Er agiert so als gäbe es keine Pensionierung. Gerade hat Singen Oberbürgermeister Bernd Häusler seine Begrüßungsrede inklusive eines Parforceritts durch die aktuellen Themen der Stadt beendet und noch sind seine Kollegen aus der Kommunalpolitik mit Klatschen beschäftigt, da hält es Landrat Frank Hämmerle auch schon nicht mehr auf dem Stuhl. Der Mann braucht offensichtlich Bewegung, denn er bleibt nicht an seinem zugewiesenen Platz, sondern sucht den freien Raum zwischen den festlich eingedeckten Tischen im Bürgersaal des Singener Rathauses. Ob er das bewusst oder unbewusst macht, sei dahingestellt. Klar ist: Der Mann will gehört werden und das von allen Seiten.

Erst ganz der joviale Typ...

Pflichtschuldigst verneigt er sich zunächst vor der Leistung der Stadt Singen, die den Zuzug von Menschen und die strukturellen Anpassungen des andauernden Wirtschaftsbooms famos meistert. Ganz besonders aber gefällt ihm die Förderung des kulturellen Lebens, ordnet dabei im Vorbeigehen das den Bürgersaal prägende Triptychon von Curth Georg Becker in den historischen Zusammenhang ein. Dann folgt ein amüsanter Exkurs über die persönlichen Unzulänglichkeiten bei der Bedienung einer Brotschneidemaschine, die dem Landrat fast den Daumen gekostet hätten – und in der Rede des Frank Hämmerle erkennt man bis dahin ganz den jovialen Landrat der vergangenen Dekaden.

...dann wird der Landrat grundsätzlich

Sodann aber steht er da und kann nicht anders. Gestik und Mimik unterstreichen ein Plädoyer für eine Politik der Bürgernähe, von der man sich nicht verabschieden dürfe. Die Menschen bräuchten Schulen und Straßen und Problemlösungen im Alltag, wobei "ideologisch verklemmte Debatten" wenig hilfreich seien. Ohne Bezug darauf zu nehmen, tauchen in den Köpfen der Zuhörer zwangsläufig jene Diskussionen auf, da sich Frank Hämmerle wenn nicht mit Gott, so doch zum Beispiel mit der Kanzlerin anlegte, was in diesem Land wohl zu schaffen ist oder was eben nicht.

In seltsamen Kontrast steht diese Streitlust mit einem weiteren Grundsatz, den der Landrat mit begrenzter Restamtszeit seiner Nachfolgerin oder seinem Nachfolger mit auf den Weg gibt. Am westlichen Bodensee komme es vor allem auf Einigkeit an und da sei er gut damit gefahren, die Gemeinden am See nicht gegen die im Hegau auszuspielen. Das sei, sagt Frank Hämmerle, die erste Grundpflicht eines Landrats im Kreis Konstanz. Bei der Methode, wie das funktionieren kann, rät er zu "langen Diskussionen bis zur Einstimmigkeit". Dass er diese gern hinter verschlossenen Türen führt, muss er im Rahmen des Nachbarschaftsweins nicht unbedingt erwähnen.

Nachfolger kann sich auf was gefasst machen

Ob das weiterhin funktionieren wird? Der Nachfolger von Frank Hämmerle wird Geld benötigen, viel Geld. Da ist der vom Landkreis betriebene Klinikverbund, dessen Liquiditätsengpässe nur durch eine Bypass-Operation provisorisch behoben sind. Oder der geplante Bau eines Berufsschulzentrums in Konstanz für 100 Millionen Euro und auch die kleineren Vorhaben wie die kreisweiten Verbesserungen sind maßgeblich von den Städten und Gemeinden des Landkreises zu finanzieren.

Hier Einigkeit zu schaffen, wird keine leichte Aufgabe – unabhängig davon, wer im Landratsamt an der Spitze steht. OB Bernd Häusler beispielsweise wies auf die absurde Situation hin, dass die prosperierende Stadt nur über einen mehrstelligen Millionen-Kredit die Abgaben an den Landkreis finanzieren kann. Und Engens Bürgermeister Johannes Moser hält die 100-Millionen-Euro-Investition für das Berufsschulzentrum in Konstanz für "eine große Nummer, über die wir noch mal reden müssen". Bei solchen Gesprächen nicht mehr mit dabei sein wird Frank Hämmerle. Die Pensionierung – sie gibt es eben doch.