September 1982, Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt, Kohl wird Kanzler, zeitgleich beginnen Sie Kabarett zu machen. Herr Priol, waren diese politischen Ereignisse für Sie der Auslöser, auf die Bühne zu gehen?

Ich habe schon Mitte der 70er angefangen mich politisch zu interessieren. Für uns „junge Wilde“ war es eine grauenhafte Vorstellung, dass Helmut Kohl jemals Kanzler werden könnte. Ich bin damals Taxi gefahren und habe im Radio erfahren, dass Schmidt raus ist und Kohl kommt.

Ja, in der Tat war das damals der Auslöser, dass ich auf die Bühne ging. Ich hatte dann gleich im Oktober in Aschaffenburg meinen ersten Gastauftritt und habe da schon versucht, Helmut Kohl nachzumachen. Daher sage ich heute noch gern: Der Dicke und ich haben zeitgleich angefangen, Kabarett zu machen.

Welches Thema ist für Sie ein Dauerbrenner und funktioniert heute noch genauso wie damals?

Hm, da gibt es ein paar… Umwelt geht immer. Damals haben uns vor allem die Atomkraftwerke und Wiederaufbereitungsanlagen beschäftigt, wir sind auf die Straße gegangen und haben demonstriert. Okay, die Atomkraftwerke sind jetzt bei uns nicht mehr so präsent, aber wenn man beispielsweise mal nach Nordrhein-Westfalen geht, 70 Kilometer weiter in Tihange, dieses marode Kraftwerk, das belgische „Fritten-Tschernobyl“, wo so ein Quatsch passiert und man an die Bevölkerung Jod-Tabletten verteilt, falls mal was passiert. Das schlägt die Brücke zurück in die Achtziger, wo man immer sagte: Keine Angst vor dem Atomkrieg, Ruhe bewahren, Aktentasche über den Kopf und warten bis der Atomkrieg vorüber ist. Was in den ganzen Jahren nicht nachgelassen hat, sind die amtlichen Verdummungsversuche gegenüber der Bevölkerung. Das wurde im Laufe der Zeit vielleicht ein bisschen abgeschwächt, durch die Möglichkeiten, sich in den sozialen Medien zu informieren – wenn man sie denn richtig nutzt.

In ihrem neuen Programm „gesternheutemorgen“ bringen Sie neben brandaktuellem Kabarett auch Programm-Highlights der letzten Jahrzehnte. Warum der Rückblick?

Das habe ich mir zu meinem 35jähigen Bühnenjubiläum einfach mal selbst geschenkt. Es ist aber kein „Best of“ im klassischen Sinne, sondern es sind nur vier oder fünf alte Nummern, die einfach gut in das gesamte Gefüge passen.

Sie haben lange TV-Formate im ZDF, und auf 3Sat gemacht, zurzeit nur noch ihren Jahresrückblick „Tilt“ im ZDF. Warum?

Regelmäßig TV zu machen ist in der Tat eine wahnsinnige Herausforderung. Ich bin jetzt oft bei Kollegen zu Gast. Ich bin durchaus noch da, aber man muss auch gucken, was in den neuen Medien möglich ist. Grundsätzlich komme ich von der Bühne, bin auf der Bühne und das macht mir viel Freude.

Welches Ereignis hat Sie denn in den vergangenen 35 Jahren am meisten bewegt?

Das war natürlich im Jahr 2015, als die ganzen Flüchtlinge kamen und zu beobachten war, welch großes ehrenamtliche Engagement in diesem Land möglich ist und wie das gleichzeitig von der Politik torpediert wurde. Zu sehen, wie sich einige Parteien seitdem selbst demaskiert haben und von den Werten „christlich“ oder „sozial“ im Grunde nichts mehr übrig ist, sondern nur noch blindes Hinterherlaufen populistischer Meinungen und rein wirtschaftlicher Interessen.

Und was hat sie privat am meisten bewegt?

Es ist einfach schön zu sehen, wie meine Tochter erwachsen wurde und die heutige Herangehensweise an das Berufsleben – gerade im Vergleich zu mir, als ich in dem Alter war. Also, das begleiten und kommentieren zu können, das macht mir enorme Freude und ist auch der Quell, der mich jung hält.

Fragen: Nicola M. Westphal

 

Zur Person

Urban Priol (geboren 1961 in Aschaffenburg) studierte nach dem Abitur Lehramt, brach das Studium allerdings kurz vor dem Examen ab. Im Jahr 1988 war er Mitbegründer der Kleinkunstbühne Kochsmühle in Obernburg und ist seit 1998 Inhaber des Hofgarten Kabarett Aschaffenburg. 2004 bekam er mit „Alles muss raus“ seine erste eigene TV-Sendung, es folgten viele weitere Formate, unter anderem „Neues aus der Anstalt“ im ZDF. Am 24. März, ist er um 20 Uhr in der Singener Stadthalle zu sehen. Tickets gibt es über den Veranstalter, die Singener Gems unter (07731) 6 65 57 oder www.diegems.de sowie bei allen bekannten Vorverkaufsstellen und an der Abendkasse.