Sucht hat viele Gesichter und kann jeden treffen. "Betroffen sind Aussiedler, Intellektuelle, Beamte oder Schichtarbeiter. Sucht ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft", sagt Lars Kiefer als Leiter der Fachstelle Sucht im Gebäude DAS 1. 732 Menschen mit Suchtproblemen oder deren Angehörige haben 2017 in der Singener Fachstelle Hilfe in Anspruch genommen. Damit weist der Jahresbericht eine stabile Zahl auf. Jeder fünfte Betroffene hat sich für eine Therapie entschieden, im Verhältnis ein extrem hoher Anteil, sagt Kiefer.

Das Ergebnis sei auch den kompetenten Mitarbeitern zu verdanken. Insgesamt zehn Fachkräfte sind zuständig in den Bereichen Prävention (Seminare, Workshops, Schulungen), Beratung und Information für Betroffene und Angehörige bei Problemen mit Alkohol, Medikamenten, Nikotin oder Glücksspiel sowie die Behandlung mit Vermittlung in stationäre Reha-Aufenthalte und ambulante Nachsorge.

Rapide zugenommen habe die Mediensucht. Online-Angebote im Internet wie soziale Netzwerke, Teilnahme an Wetten oder Videospiele würden schnell zur Sucht. Denecke nennt das Beispiel eines 14-Jährigen, der in der Woche bis zu 70 Stunden an einem virtuellen Fußballspiel teilnahm, an dem sich Spieler aus der ganzen Welt beteiligen: "Um sich in die ersten Ränge zu spielen, ist es wichtig, immer dabei zu sein. Egal zu welcher Zeit und wo man sich gerade befindet." Der zeitliche Umfang könne von den Betroffenen nicht mehr kontrolliert werden, so Denecke.

Über einen Zeitraum bis zu 18 Monate werden Patienten begleitet und ein Jahr nach Beendigung der Therapie angeschrieben. Mit Schwerpunkt ambulante Therapie kann Christian Denecke von einem Erfolg sprechen: "Mindestens 50 Prozent bleiben abstinent. 25 Prozent von denen, die es nicht schaffen, kommen wieder." Sensibilisieren und informieren sei die Maxime.

Auch im Bereich Prävention wurden 2017 mit 3066 Personen so viele Menschen erreicht wie noch nie. Das sei bedingt durch die steigende Anfrage an betrieblichen Seminaren und durch zahlreiche Elternabende in Kindergärten und Schulen. Mit dem Angebot "Aufwind" richtet sich die Fachstelle mit wöchentlichen Treffen an Kinder aus suchtbelasteten Familien. "In der Gruppe können sie über ihre Ängste und Sorgen reden und sich so entlasten", das helfe einer eigenen späteren Abhängigkeitsentwicklung vorzubeugen.

Es bestehe auch ein Zusammenhang zwischen Kreativität und Sucht: "Beides liegt nah beieinander. Sucht ist ein Problem, das viele Künstler begleitet", weist Lars Kiefer auf eine Ausstellung mit Arbeiten der ambulanten Kunsttherapiegruppe und weiteren Künstlern aus der Region hin. Zu sehen sind die Arbeiten zur Museumsnacht im September, verbunden mit einem Tag der offenen Tür in den Räumen im Gebäude DAS 1.