Durch den Klimawandel gerät die Welt aus den Fugen, in Singen jedoch könnte er in einem lokalen Konflikt zum Friedensstifter werden. Moderate Töne jedenfalls schlug Oberbürgermeister Bernd Häusler beim jüngsten Bahn-Gipfele in Sachen Singener Kurve an. „Die Stadt hat sich nie gegen die Singener Kurve für den Güterverkehr gewehrt“, so hob er im Zusammenhang der geplanten Optimierung der Gäubahn beziehungsweise der Bahnverbindung von Stuttgart nach Zürich hervor. „Wir waren aber erschrocken über Gedankenspiele, den Personenverkehr ebenfalls am Singener Bahnhof vorbei über die Singener Kurve zu leiten.“

Aus Sicht des Singener Gemeinderats wäre das in der Tat ein schlechter Witz. Täglich nutzen 15 000 bis 16 000 den Bahnhof in Singen, der damit für den Wirtschaftsstandort, aber unter anderem auch für die Schulen als eine Art Lebensnerv der Stadt angesehen werden kann. Daraus wiederum leiteten sich Entscheidungen des Gemeinderats für die Stadtentwicklung ab, zu denen der derzeitige Bau eines neuen Busbahnhofs für mehr als zehn Millionen Euro zählt. Die Empörung im Gemeinderat auf Überlegungen, mit dem Güter- auch den Personenverkehr am Singener Bahnhof vorbei zu lenken, war entsprechend groß. Im Februar 2017 lehnten die Stadträte deshalb die Singener Kurve ab.

Bild: Tesche, Sabine

Einen starken Verbündeten hat die Stadt im Bundestagsabgeordneten Andreas Jung. Der CDU-Politiker genießt innerhalb seiner Partei als Experte bei Nachhaltigkeitsthemen einen exzellenten Ruf und ist vor dem Hintergrund der Debatte um den Klimawandel derzeit sowohl im politischen Berlin als auch in überregionalen Medien ein gefragter Mann. Beim Bahn-Gipfele sagte er zu, sich des Problems um die Singener Kurve anzunehmen. Das Ziel: Der Singener Bahnhof soll seine Bedeutung für den Personenverkehr behalten. „Singen ist keine Milchkanne und auch keine Suppenschüssel“, so der Politiker, der damit auf vermutete Vorurteile in den oberen Etagen des Bahnkonzerns anspielte, wonach es sich bei der Gäubahn um eine im ländlichen Raum verkehrende Bimmelbahn und nicht um die Verkehrsanbindung für eine wichtige Wirtschaftsregion handeln könnte.

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Die Zuversicht von Andreas Jung rührt vor allem daher, dass die wesentlichen Entscheidungen in Sachen Gäubahn getroffen sind. Das Bundesverkehrsministerium hat die Modernisierung der Bahnverbindung als vordringlichen Bedarf erkannt und stellt bis 2030 dafür 550 Millionen Euro zur Verfügung. Dass in Berlin die Bedeutung der Gäubahn inzwischen anders als früher eingestuft wird, mag man auch daran ersehen, dass die eingeplante Investitionssumme über dem geforderten Betrag lag – ein laut Andreas Jung höchst seltener Beschluss. Da in der langjährigen Debatte um die Ertüchtigung der Gäubahn laut Andreas Jung inzwischen eine partei- und institutionsübergreifende Einigkeit feststellbar sei, müsste sich ein lokales Problem wie das der Singener Kurve regeln lassen.

Alle wollen den zügigen Ausbau der Gäubahn. Andreas Jung (vorne) ist zuversichtlich, dass dabei auch das Problem der Singener Kurve gelöst werden kann. Auf den Erfolg des CDU-Bundestagsabgeordneten setzen (von unten nach oben) OB Bernd Häusler, IHK-Präsident Thomas Conrady und der Verkehrsexperte Ulrich Grosse.
Alle wollen den zügigen Ausbau der Gäubahn. Andreas Jung (vorne) ist zuversichtlich, dass dabei auch das Problem der Singener Kurve gelöst werden kann. Auf den Erfolg des CDU-Bundestagsabgeordneten setzen (von unten nach oben) OB Bernd Häusler, IHK-Präsident Thomas Conrady und der Verkehrsexperte Ulrich Grosse. | Bild: Tesche, Sabine

Die Debatte um den Klimawandel und die Erfordernisse eines Ausbaus des öffentlichen Verkehrsnetzes spielen Andreas Jung dabei in die Hände – und das ausgerechnet deshalb, weil sich der Politiker aus Berliner Sicht in einem fernen Wahlkreis an einer EU-Grenze befindet. Von seinem heimischen Schreibtisch auf der Reichenau habe er freie Sicht auf das in der Schweiz gelegene Ermatingen, wo der letzte Zug um 0.35 Uhr abfahre. In Stockach, so sein Vergleich, sei das um 21.16 Uhr der Fall. „Ende der Durchsage“, so der trockene Kommentar von Andreas Jung, der damit in der Bundeshauptstadt regelmäßig das hierzulande herrschende Defizit im Vergleich mit dem Bahnangebot in der Schweiz verdeutlicht.

Umgekehrt kann Andreas Jung auf eine breite Unterstützung setzen, wenn es um die konkrete Umsetzung der Gäubahn-Modernisierung geht. Gerd Springe, der als Vorsitzender des Singener Marketing- und Standortvereins „Singen aktiv“ die Interessen zahlreicher Unternehmen in Stadt und Region vertritt, rechnete beim Bahn-Gipfele vor, welche volkswirtschaftlichen Ressourcen durch den derzeitigen Zustand der Gäubahn verloren gehen. So würden schon jetzt über die Gäubahn jährlich 485 000 Tonnen Material für Singener Großbetriebe angeliefert. Auch die Abhängigkeit vom Auto für führende Mitarbeiter global aufgestellter Unternehmen stuft er als Nachtteil für die Betriebe in der Region ein.

Die Singener Kurve als Frage des Vertrauens in die Politik und die Deutsche Bahn

  • Was ist die Singener Kurve? Die Modernisierung der Gäubahn sieht unter anderem eine schnellere Bahnverbindung zwischen Stuttgart und Zürich vor. Die Optimierung betrifft sowohl den Güter- als auch den Personenverkehr. Für einen schnelleren Güterverkehr plant die Bahn den Neubau eines Gleises, das auf Höhe des Landesgartenschau-Areals direkt zur Bahnlinie nach Schaffhausen abzweigt. Bisher fahren die Güterzüge bis zum Singener Bahnhof, wo sie dann in entgegengesetzter Richtung nach Schaffhausen umkehren. Die Verbindungskurve ist eingleisig geplant und soll Geschwindigkeiten bis zu 80 km/h ermöglichen.
  • Wo ist das Problem? Bei der Deutschen Bahn stehen meist Fernverbindungen im Fokus. Die Gäubahn ist im Bereich des Personenverkehrs dabei vor allem für die Verbindung Stuttgart-Zürich und darüber hinaus für die Achse Berlin-Mailand interessant. Singen spielt dabei als Haltepunkt eine untergeordnete Rolle. Und das heißt: Mit der Singener Kurve würden die Fernzüge entweder an Singen vorbeifahren oder aber es müsste eine Station im Westen Stadtbereich gebaut werden. So oder so würde das Konzept des Bahnhofs Singen als zentralem Verkehrsknotenpunkt an Bedeutung verlieren.
  • Wie ist die Position des Gemeinderat? Die Stadträte lehnten das Vorhaben der Deutschen Bahn im Februar 2017 einstimmig ab. Zugrunde lag dabei die Befürchtung, dass wirtschaftliche Interessen des Unternehmens vor der Notwendigkeit eines funktionierenden öffentlichen Verkehrsnetzes rangieren. Ein besonderes Problem stellt dabei die Kommunikationspolitik der Deutschen Bahn dar, weshalb Oberbürgermeister Bernd Häusler inzwischen „den Glauben an die Deutsche Bahn verloren hat“. Nach wie vor gibt es Befürchtungen, die Bahn könnte den Personenverkehr generell über die Singener Kurve leiten.
  • Wie ist der aktuelle Stand der Dinge? Die Kommunikation mit der Deutschen Bahn ist nach wie vor schwierig, was OB Häusler unter anderem auf den Zuständigkeits-Dschungel des Konzerns zurückführt – und wie er beim Bahn-Gipfele durchblicken ließ, entstehe dabei durchaus schon mal der Eindruck, dass es sich um eine bewusste Hinhaltetaktik handeln könnte. Der Bundestagsabgeordnete Andreas Jung dagegen nimmt die Deutsche Bahn und das Bundesverkehrsministerium beim Wort. Den jüngsten Stellungnahmen zufolge soll der Singener Bahnhof nicht vom Personenverkehr abgekoppelt werden.