9.55 Uhr: Jetzt muss es schnell gehen. Eine Schülergruppe aus Hilzingen ist vor dem Karstadt-Gebäude eingetroffen. Eilig packen die Jugendlichen Stabilos, Eddings und Pappschilder aus. Unmittelbar bevor die Abschlussdemo der von den Fridays-for-Future-Aktivisten organisierten Week4Climate startet, werden die letzten Protestplakate fertiggestellt.

„Für mich ist meine Zukunft wichtiger als meine Deutschnote, deshalb streike ich auch während der Schulzeit.“ Senem Koca, 15 Jahre
„Für mich ist meine Zukunft wichtiger als meine Deutschnote, deshalb streike ich auch während der Schulzeit.“ Senem Koca, 15 Jahre | Bild: Anina Kemmerling

Zwei Frauen mittleren Alters haben sich in der Zwischenzeit rote Kreide geschnappt: „Heal the World“ schreiben sie auf den Asphalt. „1Love, 1Heart“. Was das wohl bedeutet? Ein älterer Herr mit Schnauzbart und Brille versucht interessiert, die geschwungenen Buchstaben zu entziffern. Die Stimmung ist gut. Es liegt Vorfreude in der Luft.

Sieben Tage für das Klima

10 Uhr: Noch stehen die etwa 300 Aktivisten aus dem Hegau, Radolfzell und Konstanz grüppchenweise beieinander. Gleich soll es aber zum Heinrich-Weber-Platz gehen. Die Demo durch die Innenstadt bildet den Abschluss einer ganzen Woche im Zeichen des Klimaschutzes.

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In den vergangenen sechs Tagen haben sich die Aktivisten aufs Rad geschwungen, sie sind Zug gefahren und haben Müll gesammelt. Sie haben sich über Nachhaltigkeit informiert und sich auf der Konstanzer Marktstätte wie tot zu Boden fallen lassen. Jetzt wollen sie noch einmal gemeinsam demonstrieren: für eine nachhaltige Klimapolitik, für die Einhaltung des Pariser Abkommens.

Aufspringen gegen Kohle

10.10 Uhr: Philipp Witte schnappt sich ein Megafon. Wären wir nicht auf einem Klimaprotest wäre man geneigt, ihn als Einheizer zu beschreiben.

Bild: Tesche, Sabine

“Wer nicht hüpft, der ist für Kohle – hey, hey!“, ruft der 20-Jährige, um dann lächelnd, an die Erwachsenen gerichtet, hinterher zu schieben: „Es reicht auch, wenn sie einfach mitklatschen.“

Bild: Tesche, Sabine

Jürgen Obholzer folgt diesem Vorschlag gerne. Der 70-Jährige wohnt in Kreuzlingen und ist mit dem Seehas angereist. Er beklagt das, was er als „Zuvielisation“ beschreibt: „Klar, bin auch ich dankbar für Erfindungen wie die Klospülung“, meint er mit einem Zwinkern. „Aber generell hängen wir zu sehr an alten Gewohnheiten. Wir müssen lernen, gesünder zu leben.“

Der Zug zieht los

10.15 Uhr: Der Protestmarsch setzt sich in Bewegung. Vorne weg Jugendliche aus Singen, die das Fridays-for-Future-Banner hochhalten. „Wir streiken bis ihr handelt“, skandieren sie. Auch tiefere Stimmen sind aus dem Chor herauszuhören. „Heute sind mehr Erwachsene da als sonst“, so der Konsens.

„Es ist mehr als nur traurig, dass 16-Jährige den Job der Politiker erledigen müssen. Die Politik zieht sich aus der Verantwortung.“ Gernot Wegele, 41 Jahre
„Es ist mehr als nur traurig, dass 16-Jährige den Job der Politiker erledigen müssen. Die Politik zieht sich aus der Verantwortung.“ Gernot Wegele, 41 Jahre | Bild: Anina Kemmerling

Deutlich wird das am Ende des Zugs, wo ein Mann ein Liegefahrrad vor sich herschiebt. Ihm folgen drei Mütter mit Kinderwägen. Auf seinem Weg vorbei an der Deutschen Bank, dem Modegeschäft Heikorn und dem McDonald’s zieht der Zug an so manchem verdatterten Gesicht vorüber.

Video: Schottmüller, Daniel

Andere lächeln. Eine Verkäuferin tritt aus ihrem Laden, um die Demonstranten zu filmen. Als diese die von Polizisten gesicherte Straßenquerung an der Ekkehardstraße erreichen, bleiben sie plötzlich stehen.

Sitzblockade an der Ekkehardstraße

10.35 Uhr: Benjamin Janke, einer der Organisatoren aus Singen, ergreift das Wort: „Wir wollen heute auch ein Zeichen gegen den Individualverkehr setzen“, sagt der 16-Jährige. „Deshalb bitte ich euch, zwei Minuten sitzen zu bleiben.“ Ein Fußgänger nimmt die Sitzblockade schnaubend zur Kenntnis.

Video: Schottmüller, Daniel

Ein Rollerfahrer, der von den abwechselnd sitzenden und wieder aufspringenden Jugendlichen am Vorbeifahren gehindert wird, hält dagegen den Daumen hoch: „Ich hab‘ Zeit“, meint er. „Ich finde gut, dass die Jungen etwas machen. Nur glaub‘ ich nicht, dass sich etwas ändern wird...“

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Keine Zeit mehr

10.45 Uhr: Am Heinrich-Weber-Platz angekommen bringt Grünen-Landtagsabgeordnete Dorothea Wehinger, die den Zug begleitet hat, die Sprache auf die Atomkraftproteste der Achtziger-Jahre.

Bild: Tesche, Sabine

Ein langsamer Veränderungsprozess sei damals in Gang gesetzt worden. „Diese Zeit haben wir heute nicht!“

Das sehen die jugendlichen Redner ähnlich. Sie kritisieren das von der Bundesregierung verabschiedete „Klimapaketchen“, ermuntern sich aber auch gegenseitig – zum Beispiel zum Verzicht auf Fleisch, Kurzstreckenflüge und Plastik.

Video: Schottmüller, Daniel

Der Abschluss als Anfang

11.20 Uhr: Zurück am Karstadt zeigt sich Mitorganisatorin Amina Trautmann dankbar für all die Menschen, die sich dem Protest in den vergangenen Tagen angeschlossen haben. Wie es jetzt weitergeht? „In Singen werden wir den Gemeinderatsfraktionen konkrete Forderungen vorstellen“, erklärt die 16-Jährige. Die Aktionswoche mag vorbei sein – der Kampf für den Klimaschutz geht weiter.

Bild: Tesche, Sabine