt. Wir unterstützen unsere Zünfte durch regelmäßige Vorträge und Foren zum Thema Brauchtum.

 

Wie sehen Sie die Narrenvereinigung Hegau-Bodensee aufgestellt? Gibt es genügend Nachwuchs?

Ich sehe uns personell momentan sehr gut aufgestellt mit kompetenten Präsidiumsmitgliedern, die unsere Zünfte qualifiziert und freundschaftlich beraten und betreuen. Wir haben den Vorteil, dass wir bei der Besetzung unseres Präsidiums auf eine breite Basis von 120 Zünfte zurückgreifen können. Trotzdem geht die generelle Entwicklung des nachlassenden Engagements im Ehrenamt auch an uns nicht spurlos vorbei. So sind wir zum Beispiel momentan auf der Suche nach einem geeigneten Nachfolger für den Landvogt einer unserer Landschaften.

 

Gibt es Annäherungen zu anderen Vereinigungen, wie die Schwäbisch Alemannische, oder sind die Unterschiede in der Auslegung des Brauchtums zu groß?

Mit den anderen Verbänden arbeiten wir an gemeinsamen Themen innerhalb der Arbeitsgemeinschaft südwestdeutscher Narrenverbände. Selbstverständlich gibt es nach wie vor Unterschiede in der Auslegung unserer Bräuche wie zum Beispiel beim Thema 11.11. als Fasnachtsauftakt oder aber bei Restriktionen hinsichtlich der Schaffung neuer Häser und Figuren. Hier gehören wir sicherlich zu den liberalsten Narrenvereinigungen Südwestdeutschlands. Die Annäherung ist aber auch eine Frage des Selbstbildes. Wir dürfen uns als Fasnachtsfunktionäre nicht für zu wichtig nehmen, denn Fasnacht ist immer noch eine Nebensache. Wenn uns das bewusst ist, ist auch Toleranz gegenüber etwas anderen Auffassungen kein Problem mehr. Hier hat sich in den vergangenen Jahren vieles verbessert.

 

Wie lässt sich Ihre Arbeit als Chef der Narrenvereinigung Hegau-Bodensee und der Spaß an der Fasnacht verbinden, den Sie als ausgesprochener Humorist haben?

Die Einschätzung "ausgesprochener Humorist" hab ich jetzt überhört. Ich bin in erster Linie Fasnachtsfunktionär und ich freue mich, in dieser Funktion Dienstleister unserer Zünfte sein zu dürfen. Aber an einigen Tagen der Fasnacht genieße ich es auch, ohne Ämterzwang, im Häs und mit Vollmaskierung die Fasnacht auszukosten.

 

Fragen: Albert Bittlingmaier

Person und Vereinigung

Rainer Hespeler ist verheiratet und hat zwei Söhne. Der Wirtschaftsingenieur arbeitet als Leiter des strategischen Vertriebs und Service des Singener Maschinenbauunternehmens Breyer. Seine Hobbies sind Musik, Segeln und Motorrad fahren. Mit fasnächtlichen Aktivitäten hat er bereits als Kind bei der Narrengemeinde Blumenzupfer in Singen begonnen. Über das Präsidentenamt bei der Narrenzunft Käfersieder Mühlhausen kam er zur Narrenvereinigung Hegau-Bodensee. Zunächst als Ordensmeister und im achten Jahr nun als Präsident. 120 Zünfte sind Mitglieder der Narrenvereinigung. Sie gehören zu den sechs Landschaften Nellenburg, Heuberg, Linzgau, Höri-Bodanrück, Rosenegg und Hegau-Randen. Die Narrenvereinigung wurde am 8. Februar 1958 in Volkertshausen gegründet. Seither ist die Anzahl der Zünfte stetig angewachsen. Es werden jährlich zwei große Narrentreffen und Freundschaftstreffen abgehalten. Die Vereinigung ist auch Herausgeber einer Narrenzeitung, die im SÜDKURIER-Medienhaus gedruckt wird. Daher besteht eine große Verbundenheit zwischen dem SÜDKURIER und der Vereinigung, die mit Empfängen im Medienhaus gepflegt wird.