Richard Herter wohnt in Singen und ist begeisterter Rennradfahrer. Aber ein Profi-Rennen auf dem Betonoval der Radrennbahn: Das hat der 44-Jährige bis jetzt noch nie miterlebt. „Ich bin passenderweise mit dem Rad aus der Nord- in die Südstadt gekommen“, sagt Herter und deutet lächelnd auf den Fahrradhelm, den er neben sich auf der Holztribüne abgelegt hat.

 

Video: Daniel Schottmüller

 

Einen besseren Tag hätte er sich für seine Tribühnen-Premiere nicht wünschen können. Fünf Olympiasieger und zahlreiche Weltmeister gehen an diesem Freitag bei der Auftaktetappe der Vier-Bahnen-Tournee an den Start. Gerade bewegen sich die Teilnehmerinnen des sogenannten Scratch-Rennens zur Startlinie. Angeschoben werden die 13 Damen von ihren Betreuern. Aufgrund der stark geneigten Fahrbahn müssen die Trainer ihre Schützlinge festhalten bis das Startsignal ertönt.

Die Fahrerinnen und Fahrer müssen sich vor dem Start an der Bande oder an ihren Betreuern aufstützen. Ansonsten wäre ein Start auf der steil geneigten Strecke nicht möglich.
Die Fahrerinnen und Fahrer müssen sich vor dem Start an der Bande oder an ihren Betreuern aufstützen. Ansonsten wäre ein Start auf der steil geneigten Strecke nicht möglich. | Bild: Sabine Tesche

Stürze können brutal sein

Danach gilt es, 40 Runden lang durchzuhalten. "Das Oval hier ist kürzer und steiler als andere Strecken", weiß Karl-Heinz Lutz. "Bei Geschwindigkeiten von bis zu 55 Kilometer pro Stunde kann ein Sturz richtig brutal ausgehen." Seit 10 Uhr ist der Mann mit dem Schnauzbart schon vor Ort. Und weil die Temperaturen im Laufe des Vormittags immer angenehmer wurden, hat der 71-Jährige die obersten Knöpfe seines Hemds aufgeknöpft. Für Lutz ist es nicht der erste Ausflug an die Singener Strecke. In den vergangenen 12 Jahren hat der Hobbyfotograf einige Rennen der Radrennsport-Interessen-Gemeinschaft Hegau (RIG) besucht.

Am Vormittag gibt es keine Stürze im Oval. Bei Geschwindigkeiten von bis zu 55 Stundenkilometern ist das nicht unbedingt selbstverständlich.
Am Vormittag gibt es keine Stürze im Oval. Bei Geschwindigkeiten von bis zu 55 Stundenkilometern ist das nicht unbedingt selbstverständlich. | Bild: Sabine Tesche

Auch wenn Karl-Heinz Lutz bereits so exotische Disziplinen wie Zehnkampf und Wasserball mit seiner Sportkamera festgehalten hat, ist der Bahnradsport für ihn etwas besonderes. "Schade, dass die Zahl der Rennen in den vergangenen Jahren immer mehr abnimmt", bedauert der Rentner. "Das ist nicht wertend gemeint – aber ich glaube junge Leute gehen heute eher ins Fitnessstudio als in einen Sportverein." Ein Knall unterbricht seine Überlegungen. Das Scratch-Rennen hat begonnen. Bereits auf den ersten Metern treten die Sportlerinnen kräftig in die Pedale. Dabei bleibt der 13-köpfige Pulk eng beisammen. Noch sind acht Kilometer zu fahren und niemand will bei einem verfrühten Ausreißversuch Pulver verschießen. Die Fahrerinnen taktieren.

Mehr Tempo als auf der Straße

Lilli Wissert und Maximilian Boos wissen, wie sich das anfühlt. Heute tragen die Jugendlichen rote Helfer-T-Shirts, aber normalerweise sind beide im Renn-Dress der RIG unterwegs. Maximilian dreht mindestens einmal pro Woche seine Runden auf der Bahn – vor Wettkämpfen erhöht er die Schlagzahl auf bis zu vier Trainingseinheiten. Gerade genießt der 16-Jährige allerdings die Zuschauerrolle. "Im Gegensatz zu Straßenrennen ist die Geschwindigkeit viel höher – und man sieht die Fahrer durchgehend", freut er sich. Lilli hätte heute an den Start gehen sollen. Die 13-Jährige fühlte sich dann aber doch noch nicht sicher genug auf der Strecke: "Um nicht vom Rad zu fallen, braucht man eine hohes Grundtempo und mehr Kontrolle als bei Straßenrennen", erklärt die Nachwuchssportlerin.

Der Lokalmatador fährt vorne weg: Der Geschäftsführer des Singener Maggiwerks, Martin Ruepp, im grün-schwarzen Trikot.
Der Lokalmatador fährt vorne weg: Der Geschäftsführer des Singener Maggiwerks, Martin Ruepp, im grün-schwarzen Trikot. | Bild: Sabine Tesche

Lilli ist nicht die einzige, die auf eine Teilnahme verzichtet. "Wir mussten in diesem Jahr fast 70 Sportlern absagen", berichtet Organisator Henry Rinklin. Der Grund: Das Zweiermannschaftsfahren wird für Männer wieder und für Frauen erstmals olympische Disziplin. Deshalb müssen die Athleten Qualifikationspunkte sammeln. Dazu sind sie aus Russland, den USA, Kanada und ganz Europa in den Hegau gekommen. "Zum Glück hat das Wetter gehalten", zeigt sich Rinklin erleichtert. "Sonst wären die ganzen Vorbereitungen seit September umsonst gewesen." Zehn Meter entfernt läutet Helmut Schelle die letzte Runde ein. Die Damen ziehen den Endspurt an. Das Endergebnis ist deutlich. Mit Abstand überquert die Spanierin Eukene Larrate als erste die Ziellinie.

 

 

Heisse Reifen und keine Bremsen: Das macht den Bahnradsport so besonders

Der Bahnradsport umfasst Radrennen, die statt auf der Straße auf einer speziellen Rennbahn ausgetragen werden. Diese wird gegen den Uhrzeigersinn befahren. Seit 1893 gibt es Weltmeisterschaften, olympisch ist der Sport seit dem Jahr 1896

  • Das Rad: Wegen der hohen Geschwindigkeit und den in den Kurven herrschenden Fliehkräften müssen Bahnräder besonders stabil sein. Um die Gefahr von Stürzen zu verringern, haben die Fahrzeuge weder Freilauf noch Bremse – der sogenannte starre Gang ist vorgeschrieben. Er bewirkt, dass beim Fahren permanent mitgetreten werden muss. Das Tretlager der Bahnräder ist im Vergleich zu Straßenrennrädern um zwei bis vier Zentimeter nach oben verlagert. So soll bei bestimmten Lenkmanövern ein Aufschlagen mit den Pedalen auf die Bahn verhindert werden.
  • Stürze vermeiden: Um nicht aufeinander aufzufahren, weichen sich die Fahrer gegenseitig aus – vor allem nach rechts, weil durch die Bahnüberhöhung dann sofort die Geschwindigkeit verringert wird. Im Notfall kann die Fahrgeschwindigkeit durch „Abkontern“ – mit Muskelkraft gegen das sich drehende Pedal halten – verringert werden.
  • Die Sitzposition: Die Position des Fahrers ist auf dem Bahnrad in der Regel stärker gebeugt. Es wird im Wettbewerb fast ausschließlich in der „Unterlenker-Haltung“ gefahren. Wegen des hohen Drucks in den Kurven und um bei dauernder Unterlenker-Haltung eine bequemere Haltung der Hände am Lenker zu ermöglichen, drehen viele Fahrer die Lenker-Enden stärker nach unten, sodass gegenüber den üblichen 15 bis 25 Grad Neigung oft Neigungen bis zu 45 Grad anzutreffen sind. Ebenso ist es beliebt, den Sattel mit deutlicher Neigung der Spitze nach unten zu montieren.
  • Über Singen nach Olympia: Das Rennen in Singen stellt nur den Auftakt der internationalen Vier-Bahnen-Tournee dar. Als nächstes gehen die Athleten am 19. Mai in Öschelbronn, am 20. Mai in Oberhausen und schließlich am 21. Mai in Dudenhofen an den Start. Bei den vier Rennen werden Weltcup-Punkte vergeben, die über die Teilnahme an den olympischen Spielen 2020 in Tokio entscheiden. (das)