Es gehört zu den letzten wirklich geschützten Räumen der freien Rede: Im Auto wird nach Herzenslust zum Radio-Sound mitgesungen, hier entstehen im Selbstgespräch die Entwürfe für große Reden, vor allem aber wird hemmungslos geschimpft und geflucht – und in Singen gibt es einen Straßenabschnitt, auf dem Kraftausdrücke eine geradezu paradiesische Blütenvielfalt erleben. Es ist der Bereich der Rielasinger Straße, auf dem zwischen 22 und 6 Uhr Tempo 30 gilt.

Ein Beispiel aus dem Alltag

Szenen-Beschreibung: Es ist Nacht, ungefähr Viertel nach elf. Die Rielasinger Straße ist so gut wie frei, ein Autofahrer versucht des Tempo-Limit einzuhalten. Das ist nicht einfach, die Tacho-Nadel zittert und deshalb bleibt der übervorsichtige Fahrer sogar deutlich unter der 30er-Marke. Das stört den Fahrer eines hintendran befindlichen Autofahrers, der seinerseits fürs Überholen arg beschleunigen müsste. Beim Blick in den Rückspiegel sind Lippenbewegungen des Hintermanns zu erkennen: Er formt ein Wort, dessen erste Silbe von einen A dominiert wird, bei der zweiten handelt es sich offensichtlich um ein O...

Voraussichtlich im Mai wird die Strecke des Fluchens deutlich verlängert. Auf Beschluss des Singener Gemeinderats wird das nächtliche Tempo-30-Limit in der Rielasinger Straße zusätzlich jenseits der Georg-Fischer-Straße (Friedrich-Ebert-Platz) bis zum südlichen Ortsende (Einmündung "Am Heidenbühl") gelten und auch auf dem Abschnitt zwischen Schaffhauser- und Schlachthausstraße darf künftig in der Nacht nur noch mit einer maximalen Geschwindigkeit von 30 Kilometern in der Stunde gefahren werden. Damit gilt für die in nordsüdlicher Richtung verlaufende Durchgangsstraße in der Kernstadt zwischen 22 und 6 Uhr durchgängig die Tempo-30-Grenze.

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Klares Votum der Stadträte

Eine Diskussion darüber fand im Prinzip nicht statt. Lediglich Angelika Berner-Assfalg stimmte gegen die Ausweitung des nächtlichen Tempo-30-Bereichs, wobei die CDU-Stadträtin auf eine Erklärung ihrer Ablehnung verzichtete. Alle anderen Stadträte befürworteten die Vorschrift zur Geschwindigkeitsbegrenzung und sie hätten diese schon viel früher umgesetzt, wenn sie dazu in der Lage gewesen wären. Doch bei der Straße handelt es sich um eine Landesstraße und hier entscheidet das Regierungspräsidium Freiburg über die Regeln.

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Bisher hatte die Behörde eine Ausweitung der Temo-30-Zone mit Verweis auf das vergleichsweise geringe Verkehrsaufkommen in der Nacht verweigert, auch eine erhöhte Gefahrenlage mochte man in Freiburg nicht erkennen. Inzwischen jedoch sind die Verkehrsbeschränkungen auch aus Gründen des Lärmschutzes möglich und so überließ das Regierungspräsidium die Entscheidung schließlich dem Gemeinderat.

Für diesen rangiert das Recht der Anwohner auf Nachtruhe an erster Stelle. "Lärm macht krank", ist beispielsweise Eberhard Röhm (Grüne) überzeugt und Hubertus Both (Freie Wähler) sowie Dirk Oehle (Neue Linie) verwiesen dazu auf klare Botschaften von Bürgern, die an der Durchgangsstraße wohnen. Marion Czajor (Neue Linie) bat zudem um die Kontrolle bei der Einhaltung des Tempo-Limits in Form von Blitzern. Kirsten Brößke (FDP) regte ferner die Durchforstung des Schilderwaldes entlang der Strecke an – auf dass die Tempo-30-Vorgabe von den Verkehrsteilnehmern nicht übersehen werde.

Und was ist mit den Auspuffklappen?

Ein anderes Problem freilich bleibt der Stadt erhalten. Dieter Rühland (Neue Linie) und Walafried Schrott (SPD) wiesen auf den an Körperverletzung heranreichenden Krach von Auspuff-Klappenanlagen hin, bei denen die Geschwindigkeit keine Rolle spielt. Dagegen aber ist die Stadt machtlos, zuständig ist hier die Bundespolitik – und die kann sich aus unerklärlichen Gründen bislang nicht zu einer Gesetzesinitiative zum Verbot solcher Anlagen durchringen.