Hin und wieder schaut ein neugieriges Gesicht aus dem Fenster, als das städtische Blasorchester gefolgt von den Teilnehmern des Gewerkschaftszuges mit ihren roten Fahnen durch die verschlafene Singener Innenstadt zieht. Die Musiker geben alles, um auf den Marsch und die anschließende Kundgebung zum 1. Mai in der Scheffelhalle aufmerksam zu machen. Aber das Interesse der Bürger ist am Morgen noch verhalten. Dabei geht es um viel. "Europa. Jetzt aber richtig!" lautet das Thema, das sich die Arbeitnehmervertreter kurz vor der Kommunal- und Europawahl am 26. Mai vorgenommen haben.

Kirche und Gewerkschaft ziehen an einem Strang

Auch in den ökumenischen Gottesdienst in der Herz-Jesu-Kirche haben sich nur wenige Besucher verirrt. "Welchen Beitrag können wir Christen heute leisten, um Europa ein menschliches Gesicht zu geben", fragt die evangelische Pfarrerin Andrea Fink in ihrer Predigt. Die sozialen Belange, menschenwürdige Arbeitsbedingungen seien unter anderem eine Voraussetzung für Frieden und Gerechtigkeit. Um diese Themen und die Belange der Beschäftigten kümmert sich im Hegau der "Arbeitskreis Kirche und Arbeitswelt" schon seit Längerem. Aber das Erreichte, der Friede und die Demokratie seien durch den aufkeimenden Rechtspopulismus in Gefahr, warnt auch Pfarrer Bernhard Knobelspies.

Später soll Klaus Mühlherr, der für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft spricht, an das 70 Jahre alte Grundgesetz erinnern: die Würde des Menschen, zu der auch das Recht auf Bildung und auf bezahlbaren Wohnraum gehören. Und der Jugendvertreter der IG Metall, Moritz Vorast, fordert bessere Ausbildungsbedingungen ein. Diese fielen der Profitgier der Großunternehmer zum Opfer. Vorast punktet bei den überwiegend älteren Genossen mit markigen Sprüchen.

Klare Ansage gegen Rechtsaußen

Nun ist es ein Leichtes für die Tarifsekretärin der IG Metall Baden-Württemberg, Barbara Resch, in ihrer Mairede für ein transformiertes, modernes Europa einzutreten. Sie bezeichnet den Rechtspopulismus eines Wolfgang Gedeon (AfD) als geistige Brandstiftung.

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Dem müsse mit Solidarität mit den Ärmsten in der Europäischen Union begegnet werden. Gerechte Löhne, eine Reform der Asylpolitik, überhaupt eine grundlegende Reform der Wirtschaft- und Währungsunion seien nur einige Bausteine, die zum Erfolg der Europäischen Union beitragen könnten. So geriet die Kundgebung, ebenso wie das Fest vor der Halle mit den zahlreichen Parteienständen zu einem großen Wahlkampf.