Cornelia Hentschel war einigermaßen überrascht. Kurz vor der Sommerpause erhielt die Dramaturgin der "Färbe" den Auftrag für einen zweiten Dokumentationsband über die Geschichte des Singener Privattheaters. Auftraggeber war der Förderverein des Theaters mit Veronika Netzhammer an der Spitze – und Cornelia Hentschel sowie der Impressario des Theaters, Peter Simon, ließen sich nicht zwei Mal bitten. Warum auch? Üblicherweise wird bei kleinen Theatern um jeden Euro hart gekämpft und also wurde (neben der Vorbereitung des neuen Spielplans) in der Sommerpause emsig an der Dokumentation gearbeitet. Am Donnerstag, 18. Oktober, wird sie bei einem Fest aus Anlass des 40jährigen Färbe-Bestehens vorgestellt.

Der erste Band, herausgegeben im Jahr 2003 zum 25jährigen Bestehen des Theaters, war der Versuch, ein Vierteljahrhundert Theatergeschichte in der Industriestadt Singen in Bildern zu erzählen. Band II illustriert nun die nachfolgenden 15 Jahre der Färbe-Geschichte, wiederum als Würdigung der Theaterfotographie und Reminiszenz an zahlreiche Programmhefte. Die Auflage ist auf 700 Exemplare limitiert, ein Band kostet 29 Euro und wird im Anschluss an das Festprogramm auf Wunsch von den Herausgebern signiert.

„Warten auf Godot“ von Samuel Beckett 1978 mit (v.l.) Regula Bill, Peter Simon, Alexander Tibes und Dieter Junck.
„Warten auf Godot“ von Samuel Beckett 1978 mit (v.l.) Regula Bill, Peter Simon, Alexander Tibes und Dieter Junck. | Bild: Bruno Bührer

Überregionale Bedeutung

Aus beiden Bänden wird die überregionale Bedeutung der Färbe ersichtlich. Auf der Bühne standen und stehen durchweg Profis, die ihrerseits voll des Lobes über das Theater in Singen sind. Zum Beispiel Robert Spitz, der in den 80er Jahren das von Peter Simon für die Singener Bühne bearbeitete Stück "Zeitweh" von Franz Xaver Kroetz schauspielerisch umsetzte. "Ich kam da hin und traf auf ein kleines, feines und profiliertes Theater", so erinnert sich Robert Spitz, der seine Arbeit bei der Färbe aus heutiger Sicht "fast wie eine Liebesgeschichte" sieht. Sechs, sieben Stücke hat er gemeinsam mit Peter Simon erarbeitet und das "war für mich nichts weniger als eine Weichenstellung für die berufliche Laufbahn". Es folgten Angebote von anderen Bühnen, unter anderem der Schauburg München, und Robert Spitz folgte diesem Ruf.

"Dass die Färbe nicht nur vom Land, sondern auch von der Stadt Singen unterstützt wird, macht das Ganze zu einem Leuchtturm in der Theaterlandschaft."<br><br>
<b>Robert Spitz</b>
"Dass die Färbe nicht nur vom Land, sondern auch von der Stadt Singen unterstützt wird, macht das Ganze zu einem Leuchtturm in der Theaterlandschaft."

Robert Spitz | Bild: Robert Spitz

Der 1955 geborene Schauspieler, der heute auch als Schauspielcoach und Regisseur tätig ist, sieht in der Färbe allerdings nicht nur ein Sprungbrett für den eigenen beruflichen Werdegang. Mit der Landesförderung kleiner Theater nehme Baden-Württemberg eine Ausnahmerolle wahr, was ein ganz anderes Arbeiten als in anderen Bundesländern ermögliche. "Hier sind Angestelltenverhältnisse möglich", sagt er, "während in anderen Ländern die Schauspieler über Honorarverträge am Rande des Prekariats leben." Durch die Förderung könnten die Theater ein eigenes Format entwickeln und er zieht zugleich den Hut vor der Stadt Singen. "Ihre Unterstützung macht die Färbe erst recht zu einem Leuchtturm in der Theaterlandschaft."

Geruch von Gutedel und Pfeifenrauch

Der Einfluss der Färbe auf die Lebensgeschichte und berufliche Entwicklung geht auch aus der Stellungnahme von Klaus Hemmerle hervor. "Gleich in der ersten Spielzeit", so schreibt er, "bei der zweiten Produktion des Stücks ‚Unter Aufsicht‘ von Jean Genet, stand ich im Frühjahr 1979 zum ersten – und bisher einzigen – Mal auf der Färbe-Bühne. Es war zwischen mündlichem und schriftlichem Abitur, Peter Simon hatte mich im Schultheater am Hegau Gymnasium entdeckt und mir eine kleine Rolle angeboten. Ich schnupperte zum ersten Mal Theaterluft – sie roch nach Gutedel und Pfeifenrauch – und war begeistert von der intensiven Probenarbeit. Es war der Beginn meines Theaterlebens."

"Ich scnupperte in der Färbe zum ersten Mal Theaterluft. Sie roch nach Gutedel und Pfeifenrauch – und ich war begeistert von der intensiven Probenarbeit."<br><br>
<b>Klaus Hemmerle</b>
"Ich scnupperte in der Färbe zum ersten Mal Theaterluft. Sie roch nach Gutedel und Pfeifenrauch – und ich war begeistert von der intensiven Probenarbeit."

Klaus Hemmerle | Bild: Thomas Nideröst

Die Färbe habe sein Leben verändert, so das Resumée von Klaus Hemmerle. Entsprechend hat er sich im vergangenen Winter über den Auftrag zur Inszenierung von Friedrich Dürrenmatts "Die Physikern" an der Färbe gefreut. Wie Richard Spitz hebt Klaus Hemmerle die Bedeutung von Theatern wie der Singener Färbe hervor. "Die deutsche Theaterlandschaft ist in ihrer Vielfalt einzigartig auf der Welt. Ein leidenschaftlich und liebevoll geführtes kleines Haus wie die Färbe ist seit 40 Jahren ein Geschenk für Singen und trägt die kulturelle Identität dieser Stadt mit. Wie viele tausend angeregte, hitzige und eindrückliche Abende haben die Singener und ihre Gäste aus der näheren und weiteren Umgebung in diesem Theater verbringen können!"

Wo man fürs Leben lernt

Ebenfalls voll des Lobes ist Dominique Lorenz. Direkt nach der Schauspielschule begann sie Anfang der 1990er Jahre in der Färbe und "die zwei Jahre waren die intensivste Theaterzeit meines Lebens". Einer der Gründe: Arbeitsteilung bestand nur bedingt, in dem Kleintheater musste laut Dominique Lorenz mitgedacht, jedes Detail berücksichtigt und manchmal auch an der der Bühne mitgebaut werden. Nach der Vorstellung gab's dann "Côtes du Rhône und bestes Schnitzel von Frau Waibel – mitsamt der Diskussion, Auseinandersetzung, Provokation". Dominique Lorenz, die durch TV-Produktionen längst zu einem bekannten Gesicht in der Schauspielerei geworden ist, fasst ihre Zeit in Singen wie folgt zusammen: "Blabla war nicht erlaubt. Ich hab' fürs Leben gelernt. Danke Dir sehr, Peter. Danke, Cornelia. Danke, Färbe."

"Blabla war in der Färbe nicht erlaubt. Ich hab' dadurch fürs Leben gelernt. Danke Dir sehr, Peter. Danke, Cornelia. Danke, Färbe."<br><br><b>Dominique Lorenz</b>
"Blabla war in der Färbe nicht erlaubt. Ich hab' dadurch fürs Leben gelernt. Danke Dir sehr, Peter. Danke, Cornelia. Danke, Färbe."

Dominique Lorenz | Bild: agentur scenario