Ganz toll findet sie es, dass hier so viele Menschen aus so unterschiedlichen Generationen zusammen feiern. Besonders über die Kindergesichter im Publikum freut sich Nightwish-Sängerin Floor Jansen. Höflich dankt die Frau im Lederkostüm allen für ihr Kommen. Sie nickt und strahlt ihr sympathischstes Lächeln. Man möge doch bitte aufeinander achten, wenn gleich das nächste Lied beginnt, schiebt sie noch in perfektem Englisch hinterher. Dann bricht die Apokalypse über Schaffhausen herein.

Emppu Vuorinen entlockt seiner tiefergestimmten E-Gitarre ein brachiales Riff. Eine Lärm-Attacke, die Bass und Schlagzeug mit stampfendem Getöse kontern. Wie von einem Dämon besessen wirbelt Floor Jansen ihre rotbraune Mähne im Kreis umher, während die vornehmlich schwarz gekleideten Festivalbesucher in den vorderen Reihen zu springen anfangen.

Eskapismus mit Nightwish: Das Publikum lässt sich von den Finnen in eine düstere Sagenwelt entführen.
Eskapismus mit Nightwish: Das Publikum lässt sich von den Finnen in eine düstere Sagenwelt entführen. | Bild: Stars in Town

Dann greift die Sängerin zum Mikrofon. Im Stile einer Opern-Altistin singt sie ihr Lied. Es ist eine verzweifelte Arie, die den Titel "Slaying the Dreamer" trägt. Von der gespaltenen Zunge, mit der der Geliebte ihre ächzenden Wunden geleckt habe, ist die Rede. "Put a Stake Through my Heart" – jag mir einen Pfahl durchs Herz – flammt der Text des Refrains hinter Floor Jansen auf. Karaoke für Metal-Fans.

Von der Arie bis zum Metal-Schrei: Sängerin Floor Jansen überzeugt in Schaffhausen mit stimmlicher Variabilität.
Von der Arie bis zum Metal-Schrei: Sängerin Floor Jansen überzeugt in Schaffhausen mit stimmlicher Variabilität. | Bild: Patrick Casutt, Stars in Town

Überhaupt, diese Video-Leinwand. Ohne die gigantischen Bilder hinter den sechs Musikern wäre die Show von Nightwish nicht vorstellbar. Sie beginnt bereits bevor die Band die Bühne betreten hat, mit einem zart in sich zusammenschmelzenden Eis-Wasserfall, und endet in Flammen. Dazwischen fliegen Krähen über Friedhöfe, heulen Wölfe den Mond an, züngeln Schlangen den Zuschauern entgegen. Die wissen während des Konzerts, das – wie auch sonst? – um Mitternacht endet, gar nicht mehr, ob hier die Bilder die Musik umrahmen oder doch umgekehrt: die Musik die Bilder.

Nightwish braucht die Nacht

Am Ende ist es auch egal. Jedenfalls passt Nightwishs episch große Nachtmusik perfekt zum Herrenacker, diesem mittelalterlichen Hof in der Altstadt von Schaffhausen. Man kann sich während des zweistündigen Auftritts gar nicht vorstellen, vor welcher Kulisse die Finnen sonst hätten spielen können. Allein die Idee, dass sich die Bandmitglieder in T-Shirts und Jeans zum Musizieren im Probekeller verabreden, wirkt absurd. Nightwish braucht die Dunkelheit, die Weite, das Spektakel. Schließlich sind ihre symphonischen Metal-Songs voll von Motiven aus Märchen, Mythen und Sagen.

Gesungen werden sie von der sexy Geschichtenerzählerin Floor Jansen und ihrem optischen Gegenbild, Marco Hietala. Der Bassist sieht aus wie ein Druide, der vor 300 Jahren in seinen eigenen Zaubertrank gefallen und seitdem nicht mehr gealtert ist. "Reitet mit uns den Kometen", lautet eine seiner herrlich skurrilen Ansagen, die er mit der Stimme eines Disney-Bösewichts hervorstößt.

Ein Mann, dessen Alter schwer zu schätzen ist: Nightwish-Bassist Marco Hietala.
Ein Mann, dessen Alter schwer zu schätzen ist: Nightwish-Bassist Marco Hietala. | Bild: Manuel Lopez, Stars in Town

Addiert man zu alldem noch Flöten, Explosionen, Dudelsack und Funkenregen, dann versteht man vielleicht, warum die Band die Besucher am ersten Abend von Stars in Town einigermaßen sprachlos zurücklässt. Auch wenn vor dem Auftritt nur wenige die Lieder der Gruppe gekannt haben dürften, nach diesem Konzert werden sie Nightwish und ihre Lieder von Eis und Feuer nicht so schnell vergessen.