Die Qualität des Marketings misst sich daran, wie mit relativ geringem Aufwand größtmögliche Effekte erzielt werden. Was das anbelangt, haben es Claudia Kessler-Franzen und Gerd Springe vom Standortmarketingverein "Singen aktiv" nach 16 Jahren zur Meisterschaft gebracht. Gut, das Duo tritt am Donnerstagabend bei der Abendgesellschaft in der Singener Stadthalle einigermaßen altbacken auf. Ihre Präsentation wirkt bieder, die beiden lesen vom Blatt und auch die abwechselnde Rede kommt allzu einstudiert daher. Dennoch, der Effekt ist grandios.

Video: Tesche, Sabine

Woran liegt's? Wie bei jedem wirklichen Erfolg liegt das Geheimnis in seiner Einfachheit. Claudia Kessler-Franzen und Gerd Springe listen im nüchternen Ton die aktuellen Daten der Stadt auf, heben den Bildungsstandort mit 18 Schulen hervor, erinnern an die hinlänglich bekannten Investitionen der Wirtschaft etwa für die Herstellung des weltweit bedeutsamen Impfstoffs gegen das Dengue-Fiebers, kommen mal so nebenbei auf den derzeitigen Neubau von 454 Wohnungen in der Stadt oder erwähnen mit dem zweiten Museum "Art & Cars" den Bedeutungszuwachs Singens als überregional bedeutsamer Kulturstandort.

Das alles klingt für sich genommen langweilig, die Addition der Daten aber hebt die Gefühlslage im Saal auf ein deutlich höheres Niveau. Spätestens nach Zweidritteln der Rede tut sich was im Gemüt und wie bei Paul Potts legendärem Auftritt stimmt etwas in den Zuhörern zum Jubelgesang an: Mein Gott, so der geistige Refrain, wie lebt sich's nur toll unterm Hontes!

Henning Beck: Mit einem Strich und einem Kreis veranschaulicht er die Grenzen von Computern.
Henning Beck: Mit einem Strich und einem Kreis veranschaulicht er die Grenzen von Computern. | Bild: Tesche, Sabine

Apropos Daten: Als wäre es abgesprochen, handelt der Vortrag von Henning Beck just davon, was sich in den Köpfen abspielt, wenn man sie denn in Gang setzt. Die Erläuterungen des Hirnforschers zur "Biologie des Geistesblitzes" beginnen ebenfalls mit der Präsentation von Datensammlungen – etwa mit dem Kapazitätsvergleich von Computern und menschlichen Gehirnen. Doch schon bald mutiert der Vortrag in eine rasante Jonglage, die im Oberstübchen der Zuhörer die Lust am Gedankenspiel freisetzt.

Frage: Was ist Kreativität?

Das läuft auf ein schon zu Beginn klar definiertes Ziel hin. "Daten gelten als das schwarze Gold des 21. Jahrhunderts", sagt Henning Beck, "doch für sich genommen sind sie tot." Das ahnt man sowieso, aber die Illustration an einfachen Beispielen tut ausgesprochen gut. Herrlich, wie Henning Beck die vermeintliche Allmacht in die tatsächliche Ohnmacht des Computers überführt, weil das Software-Programm zu dumm für die Erkennung von Blume, Baum und Wiese oder Kind, Vater und Familie ist. Der Referent stellt sie in Form von identischen Symbolen vor, doch erst durch den kommunikativen Kontext ergibt sich das jeweilige Verständnis.

Auch hier – wie schon bei der Vorrede von Claudia Kessler-Franzen und Gerd Springe – stellt sich der Frage, woran's denn liegen mag, und auch jetzt ist die Antwort denkbar einfach. Die Beschränktheit der Computer liegt nach Ansicht von Henning Beck in der Unfähigkeit zu Fehlern. Diese aber hält er Hirnforscher für den Grundstoff von Ideen, die wiederum die Basis für die Entwicklung neuer Produkte darstellen. "Computer sind unschlagbar, wenn es um die Beherrschung von Regeln geht", sagt er – aber was passiert, wenn ein Mensch beispielsweise die Regeln etwa beim Schachspiel verändert?

Antwort: Mach's einfach!

Klar, nicht jede Idee wird ein Hit. Und doch ist die menschliche Anlage zur Kreativität das Element, aus dem sich die Überlegenheit zur Intelligenz der Computer ergibt. Voraussetzung dafür ist die Inbetriebnahme des Hirns: "Nicht der perfekte Plan ist entscheidend", so rät Henning Beck den Zuhörern, "sondern dass wir es machen."

 

Thesen eine Hirnforschers

"Computer sind heute genauso dumm wie früher. Heute sind sie nur ein bisschen schneller dumm."

Henning Beck, über die Geschichte der Angst vor Computern

"Meine Sorge ist nicht, dass Computer denken wie Menschen. Meine Sorge ist, das die Menschen anfangen so zu denken wie Computer."

Henning Beck, über die Gefahren der Anpassung

"Ideen entstehen beim Abschweifen. Computer können das nicht, sie arbeiten durch. Deshalb kommen sie nicht auf Ideen."

Henning Beck, über den Nutzen der Muße

"Wir sind langsam, uneffizient, machen Fehler. Das macht uns zu Menschen."

Henning Beck, über menschliche Qualitäten