Gerda Schiller ist 83 Jahre alt. Sie hat seit über 60 Jahren einen anderen Nachnamen. Doch das spielt keine Rolle mehr. Sie hört nämlich besser auf ihren Mädchennamen Schiller. Sie legte stets Wert darauf, dass die Fenster ihres Hauses in einem Singener Teilort geputzt waren. Sie rubbelte täglich mit einem Lappen alle Schlieren weg.

Eines Tages wurde die Tochter stutzig: Die Fenster waren verdreckt. „Wenn ich Fragen gestellt habe, ist Mama ausgewichen. Mama erinnerte sich gut an früher – etwa, dass ihre Schwester bei der Einschulung zwei Zöpfe hatte. Aber dass gerade eben die Frau von nebenan zu Besuch war, wusste die Mama nicht mehr. Obwohl der 4711-Geruch der Nachbarin noch in der Luft hing“, so erzählt die Tochter.

Rückspiegel in die Vergangenheit

Sie will ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Weil sie nicht auf die Demenz ihrer Mutter angesprochen werden möchte. Die Mutter habe den Geldbeutel in den Kühlschrank gelegt. Die Tochter fürchtete, die Mutter könnte die Treppen hinunter stürzen.

So wie die Schlieren den Blick aus dem Fenster erschweren, so bedeckt die Demenz den Blick von Gerda Schiller in die Gegenwart – während der Rückspiegel in die Vergangenheit groß und meistens sauber ist. Zum Glück konnte Gerda Schiller schnell in ein Pflegeheim umziehen.

Wenn Angehörige an Grenzen stoßen

Ab wann kann ein dementer Mensch nicht mehr alleine leben? Wann ist ein Umzug ins Altenheim notwendig? Heidrun Gonser, Heimleiterin des Pflegeheimes Servicehaus Sonnenhalde in Singen, sieht den Zeitpunkt gekommen, wenn jemand seinen Alltag nicht mehr strukturieren kann und die Unterstützung und Begleitung zu Hause nicht mehr gewährleistet werden kann, oder wenn Angehörige an ihre Grenzen stoßen.

Olaf Schulze, Pflegeberater des Pflegestützpunktes Landkreis Konstanz, ergänzt: „Wenn sich jemand selbst in Gefahr bringt, besteht Handlungsbedarf.“ Das bedeutet: Wer hin und wieder den Geldbeutel verlegt oder bei Hausarbeiten nachlässig wird, kann trotzdem noch viele Jahre zuhause leben. Wenn Gerda Schiller jedoch zuviel, zu wenig oder die falschen Tabletten einnimmt, kann sie sich in Gefahr bringen. Ebenso, wenn sie die Treppe hinunterstürzt. Dann könnte ein Umzug in ein Altenheim eine Lösung sein.

„So viel Freiheit wie möglich“

Ein Heim, das über einen demenzgerechten Bereich verfügt, ist das Servicehaus Sonnenhalde in Tengen. Es wurde letztes Jahr neu gebaut. Die 90 Heimplätze sind voraussichtlich bis Sommer alle belegt. Heimleiterin Lisa Meißner schildert: „Unser Haus verfügt über Platz speziell für Menschen mit Demenz.“ Hier unterscheide man zwei Arten.

Demente Menschen ohne Hinlauftendenz (siehe unten) leben in offenen Wohngruppen. Betroffene, die den ständigen Drang zum Laufen haben und desorientiert sind, leben im beschützten Demenzbereich. Da dieser mit einem Schloss gesichert ist, ist hier ein richterlicher Unterbringungsbeschluss notwendig. „Wichtig ist, dass Menschen mit Demenz so viel Freiheit wie möglich haben und nicht weggesperrt werden“, betont Schulze.

Landhausstil für ein „Daheim-Gefühl“

Lisa Meißner erklärt: „Der Demenzgarten im Servicehaus ist bereits abgezäunt. Ab sofort wird der Garten noch schön angelegt. Bald wird es dort Sitzgelegenheiten geben.“ Der Demenzgarten befindet sich neben der Cafeteria. Die Türe wird in der warmen Jahreszeit tagsüber offen sein, damit die Menschen sich frei bewegen können und nicht das Gefühl haben, eingesperrt zu sein.

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Das Pflegeheim wurde bewusst im Landhausstil eingerichtet. Man findet Geweihe, einen Kachelofen und einen offenen Kamin. Der Stil soll sich in die Region einfügen und den Bewohnern ein „Daheim-Gefühl“ vermitteln. Egal, ob sie durch verschmierte Fenster der Gegenwart schauen – oder im Rückspiegel in die Vergangenheit.

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