Der Trainer ist der Chef. Jeder, der schon mal Trikot, Shorts und Stutzen getragen hat, kennt diesen Satz. Es ist ja auch vieles Wahres dran: Wie ein Firmenchef stellt sich der Coach sein Team zusammen. Wer Leistung bringt, wird gelobt und wer schlecht abschneidet, muss damit rechnen, auf den Deckel zu bekommen. Im besten Fall ist der Vorgesetzte ein guter Motivator mit feinem Gespür für die Stärken und Schwächen seiner Belegschaft. Das gilt im Büro und auf dem grünen Rasen – für den Premier-League-Coach genauso wie für den Schichtleiter bei Amcor, den SÜDKURIER-Chefredakteur oder den Oberbürgermeister. Am Ende sind sie alle gleich. Oder etwa nicht?

Die Wahrheit liegt bekanntlich auf dem Platz. Und deswegen lohnt sich ein Blick auf die Dokuserie „All or Nothing“, die die Scheinwerfer auf einen ganz besonderen Chef(trainer) richtet: Pep Guardiola. Eine Saison lang darf der Zuschauer dem Meistercoach von Manchester City über die Schulter spähen. Kabinenansprachen, Trainingseinheiten und Einzelgespräche, nichts bleibt den Kameras verborgen. Gottseidank. Denn die Einblicke in Guardiolas Arbeitsweise liefern perfektes Lehrmaterial für die Schulung künftiger Führungskräfte.

Lektion 1: Anpacken. Nur wer Körperkontakt herstellt, kann wirklich auf seine Untergebenen einwirken. Ihr Mitarbeiter wirkt lustlos? Statt auf seinen Bildschirm, blickt er immer wieder auf die Uhr und wartet offensichtlich nur darauf, um Punkt 16 Uhr in den Feierabend zu verschwinden? Dann machen Sie es wie Pep: Rütteln Sie ihn auf. Im Idealfall umfassen Sie seinen Kopf mit beiden Händen. Blicken Sie ihm tief in die Augen und brabbeln Sie auf ihn ein. Die Sprache der Motivation ist ein Mix aus Englisch, Spanisch und Deutsch – hervorgestoßen in rasantem Tempo. Wichtig ist nicht, dass ihr Mitarbeiter Sie versteht: Es reicht, wenn er das Gefühl hat, dass Sie wissen, von was Sie sprechen. Wie damals Joshua Kimmich beim FC Bayern, wird er sich mit einem Leistungsschub bei Ihnen bedanken.

Lektion 2: Anstacheln. Ihr Mitarbeiter hat nicht die Stückzahl abgeliefert, die Sie von ihm erwarten? Nehmen Sie sich ein Beispiel an Guardiola. Wie hat der reagiert als Raheem Sterling in einer Halbzeit gleich zwei Großchancen vergab? Richtig, er hat sich den Stürmer geschnappt (siehe Lektion 1) und ihm immer wieder gesagt, dass er tief enttäuscht von ihm ist. Ihr Mitarbeiter muss spüren, dass eine negative Aktion eine negative Reaktion auslöst. Nur so kann Positives entstehen. Sterling traf übrigens im nächsten Spiel direkt nach dem Anstoß.

Lektion 3: Abfeiern! Ihre Mitarbeiter müssen intuitiv begreifen, dass Einsatz für das Team mit einer Fiesta belohnt wird. Sind Sie besonders zufrieden mit der Zeitungsausgabe, die Ihre Redakteure abgeliefert haben? Dann spielen Sie spanische Reggaeton-Lieder in der Kabine – Verzeihung, der Konferenzzone – ab. Gehen Sie gestenreich vor Ihren Mitarbeitern in die Knie. Salutieren Sie. Ziehen Sie einen imaginären Hut. Und wiederholen Sie dabei immer wieder den Satz: "Guys, you are the fucking best!"

Der Trainer ist der Chef. Das ist bekannt. Aber, wenn die Guardiola-Dokumentation eines beweist, dann, dass Chefs, zumindest ab und zu, auch mal Trainer sein müssen.